Die Bundeskunsthalle in Bonn zeigt „gerettete Schätze“ aus Afghanistan

Goldenes Erbe

Gold aus dem Kriegsgebiet: In der Bundeskunsthalle sind Ausstellungsstücke aus dem Nationalmuseum von Kabul zu sehen.

Von Veit-Mario ThiedeBONN (Eig. Ber.) · Robert Fleck, der Intendant der Bonner Bundeskunsthalle, ist begeistert: „Über kaum ein Land wurde in den letzten Jahren so viel berichtet wie über Afghanistan. Doch die Berichte beschäftigen sich immer mit den gleichen Themen. Sie zeichnen das Bild eines vom Krieg aufgeriebenen Landes. Mit der Ausstellung Afghanistan – Gerettete Schätze wollen wir eine andere Geschichte erzählen, die Geschichte einer jahrtausendealten Kultur, deren kostbare Schätze bis heute nichts von ihrer Faszination verloren haben.“

Recht hat er, wie die 230 erlesenen Objekte aus dem Nationalmuseum von Kabul beweisen. Doch das Haus hat auch schwere Kriegsverluste zu beklagen. Im Jahre 2001 entschied das Taliban-Regime, alle Skulpturen des Museums zu vernichten – mehr als 2 000 Ausstellungsstücke wurden zerstört. Zudem kam es zu Plünderungen. Zu den schmerzlichsten Verlusten gehörten fünf Goldgefäße (2200-1900 v. Chr.) vom Ausgrabungsort Tepe Fullol. Drei der mit geometrischen Mustern oder bärtigen Stieren und anderen Tieren geschmückten Gefäße sind inzwischen wieder aufgetaucht – und funkeln uns nun zum Auftakt des Rundgangs an.

Die Schau präsentiert Objekte von vier Ausgrabungsstätten im Norden Afghanistans. Sie liegen an den Routen der Seidenstraße, die Osten und Westen miteinander verbanden. Entsprechend vielfältig ist das kulturelle Erbe der Region, wie die Ausstellungsstücke veranschaulichen. Sie spiegeln den Einfluss Griechenlands und Roms, Persiens und Mesopotamiens, Chinas, Indiens und der Nomadenvölker der Steppe wider.

Das erlesene Gut wird vor schwarzen Wänden in vier abgedunkelten Schatzkammern präsentiert, in denen uns die beleuchteten Vitrinen magisch anziehen. Die Funde (4.-2. Jh. v. Chr.) aus Ai Khanum legen Zeugnis von den griechisch-hellenistischen Kultureinflüssen ab. Aus der von Seleukos, einem Statthalter Alexanders des Großen, gegründeten Stadt sind neben einem korinthischen Kapitell eine Herakles darstellende Statuette und andere Bronzeobjekte ausgestellt. Das Prunkstück aber ist die teilweise vergoldete „Kybele-Scheibe“ aus Silber. Kybele, die Göttin der wilden Natur, steht mit einer geflügelten Siegesgöttin auf einem Wagen, der von zwei würdevoll schreitenden Löwen gezogen wird.

Die Funde (1.-2. Jh. n. Chr.) aus Begram, einer Stadtgründung Alexanders des Großen, weisen auf Verbindungen nach Indien und in die römische Welt hin. Ausgestellt sind die ältesten erhaltenen Beispiele der griechisch-römischen Glaskunst. Besonders eindrucksvoll sind die Flakons in Fischform. Ebenso einmalig sind die bemalten Glasbecher. Einer zeigt Jagdszenen. Auf einem anderen kämpft der griechische Held Achilles gegen Hektor, den ältesten Sohn des Königs von Troja.

Die Elfenbeinobjekte Begrams werden hingegen als Importware aus Indien eingeschätzt. Größter Blickfang sind drei Flussgöttinnen. Jede steht auf einem Makara, einem Wesen der indischen Mythologie, das den Kopf eines Elefanten und den Körper eines Fisches oder Krokodils aufweist. Die Flussgöttinnen bilden mit kokettem Hüftschwung, schmaler Taille und üppigen Rundungen, die sich unübersehbar unter den hauchdünnen Gewändern abzeichnen, ein atemberaubendes Trio. Ebenso verführerisch präsentieren sich die weitgehend textilfreien Damen der als Möbelbeschläge verwendeten Elfenbeinreliefs, die Palastszenen zeigen. Diese bleiben uns allerdings weitgehend unverständlich, da der Katalog auf deren Beschreibung verzichtet.

Absoluter Höhepunkt aber sind die einzigartigen Goldfunde (1. Jh. n. Chr.) aus Tillya Tepe. Lange spurlos verschwunden, wurden sie 2004 in einem Tresor der Zentralbank von Kabul wieder entdeckt. Der mit Edelsteinen besetzte Goldschmuck stammt aus den Gräbern von fünf Frauen und einem Mann, die vermutlich einer einflussreichen Nomadenfamilie angehörten. Die Kostbarkeiten belegen deren Beziehungen in die griechisch-römische, indische und chinesische Welt. Der Mann war von Kopf bis Fuß golden herausgeputzt. Die Schuhschnallen zeigen die Darstellung eines von Drachen gezogenen Wagens, in dem unter einem Sonnendach ein Mann sitzt. Der Gürtel weist zwischen Kettenlagen neun Medaillons auf. Sie zeigen in immer neuer Abwandlung des Grundschemas eine auf dem Rücken eines Panthers reitende Gestalt. Als Kopfputz dienten zwei Objekte: Ein Bäumchen und ein verbüffend lebensnah wiedergegebener Mufflon. Das spektakulärste Stück aber ist die Goldkrone aus einem der Frauengräber. Aus dem Reif wachsen fünf Bäumchen auf, in denen zwischen Blüten und beweglichen Blättern Vögel sitzen.

Bis 3. Oktober in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn.

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