Jahrzehnte nach ihrem Kompositionsauftrag an Aribert Reimann bringt die Staatsoper Hamburg „Lear“ auf die Bühne

Grauen der Welt in geballten Dissonanzen

Alles dreht sich um Sein und Schein: König Lear (Bo Skovhus, l.) und der Narr (Erwin Leder, r.) in Aribert Reimanns Shakespeare-Vertonung. ·
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Alles dreht sich um Sein und Schein: König Lear (Bo Skovhus, l.) und der Narr (Erwin Leder, r.) in Aribert Reimanns Shakespeare-Vertonung. ·

Von Markus WilksHAMBURG · Eine verrückte Idee, sein Königreich so aufzuteilen, dass der größte Anteil an diejenige Tochter geht, die den Vater am meisten liebt. Dies ist der Anfang vom grausamen Ende, das Aribert Reimann in seiner Oper „Lear“ in fast übermenschliche Töne gesetzt hat. Sie kam nun in Hamburg zur Aufführung – ein Triumph für die Staatsoper, die endlich, 34 Jahre nach der Uraufführung, jenes Werk zeigt, das einmal in und für Hamburg in Auftrag gegeben worden war.

Einst vom Hamburger Opernintendanten August Everding für eine Jubiläumsspielzeit bestellt, erblickte Aribert Reimanns „Lear“ 1978 in München das Licht der Theaterbühnen, wohin Everding zwischenzeitlich gewechselt war. Großzügig hatten die Hamburger die Uraufführung abgegeben und damit, das konnte man ja nicht wissen, auf die bis heute vielleicht wichtigste und emotional bewegendste moderne Oper der vergangenen Jahrzehnte verzichtet.

Nun endlich, zur 333. Spielzeit, kam „Lear“ also in einer fast einstimmig bejubelten Premiere nach Hamburg zurück. Getragen wurde der Abend insbesondere von Baritonstar Bo Skovhus, der mit dem Lear wohl die Rolle seines Lebens gefunden hat und ein heißer Kandidat bei der Wahl zum Sänger des Jahres sein dürfte. Skovhus trat zunächst wie ein hemdsärmliger Wozzeck auf, der alsbald mit einer bestechenden physischen Präsenz den zunehmenden Wahn der Titelfigur darstellte. Mit welchem Wohllaut, bei zugleich großer Kraft und expressiver Diktion, er den Lear sang, kann nicht genug gelobt werden. Besonders stark wirkte diese Klangkultur in der berüchtigten Heide-Szene, in der Reimann vom Orchester Seelenqualen und Naturgewalten in maximaler Härte fordert. Generalmusikdirektorin Simone Young konnte (nicht nur) hier auf das Potenzial ihrer Philharmoniker zurückgreifen, die mit schneidend scharfen sowie virtuosen Blechbläserattacken, fein zusammengesetzten Streicherclustern und farbigen Solomomenten gefielen.

Es gab vergleichsweise wenige Premierenbesucher, die zur Pause vor den geballten Dissonanzen flüchteten – zu groß ist die emotionale Wirkung der Reimannschen Klanggewalten. Und zugleich ein Beweis dafür, dass Theater nicht nur unterhalten sollte, sondern ungeschönt das Grauen der Welt zeigen kann.

Regisseurin Karoline Gruber wollte nun aber nicht im Sinne Shakespeares den körperlichen und geistigen Verfall des alternden Lear inmitten unbarmherziger Töchter und anderer Intriganten zeigen, sondern vielmehr die Reise eines Menschen zu sich selbst. Im Wahn findet dieser Jedermann Erkenntnis und durchblickt das wahre Wesen seiner Mitmenschen sowie seiner Lebenslüge. Zunächst ist Lear jedoch ein vitaler, brutaler Mann, der in seinem egoistischen Machtanspruch an nordafrikanische Diktatoren erinnert und seine Töchter zu merkwürdigen Gestalten erzogen hat. In diesem Hamburger „Lear“ dreht sich alles um Sein und Schein, um Sehen und Blindheit sowie Erkenntnis. Karoline Gruber, Roy Spahn (Bühne) und Mechthild Seipel (Kostüme) arbeiten mit Doppelgängern als Spiegelbilder, Projektionen von Wörtern, die sich um das „Ich“ drehen (Königreich, nichts…), und kantigen Objekten auf der schwarzen, atmosphärisch gestalteten Bühne.

Karoline Gruber inszeniert vielschichtig und mit einer bestechenden Personenführung, schwächt ihre Arbeit aber durch plakative Momente und Klischees. Hierunter leiden als Figuren insbesondere Lears Töchter, deren mörderische Gefährlichkeit hinter einem grotesken Outfit verschleiert wird und die allzu obsessiv auf Pokale oder ihr bildhübsches Einfamilienhaus fixiert sind. Auch wenn dadurch die Schein-Sein-Thematik beleuchtet wird, so wird Lears Wandlung vom brutal seine Umgebung kontrollierenden Egomanen zu einem von den Töchtern misshandelten Wrack zu einem Teil unglaubwürdig. Immerhin: Die walkürenartig auftrumpfenden Katja Pieweck (Goneril) und Hellen Kwon (Regan) meistern ihre Partien durchaus bravourös, die koloraturgewandte Ha Young Lee (Cordelia) sorgt mit ihrer glasklaren Stimme für Licht und Liebe inmitten der apokalyptischen Szenerie. Überhaupt gefiel das gesamte Ensemble mit markanten Beiträgen.

Neben Lauri Vasar (als Gloster sängerisch stark, aber von der Regie ungeschickt behandelt) und Martin Homrich (als Edmund selbst in schwierigsten Passagen souverän) soll exemplarisch Andrew Watts (Edgar) hervorgehoben werden, der zwischen Tenor- und kräftiger Falsettstimme gekonnt wechselte. Fazit: Wenn moderne Oper so wuchtig und groß ist wie Reimanns „Lear“ und so gekonnt umgesetzt wird wie in Hamburg, kann sie genauso berührend sein wie Verdis sterbende Traviata.

Weitere Vorstellungen: heute sowie am 21., 24. und 30. Januar, jeweils um 19.30 Uhr in der Hamburgischen Staatsoper.

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