„Tod-krank.Doc“ war einst als Beitrag zu Schlingensiefs „Mea Culpa“ geplant / Premiere am kommenden Freitag

Grauenvolle Liebeserklärung: Jelinek-Uraufführung am Theater Bremen

Mirko Borscht ·
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Mirko Borscht ·

Bremen - Von Johannes BruggaierWas schwer verdaulich ist, liegt lange im Magen. So gesehen waren Elfriede Jelineks Texte von Anfang an geradezu prädestiniert für einen langen Verbleib in den Gedärmen des Theaterbetriebs.

Mittlerweile mag kaum eine Bühne darauf verzichten, das Unspielbare eben doch zu spielen, den schier unbegreiflichen Textflächen so etwas wie eine dramatische Struktur abzuringen. Jelinek, das ist die Theaterautorin des vergangenen Jahrzehnts, nobelpreisgekrönt und vom Feuilleton gefeiert: dafür, dass man sie nicht versteht.

Am Theater Bremen freut man sich nun über die Ehre, bereits zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit ein Werk von ihr uraufführen zu dürfen. „Tod-krank.Doc“ ist schon fünf Jahre alt, einst geschrieben als Beitrag zu Christoph Schlingensiefs legendärer Ready-Made-Oper „Mea Culpa“, dann doch nicht aufgeführt und nach Schlingensiefs Tod für alle potenziell aufführungswilligen Regisseure gesperrt – aus Pietätsgründen, wie es scheint. Doch fünf Jahre sind offenbar genug der Anstandspause, jedenfalls wenn ein freundlicher Dramaturg namens Benjamin von Blomberg aus Bremen bei der Autorin so lange bittet und bettelt, dass sie ihm endlich seinen sehnlichsten Wunsch erfüllen mag. Nun also doch: „Tod-krank.Doc“, uraufgeführt am Theater Bremen unter der Regie von Mirko Borscht.

Mirko Borscht? Ja richtig, jener Regisseur mit dem sehr direkten Inszenierungsstil. Einer, der sich bislang mehr dem Happening verpflichtet sah denn einem sorgfältig ausgedeuteten Literaturtheater. Kann so einer überhaupt Jelinek?

Gerade diese Frage, sagt Generalintendant Michael Börgerding, habe ihn für die Aufgabe qualifiziert. Denn Elfriede Jelinek zu inszenieren, das sei längst nicht mehr die große Herausforderung von einst: Im Umgang mit den sperrigen Textflächen habe sich längst Routine eingeschlichen, Aufführungen von Jelinek-Dramen liefen Gefahr, austauschbar zu werden. Ein Regisseur ohne Erfahrung mit derlei Textmaterial kann da für neue Inspiration sorgen.

So lässt Borscht an der schwergängigen Lektüre gar keinen Zweifel. Viele Aspekte des Stücks, sagt er, habe er erst nach Wochen der praktischen Arbeit wirklich verstanden. So sei ihm mittlerweile klar geworden, dass es sich bei „Tod-krank.Doc“ einerseits um ein „Waten im Grauen“ handele – in Wahrheit aber um eine „Liebeserklärung an das Leben“. Für das Grauen bedarf es keiner langen Suche. Von den letzten Tagen auf dem Sterbebett über den schauerlichen Fall Josef Fritzl bis hin zum Höllensturz: Jelinek meint es nicht gut mit den Nerven ihres Publikums. Aber Liebeserklärung?

Man müsse in diesem Dokument des Leidens ein Charakteristikum des Lebens erkennen, erklärt Borscht. „Jelinek zeigt, dass menschliches Scheitern das Leben überhaupt ausmacht.“ Und dass sich die Freude an diesem Leben erst in Todesnähe einstellt: „Weil wir dann merken, was es zu verlieren gibt.“

Zu verlieren haben manche Akteure überhaupt nichts. Zwei der sieben Schauspieler seien nämlich aus dem Laienensemble übernommen worden, das im vergangenen Sommer die großartige Produktion „Larger than Life“ ge stemmt hat. Der Wunsch nach einem unverfälschten Blick, er zeigt sich auch in dieser Maßnahme.

Am Freitag ist Premiere (20 Uhr im Kleinen Haus), dann sollen auch Arien aus dem Barock zu hören sein. Weil dieser für eine Zeit stehe, in der das Schreckliche eine eigene Schönheit offenbare. Für ein solches Erkennen von Schönheit in Bildern des Leidens und der Brutalität, sagt Borscht, „muss man wohl ein paar hundert Jahre Abstand haben“.

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