Brecht-Tage in Oldenburg: Nach der „Dreigroschenoper“ zeigt das Staatstheater „Baal“ als Marionettenspiel

Göttlich an der Welt gescheitert

Alle Fäden in der Hand: Baal (Michael Pietsch) mit seinem zweiten Ich. Eckart (Sebastian Brandes) staunt.

Von Johannes BruggaierOLDENBURG (Eig. Ber.) · Mit der Anmut ist es ein seltsames Ding. Als unschuldiges Kind verfügen wir über sie ganz natürlich, verlieren sie aber, sobald unser Bewusstsein erwacht.

Erwachsene sind selten anmutig, es sei denn, ihr Bewusstsein erreicht den Grad höchster Vollkommenheit: so wie es dem Tänzer gelingt, eine künstliche Bewegung unter Anleitung seiner Geisteskraft in natürliche Harmonie aufgehen zu lassen. Anmut entsteht also immer dann, wenn entweder gar kein Bewusstsein besteht oder aber ein unendliches. Weshalb eine Marionette ebenso anmutig sein kann wie eine Primaballerina oder mehr noch: wie Gott. Heinrich von Kleist: „Über das Marionettentheater“, 1810.

Man kann sich lebhaft vorstellen, wie Regisseur Jan-Christoph Gockel auf den raffinierten Einfall gekommen ist, Bertolt Brechts Jugendstück „Baal“ in der Oldenburger Exerzierhalle als Puppenschauspiel zu inszenieren. Fungiert doch Baal als Dichtergott, der – nach Kleist – Gegenstück zur Marionette ist. Das Ganze in Brechts Heimatstadt Augsburg, also: Augsburger Puppenkiste.

So ist Baal (Michael Pietsch) zunächst einmal nichts weiter als ein jugendlicher Stubenhocker, der im blauen Trainingsanzug auf dem Dachboden seines Elternhauses den Tag mit selbst geschnitzten Marionetten verdaddelt. In der Welt da draußen gilt er als armer Außenseiter, in seiner Welt da drinnen als großer Gott, als Herr über die Fäden, als Schöpfer irrer Puppengeschichten. Der wilde Baal, der Rebell und Frauenheld existiert als sein hölzernes alter Ego von geschätzten 30 Zentimetern Größe. Lustvoll bläst diese Miniaturausgabe im imaginären literarischen Salon der feinen Gesellschaft die Meinung und legt anschließend die Dame des Hauses flach – allesamt natürlich: Marionetten. Der echte Baal, dieser menschliche Dachboden-Gott erhält bald Hilfe von Kumpel Ekart (Sebastian Brandes), einem Eigenbrötler wie er selbst. Da stehen sie nun mit den Spielkreuzen in ihren Händen, ergötzen sich an den Skandalen und Sexszenen ihrer Figuren: Schweinereien, zu denen ihnen im wirklichen Leben der Mut fehlt.

„Naaa? Spielt ihr schön?“, schallt es plötzlich über den Dachboden. Mama (Jutta Garbe) steht mit dem Amtsboten (Thomas Birklein) in der Tür. Binnen Sekunden sind die eben noch hemmungslos vögelnden Puppen unter Dielenbrettern verstaut, schrumpft der Gott der Fäden zu einem Schuljungen in Schlabberhose, der seiner Mutter verlegen die Spielregeln erklärt. Die will alles gar nicht so genau wissen, knallt sich lieber mit ihrem Herrn Amtsboten aufs Sofa vor die Glotze. Und weiter geht‘s im Text für die beiden Marionettenbrüder.

Eng ist die Welt, das Gehirn ist weit: In Baals Mikrokosmos treten bald obskure Figuren wie Monster und Popstars auf, derweil sein zweites Ich munter durch die Betten turnt. Bloß wenn sich plötzlich eine ganz reale Frau ins Kinderzimmer verliert (Eva-Maria Pichler), reibt sich der virtuelle Casanova hilflos die Hände.

Gockel kehrt die tradierte Lesart des Dramas um, zeigt Baal nicht als Abbild seines vermeintlich heroischen Schöpfers, sondern als Projektionsfläche für dessen verborgene Sehnsüchte. Ein früher Rudi Dutschke wäre Brecht nämlich gerne gewesen – die Wahrheit aber sah im bieder beschaulichen Augsburg anders aus. Sein Drama erweist sich vor diesem Hintergrund als Ausflucht vor dem Scheitern an der Wirklichkeit: Wer die tatsächliche Welt nicht erobern kann, der begibt sich eben in das umso größere fiktive, ja göttliche Leben. Das gilt für die Dichtung wie für Puppenspiele und nicht zuletzt die digitalen Weiten des Internets.

Es ist durchaus beeindruckend, wie Michael Pietsch in diesem Pseudo-Gott das Bewusstsein um seine Isolation mit der geistigen Expansion in die Gefilde der Fantasie vereint. Dieser Baal ist ein an Ausbruch gar nicht mehr interessierter Charakter, einer, der sein Heil in der Flucht nach innen sucht. Großartig ist Sebastian Brandes‘ Ekart in seinem weitaus simpleren Strickmuster. Anders als sein Freund weiß er nichts von einer Welt da draußen, das Marionettenspiel ist für ihn Anfang und Ende aller Erfahrung.

Mit seinem Stück war Brecht bis zuletzt unzufrieden. Sogar eine Warnung sprach er einmal aus. Dem Text, so grämte er sich, mangele es an Weisheit. Vielleicht mangelte es einfach nur an Marionetten: Die Augsburger Puppenkiste entstand erst 30 Jahre später.

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