Restauratorin Christiane Matz über die Herausforderungen ihres Berufs

„Gold ist nicht anspruchsvoll“

Modell der Maske eines römischen Legionärs im Museumspark Kalkriese in Bramsche bei Osnabrück. Bei Ausgrabungen finden Archäologen immer wieder Objekte aus der Zeit der Römer. - Foto: Friso Gentsch

Kalkriese - Von Elmar Stephan. Ihr Arbeitszimmer ist ein schmaler, rechteckiger Raum. Regale, drei Arbeitstische, Strahlkabinen an den Seiten. Aus den geöffneten Fenstern sind Kinder zu hören, die übers Museumsgelände tollen. Christiane Matz ist seit zwölf Jahren Chefin in diesem Reich: Die 44-Jährige ist Diplom-Restauratorin im archäologischen Museum Kalkriese bei Osnabrück.

Schon seit den 80er-Jahren wird dort ein historisches Schlachtfeld erforscht, auf dem sich vor gut 2 000 Jahren Römer und Germanen ein blutiges Gemetzel geliefert hatten. Vieles deutet darauf hin, dass es sich um den Schauplatz der legendären Varusschlacht handelt. Dort lockte Germanen-Führer Arminius rund 15 000 römische Legionäre in einen Hinterhalt.

Im Juni erst machten die Archäologen Schlagzeilen, weil sie acht wertvolle Goldmünzen fanden. Aus wissenschaftlicher Sicht war das ein seltener Volltreffer, der bestätige, dass dort tatsächlich eine größere Schlacht stattgefunden haben müsse, sagt der Niedersächsische Landesarchäologe Henning Haßmann.

Aus Sicht von Christiane Matz war das aber eher unspektakulär. „Gold ist aus restauratorischer Sicht nicht so anspruchsvoll“, sagt die Expertin. Das Edelmetall verwittert so gut wie nicht. „Ein bisschen saubermachen, und das war es schon“, erklärt sie.

Die Herausforderung ihres Berufes zeigt sie an anderen Stücken: Auf einem Arbeitstisch liegt ein etwa 15 mal 30 Zentimeter großer Erdklumpen, den die Grabungstechniker vorsichtig aus dem Erdreich geborgen haben. Auf dem Stück mäandern verwitterte, grün-patinierte Metallplättchen in einer langen Schlange. „Das ist ein Schild-randbeschlag aus Bronzeblech“, sagt Matz. Mit einem solchen Blech waren die Schilde der römischen Soldaten eingefasst. Nun müssen diese filigranen Blechstreifen aus dem Erdreich befreit und stabilisiert werden, damit sie für weitere Forschungsarbeiten zur Verfügung stehen und möglicherweise einen Platz in einer Museumsvitrine finden.

Pinsel, Stukkateur-Eisen, Löffel in verschiedenen Größen oder auch Zahnarztwerkzeug – mit diesen Gerätschaften sichert sie die Schätze der Vergangenheit für die Nachwelt. Wer den Beruf ausüben wolle, müsse mit dem Gasbrenner ebenso umgehen können wie mit einem 3D-Scanner, erzählt sie. Spannend sei es auch, wenn rätselhafte Erdklumpen mit Computertomographen untersucht würden. Dazu nutze das Museum Industrietomographen in Hannover.

Dass sie einen praktischen Beruf ausüben wollte, stand für Matz schon als Schülerin fest. Als Oberstufenschülerin habe sie eine Textilrestauratorin kennengelernt und sei für den Beruf entbrannt.

Dem Studium an der Hochschule für Wissenschaft und Technik in Berlin ging ein zweijähriges Vorpraktikum voraus. Ihre Stationen führten nach Münster zum Landschaftsverband Westfalen-Lippe für ein Praxissemester und zum Niedersächsischen Landesamt für Denkmalspflege. „Damals waren gerade die Schöninger Speere entdeckt worden“, erinnert sie sich. Die in den 90er-Jahren bei Helmstedt entdeckten Speere aus der Altsteinzeit gelten als die ältesten erhaltenen Jagdwaffen der Welt. „Das war schon beeindruckend, an diesem Projekt mitzuarbeiten“, erinnert sich die Mutter von zwei Mädchen.

Laien sind oft enttäuscht

1995 und 1996 arbeitete Matz an Ausgrabungen an der türkisch-syrischen Grenze mit. Auch die inzwischen von der islamistischen Terrormiliz IS verwüstete antike Stadt Palmyra lernte sie bei den Arbeiten kennen. Beim Gespräch über den Krieg und den Terror dort merkt man ihr bei aller norddeutschen Zurückhaltung große Betroffenheit an. „Das waren ganz tolle Menschen dort, sie waren alle super gastfreundlich.“ Der Chefarchäologe dort sei von den Islamisten geköpft worden, sagt sie noch – und stockt.

Nicht nur römische Funde kommen auf den Tisch von Matz. In Visbek im Landkreis Vechta wurde ein Grab aus sächsischer Zeit – also aus dem siebten Jahrhundert nach Christus – gefunden. Das dort entdeckte Schwert haben die Visbeker nach Kalkriese zur Untersuchung gegeben. Matz legte es aus einem Erdklumpen frei. Jetzt sieht man einen etwa 50 Zentimeter langen länglichen Gegenstand, der sehr viel Rost angesetzt hat.

Matz freut sich, auch einmal einen nicht-römischen Fund auf dem Tisch zu haben. „Der soll so bleiben“, sagt die Restauratorin über das rostige Metallstück, das kaum noch an ein Schwert erinnert. Eine Restaurierung sei keine Rekonstruktion, auch wenn Laien oft enttäuscht seien, dass so wenig von dem Originalzustand zu erkennen sei, berichtet sie.

Die Zeitspanne, mit der sich Archäologen beschäftigen, sei breit, sagt Landesarchäologe Haßmann. „Das Älteste, was wir haben, ist 300 000 Jahre alt, das Jüngste stammt aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs“, sagt er. Mittlerweile werde auch die Geschichte von NS-Lagern archäologisch erforscht. - dpa

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