„Mobutu choreografiert“

Der Gott des Leoparden liest nicht Kant

Tanz um die Diskursfalle: Was ist gut? Was ist böse? ·
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Tanz um die Diskursfalle: Was ist gut? Was ist böse? ·

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Mobutu Sese Seko Kuku Ngbendu wa Zabanga: Was für ein Name. Man mag sich heute kaum daran erinnern, ihn jemals vernommen zu haben. Dabei steht er für eine Herrschaft von beispielloser Machtfülle und Dauer.

Eine „Schreckensherrschaft“, wie im Internet vielfach zu lesen steht, aber da geht es auch schon los. Denn ist es wirklich ein Schrecken, wenn auf die Knechtschaft unter belgischen Kolonialherren und chaotische Übergangsjahre drei Jahrzehnte der politischen Stabilität folgen?

Am Theater Bremen hat sich das Duo Gintersdorfer/Klaßen auf eine „musikalisch-performative Recherche“ begeben. „Mobutu choreografiert“ heißt das Projekt, das in dieser Woche nach Hamburg weiterzieht, wo es im Kulturzentrum Kampnagel zu sehen sein wird. Es ist der Versuch, eine politische Ära in ihrer historischen und kulturellen Bedeutung zu verstehen. Das Ganze nach Möglichkeit auch noch aus mehreren Perspektiven: aus dem distanzierten Blickwinkel des deutschen Weltverstehers wie auch aus der unmittelbaren Erfahrung des kongolesischen Bürgers.

Den deutschen Weltversteher in der sechsköpfigen Truppe von Gintersdorfer/Klaßen auszumachen, dazu gehört auf der leeren Bühne wahrhaftig nicht viel. Es ist ganz unverkennbar jener schnurrbärtige Mann mit Brille, der beim karnevalesken Einmarsch unsicher grinsend die präsidiale Sänfte trägt: als sei ihm sein Auftritt selbst nicht geheuer, als gelte es, Distanz zu demonstrieren zu diesem diktatorischen Huldigungszirkus.

So sind wir Deutsche, hüftsteif und bieder. Wie unser Alter Ego, das auf der Bühne wunderbar betulich über das Thema des heutigen Abends doziert. Über den Aufstieg des umstrittenen Politikers Mobutu und den aktuellen Kongo-Bestseller des flämischen Autors David van Reybrouck, der „uns natürlich für unsere Produktion extrem Rückenwind“ gegeben habe. Bestseller, Rückenwind: Oh weh!

Um wie viel unterhaltsamer ist da doch die afrikanische Variante des Geschichtsunterrichts! Statt trockener Einführung in methodische Fragestellungen bringen Eric Parfait Francis Taregue und Franck Edmond Yao erst mal ihre durchtrainierten Körper in Schwingung, singen den Mobutu-Song und zelebrieren des Präsidenten erste große Rede vor der Uno-Vollversammlung 1973. Es geht darin um Kriminalität und Selbstmordraten, um Schreckenszahlen, die im armen Kongo niedriger seien als in den kapitalistischen Hochburgen dieser Welt. Es geht darum, was eigentlich die für Afrika so häufig gebrauchte Vokabel „unterentwickelt“ zu bedeuten hat: ob Reichtum wirklich geeignet ist, den Entwicklungsstand einer Gesellschaft zu beschreiben. Und während der eine von ihnen als Präsident Mobutu derlei höchst aktuell anmutende Argumentationslinien darlegt, schlingt sich ihm der andere zärtlich um den Hals. Das sieht eher nicht nach Diktator aus.

„Tja, Hauke“, sagt denn auch des Dozenten deutscher Kollege Jochen Roller. „Da ist ja schon was dran an dieser Rede.“ Und tappt damit schön hinein in die Diskursfalle. Denn wie lässt sich Theorie gutheißen, wenn sie in der Praxis zu Gewalt und Unterdrückung führt? Wer darf überhaupt von dieser sprechen: von der Gewalt? Die Weißen jedenfalls nicht. „Ihr habt nicht das Recht zu sagen, Mobutu sei ein Diktator!“, schallt es über die Bühne: „Nur wir dürfen das!“ Und dann entfalten sie ihre spezifisch afrikanische Sicht auf ein Regierungsmodell, das sich auf wundersame Weise aus politischen, ästhetischen und religiösen Puzzleteilen zusammensetzt. Ein Modell, das sich in weiten Teilen jeder an mitteleuropäischen Maßstäben geschulten Bewertungsstrategie entzieht, weil es auf Dämonen basiert statt auf Verhandlungen, auf dem „Gott des Leoparden“ statt auf Kant.

„Mobutu choreografiert“ ist eine raffiniert komponierte Performance über die Schwierigkeiten, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Raffiniert ist sie vor allem insoweit, als sie den ohnehin schon wackligen Boden der moralischen Urteilsfindung mithilfe kultureller Differenzen zusätzlich ins Wanken bringt. Dass in der Reibung dieser Unterschiede auch Komik entsteht, bedeutet dabei mehr Lustgewinn als heikle Parodie. Was von Mobutus Herrschaft nun zu halten ist, darüber lässt sich nach diesem Abend wenig Verlässliches sagen. Gemessen an den verbreiteten Pauschalurteilen ist das ein Fortschritt.

„Mobutu choreografiert“ ist noch von Mittwoch bis Freitag, jeweils um 20 Uhr auf Kampnagel in Hamburg zu erleben.

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