Grenzenlose Grafiken

Projektraum 404 zeigt in neuen Räumen Comic-Kunst aus dem internationalen Untergrund

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Bei der Polybius-Maschine (o.) muss der Betrachter aktiv werden: 10 000 Bildkombinationen sind möglich.

Bremen - Von Rolf Stein. Beinahe zwei Jahre lang war der Projektraum 404 obdachlos. Bis dahin hatte sich die kleine Galerie, die im Mai 2014 in der Bremer Neustadt eröffnet wurde, bereits einen Namen mit Ausstellungen internationaler Künstler gemacht, die überwiegend in der Comic-Kunst zu verorten waren. Wobei es dabei selten um klassische Comic-Strips oder gar Graphic Novels ging, die in den vergangenen Jahren auch in Deutschland eine erstaunliche Karriere gemacht haben.

Seit September hat der Projektraum 404 in einer ehemaligen Klempnerwerkstatt sein neues Domizil gefunden, seit Mitte November ist die erste Schau in den neuen Räumen zu begutachten. Unter dem Titel „Advanced alternative Comic Underground from abroad“ (zu Deutsch etwa: Fortgeschrittene alternative Untergrund-Comics aus dem Ausland) sind Arbeiten von „Édition Polystyrène“ aus Angoulême und „Les Morveux“ aus Brüssel zu sehen, zwei Kollektiven, die nicht nur auf der grafischen Ebene eigene Wege gegen, sondern auch auf der verlegerischen. Zwar geht es auch hier nicht um das Unikat, sondern um serielle Fertigung, aber alle Auflagen sind streng limitiert, entscheidend ist allein, was das Kollektiv für veröffentlichenswert hält, was vergriffen ist, wird nicht wieder aufgelegt.

Dass derlei in Belgien und Frankreich blüht, ist freilich kein Zufall. Im französischsprachigen Europa genießt der Comic als „Neunte Kunst“ bis heute ein ungleich höheres Ansehen als beispielsweise in Deutschland. Weshalb wohl auch viel selbstverständlicher mit der Ästhetik des Genres, mit seinen Verfahren und Formen experimentiert wird als anderswo.

Geradezu spektakulär sinnfällig wird das im Falle der ungetümen Polybius-Maschine aus der „Édition Polystyrène“, die im Oktober schon auf dem Hamburger Comic-Festival zu sehen war. Per Kurbel muss der Betrachter selbst aus immerhin 10.000 möglichen Kombinationen seine eigene Geschichte produzieren. Andere Formate sind da weniger raumgreifend.

In einer Art Krimi-Serie erzählen verschiedene Künstler jeweils eine Episode vom Dachgeschoss bis in den Keller; wie ein Leporello entfalten sich die einzelnen Ausgaben der Reihe, die eines Tages einen Straßenzug aus Hausquerschnitten ergeben wird.

Dem Einfallsreichtum scheinen auch außerhalb der Editionen selbst kaum Grenzen gesetzt zu sein. „Le Morveux“, auf Deutsch in etwa: „die Rotznasen“, gestalten beispielsweise zu jeder ihrer Veröffentlichungen ein passendes Happening mit Workshops oder auch mal einem Barbecue im Park.

Mehr als fünf Jahre läuft der Mietvertrag, in denen im Projektraum 404 nicht nur Ausstellungen auf dem Programm stehen, sondern auch ein regelmäßiger Zine-Tag, bei dem unabhängige Kleinverlage ihre Editionen vorstellen, überdies sind Konzerte und Lesungen geplant.

„Advanced alternative Comic Underground from abroad“: bis 17. Dezember im Projektraum 404, Nicolaistraße 34, Bremen zu sehen, Öffnungszeiten: Donnerstag und Freitag von 16 bis 19 und Samstag und Sonntag von 14 bis 17 Uhr; der nächste Zine-Tag ist am Freitag, 1. Dezember von 16 bis 21 Uhr, weitere Informationen im Internet: kulturbuero-bremen.de/projektraum-404.

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