Landesmuseum Hannover zeigt Funde aus 11 000 Jahren Geschichte

Graben ist Gold

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Stück an Stück: Der Goldschatz von Gessel in seinem Fundzustand. ·

Hannover - Von Martin SommerRaubgut, sagen die einen. Ein in Kriegszeiten versteckter Schatz, mutmaßen andere. Es könnte sich aber auch um ein kostbares Opfer handeln. Niemand weiß, warum der Goldschatz von Gessel vor 3 500 Jahren vergraben wurde. Er kam im April 2011 beim Bau der Nordeuropäischen Erdgas-Leitung zutage und gilt als zweitgrößter bronzezeitlicher Goldschatz in Deutschland. Von heute an ist das 117-teilige und 1,7 Kilo schwere Geschmeide erstmals öffentlich zu sehen – als Höhepunkt der Ausstellung „Im Goldenen Schnitt. Niedersachsens längste Ausgrabung“ im Landesmuseum Hannover.

Vom Elbufer bei Hittbergen südlich von Hamburg bis zum Rehdener Gasspeicher im Landkreis Diepholz hat die Pipeline eine 220 Kilometer lange Schneise durch niedersächsisches Erdreich geschlagen. Und die Archäologen waren stets vorneweg. Mehr als 150 weitgehend unbekannte Siedlungen und Gräberfelder haben sie entdeckt und ausgewertet. „Es ist die größte Ausgrabung, die je in Niedersachsen stattgefunden hat“, sagt Stefan Winghart, Präsident des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege. Die Grabungsfläche entsprach 1 000 Fußballfeldern. Auf ihr fanden sich archäologische Zeugnisse aus 11 000 Jahren Geschichte.

Beispielsweise in Achim-Bierden (Landkreis Verden), wo die Ausgräber auf einen Lagerplatz steinzeitlicher Jäger um 9 000 v. Chr. stießen. Diese hinterließen Steinwerkzeuge, eine Feuerstelle – und eine kleine Sensation: Eine unscheinbare Sandsteinplatte zeigt die Gravur eines stilisierten Frauentorsos. Deutlich sind die Hüften, der Bauchnabel und der Schambereich zu erkennen. Mit 11 000 Jahren ist die „Venus von Bierden“ die älteste Frauendarstellung in Norddeutschland.

In Achim-Uphusen entdeckten die Spatenforscher ein Weserdorf aus der römischen Kaiserzeit (1. bis 5. Jh. n. Chr.). Die Standspuren großer Bauernhäuser und Speicherbauten sowie römisches Geld und Goldschmuck zeugen vom frühen Wohlstand der Bewohner. Der massive Rest eines ausgehöhlten Baumstammes weist auf seine Nutzung als Brunnenröhre hin.

Ein Blickfang sind die tönernen „Donuts“ – Webgewichte aus Bassumer Wohnstallhäusern. Diese in den Boden eingetieften Gebäude boten kühle Lagerungsmöglichkeiten für Lebensmittel und dienten auch als Werkstätten für Metallhandwerk und Textilproduktion. Die Siedlung mit fünf Wohnstallhäusern sowie Speichern und Brunnen dürfte in das späte erste Jahrtausend einzuordnen sein: Unter den Keramikfunden dominiert Ware des 8. und 9. Jahrhunderts.

Viele Exponate bezeugen einen frühen Handel, und so haben die Ausstellungsmacher die frühen Rohstoffimporte in Niedersachsen zu einem zentralen Ausstellungsthema gemacht und den Bemühungen früherer Generationen um Gegenstände und Substanzen aus entfernten Gebieten einen eigenen Raum gewidmet.

Dramaturgisch läuft es so auf den Höhepunkt der Ausstellung zu: den Gesseler Goldschatz. Wie in einer pharaonischen Grabkammer ruht der Hortfund in einer zentralen Vitrine, die einem futuristischen Sarkophag gleicht. Wandvitrinen präsentieren weitere Goldstücke, darunter auch 33 Spiralen von 21 Fundorten, wie sie im Gesseler Schatz enthalten sind. „Wir wollen zeigen, dass sie landesweit verbreitet waren“, sagt die Kuratorin der Austellung, Babette Ludowici. „Da ist die Theorie, dass die Spiralen eine normierte Währung waren – eine Art früher Euro.“

So könnte auch der weite Weg zu erklären sein, den der Goldschatz von Gessel dereinst genommen hat. Erste Materialanalysen legen nahe, dass das Gold aus Zentralasien stammen könnte. Sein hypothetischer Weg könnte über Ägypten, Mykene und den Balkan nach Gessel geführt haben. Auch wenn der Grund der Vergrabung im Dunkeln liegt, so ist doch sicher, dass der Schatz sorgsam verstaut wurde. „Die Stücke sind ineinandergestapelt, arrangiert worden“, sagt Denkmalpflege-Chef Winghart. „Es handelt sich um eine geplante, absichtliche Deponierung.“ Stoffreste zeigen, dass er in einem Jutebeutel abgelegt wurde.

Plänen, den Gesseler Goldschatz künftig am Fundort, im nahe gelegenen Kreismuseum in Syke, zu präsentieren, erteilte Katja Lembke, Direktorin des Landesmuseums Hannover, gestern eine Absage. Stattdessen solle für den Syker Ausstellungsort eine Reproduktion aus Gold angefertigt werden. Zudem soll ständig eines der 117 Originalteile in Syke gezeigt werden: „Es wird immer ein Stück Original dort sein, wo es gefunden wurde.“

23. August 2013 bis 2. März 2014

Niedersächsisches Landesmuseum Hannover, Willy-Brandt-Allee 5

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 - 17 Uhr, Donnerstag 10 - 19 Uhr, Montag geschlossen

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