INTERVIEW Zum 60. von Christoph Schlingensief: Dramaturg Carl Hegemann über den Regisseur

Grenzüberschreitungen, die fehlen

Christoph Schlingensief (r.) bei der Aktion „7 Tage Notruf für Deutschland“ in Hamburg im Oktober 1997.
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Christoph Schlingensief (r.) bei der Aktion „7 Tage Notruf für Deutschland“ in Hamburg im Oktober 1997.

Berlin – Christoph Schlingensief agierte wie kein anderer im Spannungsfeld zwischen Realität und Kunst: Mit Aktionen wie „Chance 2000“ und Filmen wie „Das deutsche Kettensägenmassaker“ warf er Grenzen über den Haufen und sprengte Konventionen. Schlingensief forderte vor allem sich selbst, aber auch Mitwirkende und das Publikum stets auf Neue heraus.

Im August 2010 verstarb der Film-, Theaterregisseur und Aktionskünstler an Krebs. Heute wäre Christoph Schlingensief 60 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass erinnert sein Dramaturg Carl Hegemann im Interview daran, was Schlingensief in seiner Arbeit wichtig war, wieso er mit der Bezeichnung Provokateur nichts anfangen konnte und warum Gefahr zum Theater gehört.

Zehn Jahre nach seinem Tod hat die Kunst von Christoph Schlingensief mit der Veröffentlichung eines Dokumentarfilms und einem Interviewband in diesen Tagen wieder hohe Aufmerksamkeit erzeugt. In Ihrem Essay „Kunst und Gefahr“ kommen Sie zu dem Schluss, dass jene Form von Aktionskunst, die Schlingensief geprägt hat, heute wahrscheinlich keine Chance mehr hätte.

Die Leute sind ja sehr erstaunt, wenn sie auf den DVDs sehen, was Christoph als Kunst im öffentlichen Raum – und nicht nur dort –, betrieben hat und was machbar war. Dadurch wird heute ein großer Zwiespalt wahrgenommen: Die Zuschauer realisieren, dass derartige Aktionen nicht mehr möglich sind und die Kunstfreiheit offenbar freiwillig aufgegeben worden ist. Es ist eine merkwürdige Tendenz, dass sich dieser Schritt nicht durch autoritäre Zensur vollzieht, sondern dadurch, dass die Künstler freiwillig dem Publikum bestimmte Kunst nicht mehr zumuten wollen. Für mich bedeutet das, dass die Kunst jetzt ein Teil der Gesellschaft geworden ist und nicht mehr die Funktion einer Heterotopie wahrnimmt, eines Ortes an dem sonst geltende Regeln außer Kraft gesetzt sind. Man könnte auch marxistisch sagen, die Kunst wird reell unter das Kapital oder unter den Verwertungsprozess subsumiert, sie muss eine klare Funktion haben. Christoph hat immer Wert darauf gelegt, dass er, sobald das Publikum zu wissen meinte, was beabsichtigt war – wenn er zum Beispiel den Österreichischen Staat anprangerte – sofort noch eine Volte schlug, die eine andere Dimension eröffnete. Das gibt es jetzt eigentlich so gut wie überhaupt nicht mehr. Wenn Dinge erscheinen, die sich nicht klar einordnen lassen, und daher nicht eindeutig interpretierbar sind, dann werden sie abgelehnt – und zwar nicht so sehr von den Behörden, als von vielen Künstlern, Kuratoren und Kunstfreunden selbst. Also auch vom Publikum.

Interessanterweise ist es bei einer ganzen Reihe von Schlingensief-Aktionen so gewesen, dass mit ihnen im sozial-politischen Bereich konkrete Verbesserungen erreicht wurden: So wurde zum Beispiel mit der Arbeit um die „Hamlet“-Inszenierung Neonazis effektiv zum Ausstieg aus der rechten Szene verholfen. Das Operndorf in Burkina Faso umfasst heute eine Schule, ein Krankenhaus und mehrere weitere soziale Einrichtungen, wenngleich auch keine Oper. Wie hat Schlingensief die Verknüpfung von Kunst und Sozialarbeit gesehen?

Für Christoph war es keine Sozialarbeit. Er hat nicht gesagt, wir nutzen die Kunst, um den Menschen dieser Gruppen etwas Gutes zu tun. Sondern wir brauchen diese Leute, diese genuinen Spezialisten, wie er sie gerne genannt hat. Wir brauchen sie für unsere Kunst, die ohne unberechenbare Elemente steril wird. Und das war das Gute. Wir haben uns viel über die Dialektik und Problematik des Helfens auseinandergesetzt. Die Teilnehmer fühlten sich nicht instrumentalisiert. Sie waren nicht Opfer einer karitativen Maßnahme, sondern sie wussten, dass sie für das Kunstwerk genauso wichtig waren wie die berühmten Schauspieler und Intellektuellen, die auch auftraten. Und Christoph hat sie auch genauso ernst genommen wie die anderen Mitspieler. Die etablierten Schauspieler hat es zum Teil ein bisschen geärgert, dass die Leute aus dem Behindertenheim auf einmal gleichberechtigt waren.

Woher kam seine Fähigkeit im Umgang mit Menschen?

Ich maße mir nicht an, das restlos zu erklären. Aber bei ihm war das ganz klar keine saure Christenpflicht, wo er sich einen Ruck gibt und sagt, wir müssen etwas für diese Menschen unternehmen. Bei ihm war es reine Neigung. Er fand einfach diese Leute genauso interessant wie Leute, die als normal gelten. Er machte da keinen Unterschied und hatte das einfach so verinnerlicht. Er interessierte sich für Menschen, die anders ticken. Und es war ihm vollkommen gleichgültig, welchen Status die in der Gesellschaft haben oder wie sie von anderen angesehen wurden.

Bei Schlingensief konnte das Publikum oftmals kaum zuordnen, was eigentlich wirklich gerade los war. Ich denke da zum Beispiel an Aktionen wie „Bitte liebt Österreich“ und „7 Tage Notruf für Deutschland“.

Für die Zuschauer ist es ja ziemlich oft im Theater so, dass sie dem Geschehen nicht folgen können. Der Unterschied bei Christoph war, dass die Darsteller und er selbst auch nicht Bescheid wussten. Bei aller akribischen Planung war immer irgendein Zufallsgenerator eingebaut, sodass vor den Aufführungen keiner wirklich wusste, wie sie am Ende ausgehen würden. Der Regisseur Einar Schleef, den wir ja auch immer sehr verehrt haben, hat gesagt, Theater ist so ein bisschen wie ein Zirkus wo die Tiger schön im Käfig sind, aber es ist eben auch schon vorgekommen, dass sie die Gitterstäbe übersprungen haben und plötzlich da waren, wo sie nicht hingehörten. Diese latente Gefahr und Ungewissheit, das ist ein Alleinstellungsmerkmal des Theaters, dass sich da lebende Menschen begegnen, und das heißt immer, dass man nie genau wissen kann, was da passiert.

Bei Schlingensief war es doch eher so, dass er die Käfigtür immer geöffnet hat.

Ja, er hat großen Spaß daran gehabt, die Käfigtür aufzumachen. Aber er war auch klug genug zu wissen, wann er sie wieder schließen muss. Wir haben immer sehr darauf geachtet, dass den Leuten nicht wirklich etwas passieren kann. Die Risiken waren weitgehend kalkuliert. Trotzdem gab es natürlich auch Grenzüberschreitungen, die eigentlich im Theater nicht passieren dürfen. Wenn jemandem, der in der ersten Reihe sitzt, ein Blumentopf an den Kopf fliegt, das darf eigentlich nicht sein.

Hat sich die Vorsicht auch auf Schlingensief bezogen oder hat er sich selbst manchmal größerer Gefahr ausgesetzt?

Er hatte ein großes Vertrauen, dass ihm nichts passieren kann. Deshalb war er ja auch so erschrocken, als ihm plötzlich eine schwere Krankheit diagnostiziert wurde. Er ist zwar sehr durch die Extreme gegangen, aber er war kein Wahnsinniger. Er hat eben einfach, was sich ja heute kaum noch einer traut, mit den Möglichkeiten der Kunst gespielt. Auch da, wo eigentlich nicht Kunst draufsteht. Man sollte nicht immer gleich merken, dass es Kunst war, weil eine Aktion durch die Etikettierung als Kunst gleich entwertet wird. Weil der Schluss gezogen wird, sie bedeutet nichts, sie hat keine reale Wirkung: ist ja nur Kunst, nur Theater, nur Spiel.

Schlingensief wurde oftmals als Provokateur eingestuft. Er hat das anderes gesehen: „Provokateur, enfant terrible, die Begriffe interessieren mich nicht. Es ist doch höchstens so, dass ich mich selber provoziere“, schrieb er zu „Chance 2000“. Wie erklären Sie sich die Diskrepanz in der Wahrnehmung?

Das ist ein ganz entscheidender Punkt. Das hat erst einmal grundsätzlich mit Kunst zu tun. Die Kunst soll sich ja gerade damit beschäftigen, womit man selbst nicht fertig wird. Eine Kunst, in der die Akteure alles schon im Kasten haben, braucht es nicht. Kunst muss auf Punkte verweisen, die den eigenen Verein und einen selbst verunsichern. Da geht es nicht um den selbstsicheren Menschen, der alles im Griff hat.

Christoph hat gesagt, ich muss auf der Bühne verhandeln, was mir selbst weh tut. Ob es den Zuschauern auch weh tut oder nicht, ist deren Sache. Aber darum geht es. Und das meinte Christoph mit Selbstprovokation. Bei ihm kam nichts auf die Bühne, was ihn nicht auch selbst verunsichert und gefährdet hat.

Können Sie von Ihrer Überraschung berichten, dass es den abgesagten Film, den Schlingensief als todkranker Regisseur über einen todkranken Regisseur drehen wollte, auf gewisse Weise dann doch schon gibt?

Ja, das ist wirklich außerordentlich. Und das ist auch Niemandem eingefallen, als wir diesen Film geplant haben, kurz vor seinem Tod. Er konnte wegen Krankheit und Bestrahlung seinen Wohnort Berlin nicht verlassen und wollte als Substitut für die ausgefallene Inszenierung bei der Ruhrtriennale, hier in einer Villa den Film über das Sterben eines Regisseurs drehen, in dem er von einem Schauspieler dargestellt worden wäre. Im Making-Off hätte man dann Christoph beim Dreh gesehen. Es ging ihm sehr schlecht. Er hatte aber einen starken Willen. Er vermutete, wenn er diesen Film dreht, ist das eine Lebens verlängernde Maßnahme. Die Vorbereitung für diesen Film war eine unglaubliche Geschichte. Wir haben in kürzester Zeit ein Drehbuch entworfen, den Drehort gefunden und viele Schauspieler engagiert. Dann wurde das Projekt abrupt abgesagt, obwohl eigentlich alle Voraussetzungen im gleichen Moment geschaffen waren. Das war eine kalte Dusche. Daran haben wir all die Jahre geknapst. Auch Voxi Bärenklau der Kameramann sagte, das war wirklich das Unglück.

Und wie sind Sie dann erst sehr viel später darauf gekommen, dass es den Film in gewisser Weise schon gibt?

Das ist völlig kurios. Ich habe vor etwa zwei Jahren und damit sehr spät Christophs Film „Udo Kier – Tod eines Weltstars“ (1992) gesehen. Der gehört irgendwie nicht zum Kanon. Ich fand damals, das ist vielleicht einer seiner besten Filme, habe aber dabei nicht an das abgebrochene Projekt gedacht. Erst als ich einen Artikel zu dem nicht zustande gekommenen Film schrieb und mir die Planungen in Erinnerung rief, fiel der Groschen: Das hatte ich doch schon gesehen. Den Film gibt es schon. Viele ästhetische und inhaltliche Elemente aus dem geplanten Film hatte Christoph in diesem Film bereits vorweggenommen. 18 Jahre vor dem abgesagten Projekt. Das zu entdecken war für mich eine große Freude. Und es hatte wirklich etwas Tröstliches.

Wer weiß, was sich im Werk von Schlingensief noch für Überraschungen verbergen.

Noch einige, da bin ich mir ganz sicher.

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Das Buch „Dramaturgie des Daseins. Everyday live“ von Carl Hegemann erscheint im Dezember im Alexander Verlag Berlin.

Von Volker Gebhart

Dramaturg Carl Hegemann im Gespräch.

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