Die „Duckomenta“ erzählt in Hannover die Kunstgeschichte neu

Goethes zwei linke Füße

Sie sind überall: „Ente am Strand von Viareggio“.
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Sie sind überall: „Ente am Strand von Viareggio“.

Hannover – Eine schnabelhafte Ausstellung. Entlich erfährt man Entgültiges über wahrhaft entscheidende Entdeckungen. Ente gut, alles gut. So, damit dürften die wesentlichen Wortspiele abgehakt sein, die in jedem Text über eine „Duckomenta“ auftauchen, und man kann sich der Schau im Landemuseum Hannover zumindest diesbezüglich einigermaßen unbelastet nähern.

Sie ist mit über 300 Exponaten die bislang größte ihrer Art. Seit rund 35 Jahren gestaltet die Gruppe „interDuck“ die Weltordnung neu, indem sie der Menschheitsgeschichte die Historie der Enten an die Seite stellt. Dieses Paralleluniversum ist der Duckschen Saga zufolge weit weniger bekannt, obwohl es unübersehbar Spuren hinterlassen hat: Kunstwerke wie die „Ente mit dem Perlenohrring“, „Der Turm der Blauen Enten“ oder „Otto Fürst von Duckmarck“ belegen die These eindeutig. Und da das Landesmuseum ein Mehrspartenhaus ist, in dem auch Archäologie, Völkerkunde und Naturgeschichte ihren Platz haben, präsentiert die Ausstellung zusätzlich unter anderem einen mit Schnabel ausgestatteten „Duckaeopterix Lithographica“ in Solnhofer Plattenkalk, jungsteinzeitliche Kultgefäße mit Entenfüßen oder eine Maske aus Papua-Neuguinea, deren Schnabel durch eine Zahnreihe ebenso grimmig wie befremdlich wirkt.

Die interDucks sind inzwischen in Berlin ansässig, die Wurzeln liegen jedoch in Braunschweig. Dort verfolgte Kunstsoziologie-Professor Eckhart Bauer zu Beginn der 80er-Jahre einen damals noch in den Kinderschuhen steckenden Ansatz: „Wir haben über die so genannte Trivialkultur gesprochen. Und uns überlegt, was es bedeuten würde, wenn die Disney-Welt in die europäische Kunstgeschichte eindringen würde. Irgendwann hat sich die Idee dann immer mehr verselbstständigt.“ Die erste Duckomenta gab es 1986 in Erlangen, es folgten rund 75 weitere, die von mehr als zwei Millionen Menschen besucht wurden. Im Laufe der Jahre waren etliche Künstler beteiligt, heute sind noch Volker Schönwart, Rüdiger Stanko und Ommo Wille dabei, während Geschäftsführerin Anke Doepner für die Texte zuständig ist – alle übrigens interDucks der ersten Stunde.

Für Bauer ist das Projekt mehr als ein Gag: „Wir verfremden ja nicht zuletzt die Mächtigen dieser Welt, allerdings auf eine eher spielerische Weise.“ Tatsächlich lässt sich nicht leugnen, dass Kaiser, Könige und Kleriker in Entengestalt doch erheblich an Ehrwürdigkeit einbüßen. Und die Exponate sind keineswegs immer Schnellschüsse, sondern erfordern je nach der bei der Vorlage verwendeten Technik einige Einarbeitung – ist etwa der Umgang mit feinen Haarpinseln angesagt, kann das Erstellen der Entenversion schon viel Zeit in Anspruch nehmen.

Ein Rundgang in Begleitung der Künstler öffnet zusätzliche Ebenen. Dann erläutert etwa Volker Schönwart, natürlich mit bierernster Miene, die Besonderheiten einer historischen Himmelskarte, die Sternbilder wie „Das Ei“ aufweist: „Ist hier uraltes Wissen verloren gegangen? Oder waren damals die Teleskope einfach noch zu schlecht?“ Während Rüdiger Stanko süffisant gewisse Eigenheiten bei der „Ertrinkenden Ente“ anspricht, deren Vorlage das berühmte Gemälde von Roy Lichtenstein darstellt: „Bei uns wird eine Comicfigur durch eine andere ersetzt. Abgesehen davon ist die Vorstellung, dass gerade eine Ente ertrinken sollte, doch etwas merkwürdig.“ Auf der interDuck-Version von Edward Munchs „Schrei“ erinnern die Figuren übrigens noch sehr stark an Donald Duck, Mickey Mouse und Goofy – von den Disneyschen Vorbildern hat sich die Gruppe inzwischen zunehmend emanzipiert.

Nicht nur Titel, auch Künstlernamen können hier Veränderungen unterworfen werden. So haben neben vielen anderen Paula Dottersen-Duckler, Carl Spitzmaus, Edouard Manente und Ducki de St. Bec zu der Ausstellung beigetragen, die Letztgenannte eine Nana mit Schnabelandeutung. Das wirkt auf Dauer etwas penetrant; überhaupt hat man das Prinzip der Ausstellung recht schnell erfasst und sieht sich einem besonders umfangreichen Fall von „Thema mit Variationen“ ausgesetzt. Doch entwickelt gerade dieser Overkill auch seine Reize, und einige Ideen sind so daneben, dass sie schon wieder Spaß machen, etwa die Version von Gustave Courbets Skandalbild „Der Ursprung der Welt“ mit Geflügelunterleib und Ei.

Schließlich hat die Schau einen weiteren Vorteil. Ihre Eingängigkeit mag manchen Besucher, dem die kunst- und kulturhistorische Perspektive bislang eher fremd gewesen, dazu verleiten, sich mit den Vorlagen zu beschäftigen. Andererseits kann sie auch dem Insider Freude bereiten. Bei entsprechendem Hintergrundwissen bekommt beispielsweise die Schrifttafel zum allseits bekannten Tischbein-Gemälde „Goethe in der Campagna“ eine Doppelbedeutung, ist darauf doch von „unübersehbaren anatomischen Merkwürdigkeiten“ die Rede: Das kann sich sowohl auf Schnabel und Entenbein beziehen, mit denen der Dichterfürst hier ausgestattet ist, als auch auf die Vorlage – die war nämlich ursprünglich ein Fragment und wurde offenbar von einem mäßig begabten Künstler vollendet, der mit der realistischen Darstellung des menschlichen Körperbaus überfordert war und Goethe unter anderem zwei linke Füße verpasste.

Sehen

Bis 11. April 2021, Dienstag bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr, Landesmuseum Hannover.

Von Jörg Worat

Nur echt mit Schnabel: „Königin Duckfretete“.

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