Syker Vorwerk zeigt Werke der Weyher Künstlerin Anja Schindler

Grinsend ins Grab

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Nudeln in Öl und andere Merkwürdigkeiten: Anja Schindler im Vorwerk. ·

Syke - Von Rainer BeßlingDie malerischen Belege für das anfängliche Italien-Empfinden der Künstlerin fallen klassisch aus. Leuchtend gelb liegen Zitronen auf Texten verschiedenster Herkunft, ein multikultureller Mix. Die Formen der Südfrüchte entsprechen nicht dem, was die strenge EU-Richtlinie auf den Markt lässt. Diese Gewächse haben Nasen und Furchen, individuelle Gestalt statt Norm.

Im Jahr 1990 hatte Anja Schindler, damals Studentin der HfK Bremen, ein Auslandssemester an der Accademia di Belle Arti in Perugia verbracht. Eine folgenreiche Visite. Zwei Jahre später bezog sie ein Atelier in Sorbello und blieb bis 2006 in Italien. Dass sie ihre Heimatstadt Weyhe hatte verlassen müssen, um ihren künstlerischen Interessen zu folgen, war ihr schon früh bewusst geworden. Dass auch Bremen zu eng werden würde, merkte sie ebenfalls schnell. Seit sechs Jahren lebt die 1963 geborene Künstlerin nun wieder in Deutschland, in der Nähe von Cochem an der Mosel. Eine bewegte Biografie also. „Percorsi“, Wege, heißt entsprechend eine Ausstellung im Syker Vorwerk, mit der Anja Schindler ihrer Heimatregion einen Besuch abstattet und in der sie Erträge ihrer Ausflüge und Erkundungen zeigt.

Die Zitronen ebenso wie Streifenbilder in Blau und Gelb, die an den vorsommerlichen Aufbruch an den italienischen Küsten erinnern, sind die eine, eher äußerliche Seite der mediterranen Impressionen. Die anderen Fundstücke gehen tiefer und reichen weit in die Geschichte zurück. Schnell ist die Künstlerin in Umbrien mit den Relikten der Etrusker in Berührung gekommen und hat ihre Faszination für diese frühe Hochkultur entdeckt. Zum einen überraschte sie die Figurenauffassung, in der sie Parallelen zu ihren eigenen Zeichnungen sah. Dann verblüffte sie ein Totenkult, der sich in Grabkammern voller lebenszugewandter Malereien widerspiegelt. Figuren auf den Sarkophagen zeigen Menschen, die lächelnd dem Jenseits entgegen zu gehen scheinen. Schließlich begeisterte die Künstlerin der hohe Entwicklungsgrad der Kultur, die von den Römern brutal verdrängt worden ist.

So finden sich nun in einigen Räumen des Syker Vorwerks Zitate von Figuren, Zeichen und Schrift aus etruskischen Grabkammern. In ihrer Malerei lässt die Künstlerin sie aus collageartig aufgebrachten Oberflächen wie archäologisch frei gelegte Funde bruchstückhaft aufscheinen. Der Text ist dem historischen Objekt entsprechend von rechts nach links geschrieben. Das fällt Anja Schindler nicht schwer, die mit links zeichnet und zum Schreiben mit der rechten Hand schulisch gedrillt worden ist.

In Spiegelschrift erhalten die Notate zudem eher zeichnerischen Charakter und wirken wie Seismographen von Stimmungen. Zu einer Reihe von schmalen Tafeln mit rotem Siegellack ließ sich die Künstlerin motivisch von ihren Kindern anregen. Zwischen der Einfachheit und Klarheit der frühen Kultur auf der einen sowie die Unverfälschtheit und Spontaneität der Zeichnungen von Kindern auf der anderen Seite ist hier eine Brücke gebaut, ohne dass beides gleichgesetzt würde.

Ein besonderes Sujet begleitet Anja Schindler schon seit ihrem Studium bei Peter Schäfer an der Bremer HfK. Das sind Zeichnungen von Schauspielern, Sängern und Tänzern. Vom Bremer Leibnizplatz und der Bremer Shakespeare Co. über München bis nach Venedig und Bologna reicht die Bühnenroute. In vielen Proben sind die Skizzen entstanden, im besten Fall klare Konturen, die mit wenigen Strichen Bewegung und Ausdruck einfangen.

Doch die Ausstellung versammelt nicht nur Kunstwerke und Fundstücke, sie ist auch eine Schau über das Sammeln und Ausstellen selbst. In einem Projekt folgte Anja Schindler den Pfaden des Autors D.H. Lawrence, der zu Anfang des 20. Jahrhunderts der etruskischen Kultur nachspürte. In Kästen präsentiert sie nun ihre Fundstücke von heute: Steine, die schon vor 2000 Jahren dort gelegen haben, Zivilisationsmüll, Pflanzenteile.

Der Blick des Schriftstellers interessierte sie, der ein anderer ist als der des Wissenschaftlers. Überhaupt zeigt sich die Künstlerin der Forscherperspektive und Museumshaltung gegenüber skeptisch. Was weiß man gesichert? Wie lange halten die Erkenntnisse? Was präsentiert man wie? Welchen Kategorien folgt die Ordnung?

Die Künstlerin sympathisiert eher mit den historischen Wunderkammern, in denen aus allen Lebensbereichen Wissenswertes und Bestaunenswürdiges zusammenkamen. Einen Bezug zur Region stellt sie her, indem sie die historische Faustkeile- und Steine-„Sammlung Dr. Hoopmann“ aus Bruchhausen-Vilsen in ursprünglicher Vitrinenform neben ihre eigenen Konservierungsgläser stellt. Gefüllt sind diese mit Alltagsstücken: Bohnen, Erbsen, Nudeln in Öl. Warum solch banale Inhalte? Geschichte und Gegenwart sieht Anja Schindler als Parallelwelten. Vergangenes wird nicht unbedingt von Aktuellem und Künftigem übertroffen. Das Werthaltige und Gültige aller Epochen bedarf der kundigen Wahrnehmung, Achtung und Bewahrung. In Frieden mit dem Alltag und in Einklang mit der Natur leben – auch das spricht aus dieser anschauungsreichen künstlerischen Werk- und Wege-Chronik.

Bis 5. August im Vorwerk. Öffnungszeiten: Mi. 15-19 Uhr, Sa. 14-18 Uhr, So. 11-18 Uhr.

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