Zwischen Bild, Schrift und Zeichen: Papierarbeiten von Karl Heinrich Greune in der Bremer Galerie für Gegenwartskunst

Grafische Kürzel auf dem Weg zum Gewebe

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Karl Heinrich Greune: Mexiko 2010, Nachschrift 4. Acryl/Tusche auf Aquarellpapier.

Bremen - Von Rainer Beßling. In einem Blatt lassen sich Teile einer Stadtansicht erkennen. In einem anderen ist eine halbwegs geschlossene Landschaft mit Hügelkette und Horizontlinie zu sehen.

Doch die Stadt scheint zu fliegen, franst zu den Rändern hin aus, gleitet über in eine ungerichtete Ansammlung von Blitzen, Balken, Bögen. Gleich daneben hängt eine Zeichnung, die Karl Heinrich Greunes Bildsprache schon eher repräsentiert: Einzelne wellige Blöcke reihen sich aneinander, flankiert von Strichkürzeln, gekrümmt, hakenförmig. Sie liegen isoliert nebeneinander, überlagern sich oder ballen sich zusammen.

Eine Brücke zur Wirklichkeit stellt sich hier nicht ein. Die fragmentarischen Lineaturen sprechen eine eigene Sprache: Sie spiegeln und formulieren Bewegung, deren Verlauf und deren Intensität. Sie besetzen einen Platz, treten in Korrespondenz zu den benachbarten grafischen Ereignissen und ziehen sich wieder zurück. Sie definieren einen Bildraum, markieren einen Rhythmus, bilden eine fein schwingende Membran.

Greune feierte im Januar diesen Jahres seinen 80. Geburtstag. Von 1966 bis 1998 lehrte er an der Bremer Hochschule für Künste. Stipendienaufenthalte führten ihn unter anderem nach Japan, China, Mexiko und Frankreich. Zeichnungen, die zwischen 1978 und 2011 auf solchen Reisen entstanden, sind noch bis zum 25. Mai in der Bremer Galerie für Gegenwartskunst zu sehen. Die Ausstellung von 25 Papierarbeiten ist eine Premiere. Nie zuvor, sagt die Galeristin Barbara Claassen-Schmal, sei das zeichnerische Werk Greunes so umfassend dargestellt worden.

Die ältesten Arbeiten der Präsentation sind in Japan entstanden. Einfluss von Kalligraphie deutet sich an. Die Struktur der Kompositionen ist eher karg und streng. Der Minimalismus fernöstlicher Ästhetik klingt nach. Greune hält in seinen Papierarbeiten die Grenzen zwischen Schrift und Zeichen offen. Im polyzentrischen Aufbau seiner Kompositionen spiegelt sich ein assoziativer Prozess: Von einem Punkt, einer Linie, einem Strichbündel aus entwickelt sich das Werk, ein Fortschreiten in Wechselbeziehungen, in Wiederholungen, Variationen und reflexivem Umkreisen, in Rückverweisen, Parallelbewegungen und Kontrapunkten. So sind die Bilder auch vorzugsweise zu betrachten: Man beginne an einem Punkt und folge den Ent- und Verwicklungen der Linien. So stellen sich Rhythmen, Linien, Akkorde und Klänge ein. Darin liegen Parallelen zu den Bildern von Wols, derzeit in der Kunsthalle Bremen zu sehen, der für den Düsseldorfer Kunststudenten Greune ein wichtiger Referenzkünstler war.

Die jüngsten, in Paris entstandenen Arbeiten Greunes sind wie Felder strukturiert. Die Anordnung in Reihen und Spalten entspricht dem grundsätzlichen Verzicht des Künstlers auf eine Hierarchie der Bildelemente und ähnelt zugleich einem Schriftbild. Dieses ist allerdings eher nur eine Ansammlung von Zeichen. Die Vermeidung einer begrifflichen Festlegung und eines erzählerischen Verlaufs hält die Darstellung offen, wirkt wie Wörterbuch und Grammatik als Befund und Angebot. In ein Blatt fügt Greune stempelartig seinen Namen in chinesischen Schriftzeichen ein. Man kann dies als Spiel sehen, als Verweis auf den Dialog zwischen Buchstaben und Bild. Es lässt sich auch als Hinweis darauf verstehen, dass in dieser Bildwelt alles Grafische frei gesetzt ist, mit abstrahierten gefundenen Motiven und erfundenen zeichnerischen Kürzeln.

Greune verwendet für seine Kompositionen gern den Begriff „Gewebe“. Die Gewebe knüpft das betrachtende Auge auf seinen Passagen durch den Bildraum, zwischen den einzelnen Bildereignissen. Es sind gerade die Leerstellen, die Nebenwege, die Zurücknahmen und Abweichungen, die den Reiz dieser Blätter ausmachen.

Galerie für Gegenwartskunst, Bremen, bis 25. Mai,

Di-Fr 14-18 Uhr, Do 14-20 Uhr,

Sa 12-14 Uhr

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