International Print Network und Edition Block im Oldenburger Janssen-Museum

Grafik ohne Grenzen

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Olaf Metzel: Empört. Digitaldruck aus Aluminium.

Oldenburg - Von Rainer Beßling. „Touch me please“ – die Aufforderung zum Anfassen ist im Museum die Ausnahme. Rena Wota bittet im Titel ihres Triptychons ausdrücklich um Zugriff. Papierstreifen hängen dicht gedrängt in quadratischen Kästen.

Die bunte Reliefstruktur verändert sich, wenn die Hand darüber streift. Auch rasselt es materialgemäß und druckabhängig sanft bis heftig.

Im Oldenburger Horst-Janssen-Museum zeigt sich der klassische Bildträger grafischer Arbeit als flexibles und facettenreiches Material. Es drängt über die Fläche zum Objekt und greift in den Raum aus. Zudem präsentiert die Ausstellung „graphically extended“ die Konkurrenten des Papiers. Gedruckt wird auch auf Glas, Metall, Schultafeln, Stoff und Regenschirmfolie.

Die Ergebnisse hängen nicht nur plan an der Wand, sondern treten plastisch auf. Bei Katarzyna Marzec korrespondieren Fläche und Figur als Träger merkwürdiger Maschinenwesen. Körperdarstellungen sind zwischen zwei Plexiglasscheiben gepresst, von denen eine technoide Darstellungen trägt. Davor hängen Stoffpuppen mit dem Aufdruck von Robotern ähnlichen Wesen. Die Konstruktion scheint nicht komplett. Die Gliedmaßen sind unterschiedlich lang, manche Körper nicht komplett. Hinter der Puppenanmutung verbirgt sich Katastrophisches.

Die Oldenburger Schau aktueller Grafik ist ein globales Projekt. Vom Bunkier Sztuki in Krakau, dem Künstlerhaus Wien und dem Horst-Janssen-Museum in Kooperation ausgerichtet, spricht das International Print Network Künstlerinnen und Künstler in der ganzen Welt an. Das Projekt basiert auf einer Initiative von Witold Skulicz (1926-2009), Professor an der Akademie der Bildenden Künste in Krakau, in den 1960er-Jahren. Was ursprünglich als Fenster von Polen in den Westen über den Kunstweg gedacht war, kann nun als Schaufenster für Grafik aus allen Kontinenten gesehen werden. Es gibt keine Altersbeschränkungen für den Wettbewerb. Die wechselnden Mottos sind eher Impulse. Jedes beteiligte Haus trifft eine eigene Auswahl. Das Janssen-Museum wählte aus mehr als 4 500 Einreichungen 139 Werke aus. 72 Künstlerinnen und Künstler aus 27 Nationen sind vertreten.

Dem Kuratorenteam ist es gelungen, Beliebigkeit zu vermeiden und die beachtliche Fülle als unterhaltsames Erlebnis zu inszenieren. Mag sein, dass der Titel das nicht zum Ausdruck bringt: Die Oldenburger Jury suchte Arbeiten aus, in denen der Bildträger durch seine Stofflichkeit oder spezifische Behandlung selbst zum Thema wird. In einem Medienumfeld, in dem offensiv und plakativ formulierte Aussagen dominieren, weil Beschleunigung und Datenmenge den Wettbewerb um Beachtung verschärfen, kann die Fokussierung auf den Datenträger ein wichtiges Korrektiv der Wahrnehmung sein.

Zur Ruhe kommt der Blick bei Kim Ga Seuls „Garden“-Serie. Lineare Wucherungen als Radierung und fließende Formen im Prägedruck verschmelzen zu einem organischen Fluss. Jill Parisi arrangiert in ihrem „Kaleidoscope Garden“, Lithografie auf Kunststoff, luftige florale Inventionen wie hockende Schmetterlinge. Schwebende Blasen und Keime wie aus mikroskopischen Welten vor einer surrealen Hügellandschaft bringt Karen Kunc in ihrem monumentalen Holzschnitt zusammen. Die Faserstruktur erinnert an Bodenschichten, Adernstränge oder auch Baumschnitte. Motiv und das Material der Druckplatte treten in einen Dialog. Zhang Hui-jing und Dorota Tamowska-Urbanik falten und knittern das Papier und überziehen es mit einer zweiten Haut. Peter Ford fügt einzelne in unterschiedlichen Techniken gedruckte Papier-Rechtecke zu einem riesigen Tableau zusammen. Der Titel „Walking, Talking und Standing Still“ bringt das Thema auf den Punkt: ein Wimmelbild von Figuren in Bewegung und Begegnung. Der „Bild-Träger“ ist hier nicht stummes Material, sondern spricht in Stoff und Struktur aktiv mit. Katarzyna Dziubas „Processing 2“ belegt, wie malerisch und stofflich inzwischen Digitaldrucke sein können.

Parallel zu „graphically extended“ zeigt das Janssen-Museum Arbeiten aus der renommierten Edition Block. René Blocks Leidenschaft für Multiples ist mit dem Enthusiasmus des Network-Gründers Skulicz zu vergleichen. Zur Block-Auswahl zählen Werke von Joseph Beuys, John Cage, Olaf Metzel und Sigmar Polke. Auflagen-Klassiker treffen auf jüngere Positionen. Eine wunderbare Kollektion eines Kunstförderers und Vermittlers, der aus Kenntnis und Neugier kulturelle Barrieren und Gattungsgrenzen zu überwinden suchte.

Horst-Janssen-Museum, Oldenburg, Di-So, 10-18 Uhr.

Eintritt: 5,50 Euro. Katalog

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