„1-2-3 ... Ein Walzertrauma“ zum Abschied

Hannovers Ballettdirektor Jörg Mannes verabschiedet sich

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Steffi Waschina (o.) und Michèle Stéphanie Seydoux in „1-2-3 ... Ein Walzertrauma“.

Hannover - Von Jörg Worat. Abschiedsstimmung im Opernhaus: Zum letzten Mal schickt Hannovers Ballettdirektor Jörg Mannes eine eigene Choreografie ins Repertoire-Rennen – nach 13 Jahren wird er zur kommenden Saison von Marco Goecke abgelöst. Die Trennung fällt nicht leicht, denn „1-2-3 ... Ein Walzertrauma“ ist außergewöhnlich gut gelungen.

Inhaltlich geht es um das goldene Wiener Gemüt, das vielleicht bei genauer Betrachtung gar nicht so golden ist – verbirgt sich hinter der schönen Fassade nicht doch der Grantler, lauern da gar morbide Gefühle? Mannes, der in eben dieser Stadt aufgewachsen ist, weiß davon ein Lied zu singen. Und einen Tanz daraus zu machen.

Der ist weit eher eine lockere Szenenfolge als eine stringente Geschichte, und die Trefferquote ist so hoch, dass man vorab schnell die Fehlschüsse abhaken kann. Es gibt nur zwei, und beide haben mit Mannes‘ Hang zu neckischen Einlagen zu tun. Eine an sich wunderbare Idee ist es, den Orchestergraben mit Stoffbahnen zu überspannen, die den Donauverlauf symbolisieren. Da kann man allerlei Körperteile ein-, auf- und untertauchen lassen, als wären wir beim Synchronschwimmen, und am Schluss fordern zwei körperlose Hände zum Mitklatschen beim Radetzky-Marsch auf. Das ist alles ganz putzig und kommt auch gut an, gerät aber arg ausführlich und strotzt nicht wirklich vor Inhaltsschwere.

Wer aus der Beschreibung dieses Bühnenaufbaus den Schluss zieht, dass die Musik hier vom Band kommt, liegt richtig. Sehr vielseitige Musik, die unter anderem Klänge von Beethoven, Pärt, Nietzsche (!), Johann Strauß Vater, Johann Strauß Sohn und den „Neuen Wiener Concert Schrammeln“ umfasst.

Dazu gibt es die typische Mannes-Mischung mit gemäßigter Moderne, neoklassischen Anflügen samt unironisch eingesetzten Momenten von Spitzentanz, kleinen Extravaganzen und ohne harsche Brüche. Viel Wert wird aufs Detail gelegt, und das hannoversche Ensemble präsentiert sich einmal mehr hochkonzentriert und hochmusikalisch.

Ganz stark ist etwa ein Pas de deux von Giada Zanotti und Lilit Hakobyan – das dynamische Damenduo bleibt Hannover übrigens auch künftig erhalten. Noch mehr Szenenapplaus erhält das gemischte Dream-Team des Ensembles: Viel anrührender als das, was Catherine Franco und Denis Piza da zeigen, geht‘s nicht. Die 47-jährige Cassia Lopes ist als von Männern umschwärmte Alma Mahler der Inbegriff von Ausstrahlung.

Amüsant sind die immer wieder eingestreuten Störmanöver – im Programmheft betont Mannes, der Dreivierteltakt passe grundsätzlich nicht zu Menschen mit zwei Beinen. Besonders ausgefeilt zu beobachten im Falle von Wolfgang Rihms eigenwilligen Walzern, bei denen Mannes seine Akteure schon mal sorgfältig aneinander vorbeitanzen oder kollidieren lässt. Gegen Ende wird‘s nachgerade mörderisch: Beim Kampf um den freien Platz auf der Parkbank geraten sich Steffi Waschina und Michèle Stéphanie Seydoux jenseits aller gängigen Vorstellungen von tänzerischer Zartheit zunächst immer mehr in die Haare, bis die Unterlegene in der „Donau“ entsorgt wird.

Das Programmheft zu lesen, lohnt sich noch in einer anderen Hinsicht: Mannes gesteht im Interview seine Liebe zur Fernsehserie „Kottan ermittelt“ und vor allem zu deren Debüt „Hartlgasse 16a“, die in der Tat ein Geniestreich ist, während spätere Folgen doch immer mehr in den Klamauk driften. Die Serie sei „so abgründig in der Komik und so treffsicher in ihrem Blick auf die Dinge und auf die Menschen“ – genau das trifft in den besten Momenten auch auf diese Choreografie zu. Fazit: ein Publikums-Hit zum Abschluss. Entsprechend fix sollte man sich um Karten bemühen.

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