Galerie im Künstlerhaus Bremen befasst sich mit dem „süßen Schmerz“

Grenzempfindungen

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„Oh, why do I keep on hurting you?“: Ragnar Kjartansson singt bitter-süß zur Western-Klampfe. ·

Bremen - Von Rainer BeßlingDie Stimme ist zuckrig, die Haartolle klebrig. Im weißen Bühnenglamour-Jackett lässt Ragnar Kjartansson das Publikum an einer schmerzhaften Selbstanklage teilhaben: „Oh, why do I keep on hurting you?“, eine säuselnde Melodie, eine einlullende Harmoniefolge, eine Endlosschleife.

Ja, warum verletzt er sie eigentlich, die unbekannte Adressatin seiner mit Leidensmiene und Elvis-Schwung vorgetragenen Klampfen-Poesie? Das fragt sich der Zuhörer anfangs. Und dann, nicht viel später: Warum will er uns eigentlich so weh tun? Denn bald schon wird die süße Schmerzensweise zur bitteren musikalischen Folter. „Mercy“ nennt der isländische Künstler seinen Film, in dem die Intensität der Leidensdarstellung durchaus auch Komik erzeugt. Doch mit zunehmender Dauer überwiegt die Qual, denn der Sänger kostet sein Herzweh gnadenlos aus. Mitleid? Nee, warum denn, wenn der Peiniger sich genüsslich zu unserem Schaden in seinen Erbarmensposen suhlt?

Kjartanssons filmischer Auftritt bildet Auftakt und Soundtrack zur Ausstellung „Sweet Bitter Symphony“ im Künstlerhaus Bremen. Das durchdringende Melos klingt noch lange nach und trägt weit in den Raum hinein. So hat der Besucher das Gnadengesuch weiter im Ohr, wenn er vor einen Video Sofia Hulténs steht. Hat die Künstlerin zu lange „Mercy“ geschaut? Mit wuchtigem Körpereinsatz zertrümmert sie eine Gitarre. Wie recht sie hat! Aber mal angenommen, Hultén bezieht sich gar nicht auf die Leid-Show des Country-Barden? Was sagt uns der Zerstörungsakt dann? Auf der Suche nach dem kleinstmöglichen Teilchen sei die Künstlerin, sagt Galerieleiterin und Kuratorin Stefanie Böttcher. Sieben Mal zerlegt sie das Instrument, auf den Zerstörungsakt folgt der Wiederaufbau, bis dann wohl nichts mehr zusammengeht, was noch nach Gitarre aussieht. Sportiv wirken die Aktionen, ganz entfernt könnten sich Assoziationen an das finale Instrumentenzertrümmern einschlägig bekannter Rockstars einstellen.

Ekstatische Lust an der Zerstörung, Auskosten des süßen Schmerzes, das sind Grundmotive, die Stefanie Böttcher zu der Ausstellung angeregt haben. Die Vereinigung des Widersprüchlichen, in der Rhetorik als Oxymoron bekannt, sieht die Kuratorin als wirksames Transportmittel für das Mehrdeutige und Vielschichtige. Als weiterer Impuls für die Schau kommt der „süße Schmerz“ als Zentralfigur des Barock hinzu. Extreme Affekte sollten das Publikum fesseln, zudem kam im religiös dominierten Bewusstsein der Epoche die Vorstellung von der Transzendenz des irdischen Schmerzes, von der Erlösung im Gottesreich hinzu.

Als virtuoser Repräsentant dieser barocken emotionalen Hitzewellen tritt in der aktuellen Künstlerhaus-Schau Sven Johne auf. In seiner filmischen „Greatest Show on Earth“, einer Art Zirkusveranstaltung, zelebriert er mit eindringlichem Mienenspiel, unterstützt von einer suggestiven Kameraführung, hochfliegende und abstürzende Gefühle: Freude, Qual, Trauer, Angst, Euphorie.

Für eine andere Achterbahnfahrt der Verlautbarungen und Empfindungen haben sich Tim Etchells und Vlatka Horvat vor die Kamera gesetzt. Abwechselnd senden sie Anerkennung und Kränkung, Lob und Beleidigung, Liebeserklärungen und Hasstiraden aus. Dieser improvisierte Austausch spaltet sich bisweilen in zwei parallele Monologe, spiegelt damit Distanz oder misslingende Annäherung. Ein Wörterbuch des Paar-Parlandos öffnet sich hier und lässt über die Wucht der Wörter und das mit ihnen verbundene oder das von ihnen ausgelöst Auf und Ab der Beziehung spekulieren.

Dass sich Beziehungsdramen verbal noch ganz anders speisen lassen, demonstriert Liz Magic Laser in ihrer Performance „I feel your pain – A Performa Commission“. Die Textteile, die Akteure im Parkett eines Kinsosaals unter Beteiligung der Besucher sprechen, stammen aus Reden von US-Politikern wie Barack Obama oder Sarah Palin beziehunsgweise aus einem Handbuch für politische Rhetorik. Da wäre man wieder bei den Figuren, die Affekte inszenieren und Affekte zu erzielen suchen. Und es entwickelt sich eine „Sweet Bitter Symphony“, so der Titel der gesamten Ausstellung, aus strategischer Annäherung und tiefen Kluften, die sich unter der Sprachdecke auftun.

Künstlerhaus Bremen,

Am Deich 68/69. Bis 19. Mai.

Mi-So, 14-19 Uhr

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