3000 Jahre Größenwahn: Toby Wilkinson dokumentiert „Aufstieg und Fall des Alten Ägypten“

Die göttlichen Keulenschwinger vom Nil

Kreiszeitung Syke
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Syke - Von Johannes Bruggaier Sein Vater war der geliebte Führer, der Sohn ist vorerst ein militärisches Genie: Den absurden Titelkult nordkoreanischer Despoten nimmt man in Gesellschaften demokratischer Prägung nur mit Kopfschütteln zur Kenntnis.

Dabei bleibt für die Kim Jong-Uns dieser Welt noch durchaus Luft nach oben. Als wahrer Ausbund an Bescheidenheit nämlich zeigt sich solch ein Diktator unserer Zeit, wenn man einen ganz gewöhnlichen Pharao dagegenhält. Toby Wilkinson, einer der führenden Experten für Ägyptologie, hat nun eine umfassende Darstellung der altägyptischen Geschichte vorgelegt. Es ist eine eindrucksvolle Dokumentation eines nicht weniger als 3000 Jahre währenden Größenwahns geworden.

Das fängt an mit dem ersten Anführer, dem die Forschung die Würde eines Königsamts zubilligt. Narmer, ein um 3000 v. Chr. lebender Mann von offenkundig kräftiger Statur und gesundem Machtinstinkt ließ sich auf einer Palette in unmissverständlicher Pose abbilden. Die Ende des 19. Jahrhunderts im Süden Ägyptens gefundene Steinplatte zeigt den Meister beim Erschlagen eines Gefangenen. Und damit niemand auf die Idee kommt, der mächtige Knüppel in der rechten Hand sei zufällig in seinen Besitz geraten, ziert ein gewaltiger, keulenförmiger Turban sein Haupt. Narmer, das war der Mann, der die Keule schwingt, in anderen Darstellungen auch eine reißende Bestie oder ein wilder Stier: eine Naturgewalt, deren Kraft göttlich bedingt sein muss.

Wenn schon das Volk in seinen Führern übermenschliche Veranlagungen vermutete, mochten sich die Könige selbst keinen Zwang antun. Kurzerhand erklärten sie sich selbst zu Göttern, was den erfreulichen Nebeneffekt der Unangreifbarkeit hatte: Wer würde schon mit einem Attentat auf einen Gott gleich die ganze Schöpfung ins Wanken bringen wollen?

Monarchie und Religion waren zwei Seiten der selben Medaille, was freilich nicht bedeutete, dass sich die religiösen Werte dieses Gottesstaates in einem Überschuss an Nächstenliebe offenbart hätten. Wilkinsons Könige knüppelten und köpften, dass es eine wahre Freude war. Wer Kritik wagte, musste mit dem Verlust seiner Geschlechtsteile rechnen, und wem das traurige Schicksal beschieden war, als Diener am Hofe zu arbeiten, der musste mit dem König gemeinsam das Zeitliche segnen: damit der Herr auch im Jenseits nicht auf seine Hilfskraft zu verzichten brauchte. Allein am Grab des dritten äyptischen Königs Djer hat man 318 solcher Diener-Nebengräber gefunden.

Es kann kaum verwundern, wenn König Snofru (2575 bis 2545 v. Chr.) das Gottesdasein allein nicht mehr genügte. Der „vollkommene“ Gott musste es nun sein, als welchen seine Untergebenen ihn gefälligst anzubeten hatten. Und damit diese Vollkommenheit auch baulich zur Geltung kommt, galt es, das ohnehin schon gewaltige Pyramidengrab seines Vorgängers Djoser zu bertreffen. Heerscharen von Arbeitern wurden dazu verdonnert, eine mit acht statt vier Stufen doppelt so hohe Pyramide zu errichten mit länglichem Grundriss und Ost-West-Ausrichtung: sodass Snofrus letzte Reise mit Aufgang und Untergang der Sonne zusammenfällt. Doch dann stand das Bauwerk früher vor seiner Vollendung als gedacht. Was in Snofru die Erkenntnis reifen ließ, dass mit ein wenig mehr Mut noch mehr möglich gewesen wäre. Warum nicht doch noch den Bau einer wiederum größeren Pyramide versuchen, damit die pharaonische Vollkommenheit in Ewigkeit bestand hat? Also wurde noch einmal geschuftet im Dienste des Herrn, weitere 45 000 Kubikmeter Gestein gehauen, geschleppt und aufgeschichtet zu einem 105 Meter hohen Megabauwerk.

Dann das Unfassbare: Die physikalischen Kräfte, Gottheit hin oder her, ließen die Pyramide plötzlich in sich zusammensacken. Was als Ausdruck allumfassender Macht gedacht war, geriet aufgrund der geologischen Rahmenbedingungen zu einer lächerlich geknickten Pyramiden-Parodie. Man hatte vor Baubeginn schlicht den falschen Untergrund gewählt.

Unvorstellbar erscheint der Kraftakt zur Behebung dieses Desasters. An drei Baustellen gleichzeitig ließ Snofru nun bauen. Erstens an Pyramide Nummer eins: damit für den Fall seines plötzlichen Todes überhaupt eine Grabstätte zur Verfügung steht. Zweitens an Pyramide Nummer zwei: in der Hoffnung, den geknickten Bau irgendwie noch retten zu können. Und drittens an Pyramide Nummer drei: einem völlig neuen Bauvorhaben, diesmal auf stabilem Untergrund.

Wilkinson beschreibt solche Unfassbarkeiten in einem wunderbar lakonischen Stil. Er erläutert schlüssig, wie religiöse und historische Aspekte dafür sorgen konnten, dass ein ganzes Volk sich dieser Knechtschaft hingab, und er schafft mittels raffiniert hergestellter Bezüge zu anderen Epochen das Bewusstsein um die Mechanismen dieses Machtsystems. Die Erfindung des Monotheismus unter Echnaton entlarvt er als zwangsläufiges Ergebnis eines dynastischen Überbietungswettbewerbs: Wenn schon die Ahnen sich als Gottheiten feiern ließen, blieb zur Steigerung allein der Titel des einzigen Gottes übrig, was freilich das Verbot sämtlicher Nebengötter zur Folge haben musste.

Besonders eindrucksvoll gelingt dem Autor die Beschreibung des allmählichen, sich über ein ganzes Jahrtausend hinziehenden Niedergangs. Denn anders als zu vermuten wäre, wurzelte das Ende des Alten Ägypten keineswegs in Größenwahn und Despotie. Seine Ursache bestand vielmehr in der schlichten Tatsache, dass nach all den gigantischen Bauten und rauschenden Festen kein Geld mehr in der Kasse war. 1159 v. Chr. kam es auf der Baustelle des kommenden Königsgrabs erstmals zum bis dahin Undenkbaren: einem Streik der Arbeiter. Bald musste sich der Pharao (diese Bezeichnung „Großes Haus“ hatte sich erst unter Königin Hatschepsut zur Verschleierung ihres Geschlechts eingebürgert) sogar einer Verschwörung erwehren. Und nicht lange, da wusste sich der klamme Staat nicht mehr anders zu helfen, als die eigenen Königsgräber auszubeuten.

Das wirtschaftliche Desaster als Vorbote des Tyrannensturzes: Da fühlt man sich nicht umsonst an die Endphase der Ostblockstaaten erinnert. Geschichte wiederholt sich.

Toby Wilkinson: „Aufstieg und Fall des Alten Ägypten“, Deutsche Verlagsanstalt: München 2012; 832 Seiten; 29,99 Euro.

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