An den Grenzen der Belastbarkeit: Festival „Baila España“ startet in der Schwankhalle

Topfdeckel im Dauerfeuer

Im Bremer Dunkel suchen die Tänzer nach den Potenzialen des menschlichen Körpers.
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Im Bremer Dunkel suchen die Tänzer nach den Potenzialen des menschlichen Körpers.

Bremen - Von Mareike Bannasch. Was sind die Potenziale des menschlichen Körpers? Eine Frage, der in diesen Tagen die vierte Ausgabe des Festivals „Baila España“, organisiert von „steptext dance project“ und dem Instituto Cervantes Bremen, nachgeht. Den Anfang der Suche nach den Grenzen der Belastbarkeit macht am Donnerstagabend das spanische Künstlerduo Muriel Romero und Pablo Palacio mit dem zweiten Teil seiner Neural-Narrative-Serie. - Von Mareike Bannasch.

Unter dem Titel „Polyropya“ vermischen die Choreografin und der Komponist menschliche Bewegungsabläufe, synthetischen Lärm und zuweilen grelle Licht-Simulationen. Auch wenn alles mit den drei Tänzern und ihrer Choreografie den Anfang nimmt, verkommen abgespreizte Arme und schnelle Pirouetten letzten Endes doch nur zur Randerscheinung. Stattdessen konzentrieren sich Augen und Ohren des Zuschauers auf das, was sonst nur innerhalb des Körpers passiert. Dort, wo Neuronen für gewöhnlich im Verborgenen arbeiten, bringen die Simulationen auf der Plastikwand nun Licht ins Dunkle. Und machen Platz für eine wirre Mischung: Gliedmaßen rucken hin und her, Lichter flackern in grellen Farben und aus allen Ecken kreischt es schrill vor sich hin.

Bei Romero und Palacio machen sich Neuronen offenbar nicht nur auf Wänden breit, sondern auch in den Lautsprechen. Ihre Übersetzung des Tanzes verkommt zu einer Synthesizermelodie der übelsten Sorte, die irgendwo zwischen Presslufthammer und Düsenjet festhängt. Ein unsägliches Getöse, Konsequenz und zugleich auch Motor der Bewegungsabläufe.

Zu metallischem Klingeln, das sehr an eines Kochlöffels erinnert, dreht sich eine Tänzerin an der Wand entlang, scheinbar völlig frei und doch gepeinigt von einer Melodie, die keine Gnade kennt und die junge Frau bis zum Umfallen vorantreibt. Doch auch Erschöpfung ist ihr nicht gegönnt, nun sind es die leuchtenden Linien, die sie – Marionettenschnüren sehr ähnlich – zum Weitermachen zwingen. Vorbei ist‘s mit selbstbestimmten Entscheidungen, das biologische System hat die Oberhand gewonnen.

Es ist fast schon eine neurologische Studie, die da in der Schwankhalle zu sehen ist. Ausgehend von der reinen Bewegung forschen Muriel Romero und Pablo Palacio ihren Ursprüngen nach. Immer auf der Suche nach dem, was Menschen antreibt, loten sie die Grenzen der Körperlichkeit aus und entzaubern zugleich den freien Willen. Das gelingt vor allem durch die Lichtsimulationen, die dank nicht sichtbarer künstlicher Neuronen auf der Kleidung der Tänzer einen Eindruck von dem vermitteln, was sich unter der Haut abspielt. Und dank der totalen Dunkelheit auch die Reize der Zuschauer ziemlich in Wallung bringen. Das ist durchaus überzeugend, wenn nur die Musik nicht wäre. Ein viel zu lauter Geräuschteppich, oftmals zusammenhanglos und willkürlich, der im Laufe des Abends immer schriller wird und eigentlich nur noch zum Fliehen einlädt. So hat am Ende der Choreografie trotz der mehr oder weniger entspannten Sitzhaltung der Zuschauer zumindest ein Körperteil seine Grenze erreicht: die Ohren.

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