Mit „Perhaps all the Dragons“ zeigt das flämische Video- und Performance-Duo „Berlin“ eine vielstimmige Versuchsanordnung

Götterdämmerung im UN-Sicherheitsrat

In der Architektur des Aushandelns: Bühnenanordnung für die Produktion „Perhaps all the Dragons“. ·
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In der Architektur des Aushandelns: Bühnenanordnung für die Produktion „Perhaps all the Dragons“. ·

Von Tim SchomackerHAMBURG · Wie applaudiert man einem Monitor? Selbst wenn darauf einer zu sehen ist, der sich verbeugt? Ganz am Ende stimmen dreißig Figuren (auf dreißig Monitoren) gemeinsam ein Abschiedslied an.

Erstmals unisono an diesem Abend. Eine Kamerabewegung gibt das jeweilige Interieur als Filmset zu erkennen. Interieurs mit Tapeten, Nippes, Flipcharts und edlem Mobiliar, in denen eine gute Stunde lang Menschen gesessen und erzählt haben. Die Geschichte vom Inder mittleren Alters, den seine Cousins für tot erklären lassen, um an sein Erbteil zu kommen. Die Geschichte vom kleinwüchsigen Torero, der es leid ist, gefragt zu werden, ob er gegen kleine Stiere kämpft. Oder vom Wiener Staatsopernorchester, das unter alliiertem Beschuss Wagners „Götterdämmerung“ probt.

Das Antwerpener Künstler-Duo „Berlin“ hat mit der videogestützten installativen Performance „Perhaps all the Dragons“ ein sehr akkurates, bisweilen auch schlau unterhaltsames Theater-Etwas in den Maler-Saal des Hamburger Schauspielhauses hineingebaut. Die wirklich interessanten Fragen über Gemeinsames und vereinzeltes, Körperlichkeit und Performance, Geschichte und Geschichten legt die Arbeit zwar nahe – und verliert sie vor lauter Kunstfertigkeit ein wenig aus den Augen.

Aber von vorn. Wir betreten einen Raum, das Licht ist wenig. Ein sehr großer, ovaler Tisch gibt die Form vor von dem Ding, das da in der Mitte steht. Entfernt erinnert die Szenerie die Architektur des Aushandelns: UN-Sicherheitsrat, Koalitionsverhandlungen. Außen befinden sich dreißig Monitore, auf der Innenseite des Holzgebildes dreißig Drehstühle. Auf den Monitoren ist die ebenfalls hölzerne Stuhllehne des jeweiligen Drehstuhls zu sehen. Das Oval ist mit rotem Wachstuch überdacht, über jedem Platz hängt eine Glühbirne. Auf jeden Gast kommt ein Drehstuhl, auf jeden Drehstuhl ein Monitor, auf jeden Monitor ein Erzähler.

Auf dem Monitor ist nun ein Sprecher in einem Interieur zu sehen. In meinem Fall ist es der Torero. In vollem Ornat vor blumigem Wandbehang. Am Ende von Teil eins bekommt jeder einen Umschlag, auf dem der weitere Parcours verzeichnet ist.

Selbstverständlich ist das alles wahnsinnig akkurat gebaut und eingerichtet. Ergibt die Vielstimmigkeit zunächst eher eine Geräuschkulisse, aus der man die eine Erzählung heraushört, beginnen die Monitorbilder nach und nach, sich auf einander zu beziehen. Hier und da ein Zwiegespräch von Bildrand zu Bildrand, gelegentlich ein Ruf, der die anderen verstummen und hinüberschauen lässt, auch eine angesungene Arie aus „Carmen“ (die die meisten anderen mit einem vor sich hin gesungenen, gleichmäßig rhythmischen „Padamtamtam“ quittieren). Bis im vierten Bild alle dreißig dieselbe Geschichte erzählen – wenn auch in je eigenen Worten.

Es sind Varianten jener Theorie, nach der alle über durchschnittlich nur sechs Vermittler-Personen mit jedem Menschen auf der Welt bekannt sind. Klar denkt man dann darüber nach, über wie viele und welche Ecken man mit dem, der am Nebenmonitor sitzt, bekannt ist. Aber auch nur für einen Moment. Denn dann geht es zum nächsten Drehstuhl. Und man fragt sich, worauf es denn – außer der Frage, ob das technisch alles machbar ist – rausläuft an diesem Abend.

Der bereitet vor allem dann Vergnügen, wenn man beginnt, Mimik, Sprechrhythmus, Sprachmelodie der einzelnen Figuren zu vergleichen. Oder wenn das Erzählte sich mit der Situation kurzschließt, in der man sich just befindet: „Ich bin das Einzige, was er anschaut“, sagt der Torero über seinen ersten Stier. „Ich war vom Weinkeller einer Gastwirtschaft aus mit allen Orchesterteilen über Feldtelefon verbunden“, sagt der Staatsopern-Dirigent über Wien 1945. Meist aber bleibt der Kanal vom Erzählenden zum Zuhörenden eine Einbahnstraße. Und das leise multilinguale und vielstimmige Spektakel „Perhaps all the Dragons“ verschüttet viel Potenzial in seiner eigenen Kunstfertigkeit.

„Perhaps all the Dragons” ist bis zum 26. März sowie vom 2. bis 6. April täglich drei Mal im Schauspielhaus Hamburg zu sehen.

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