Goethes „Werther“ als Anti-Liebesdrama am Oldenburgischen Staatstheater

Genuss der Gegenwart

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Bier gegen den Kater: Werther (Maximilian Pekrul) gibt sich die Kante.

Oldenburg - Von Johannes Bruggaier. Was gestern war, drückt schwer auf unser Gewissen, und was morgen kommt, bereitet uns womöglich Sorgen: Wie schön könnte doch das Leben sein, wenn es sich nur ganz aufs Hier und Jetzt beschränken ließe! Die Popkultur bezieht einen Großteil ihrer Kraft aus dieser Idee, der Rausch, die Ekstase als Medizin gegen die Last der Zeit. Und wer hat‘s erfunden?

Faust vielleicht mit seinem legendären Streben nach dem „Augenblicke“, zu dem er sagen möchte: „Verweile doch, du bist so schön!“ Eigentlich aber der junge Werther mit seinem Leitspruch: „Ich will das Gegenwärtige genießen, und das Vergangene soll mir vergangen sein!“

So ist es völlig konsequent, wenn Regisseur Karsten Dahlem diesen jugendlichen Schwärmer zur Klangkulisse einer dreiköpfigen Rockband auf die von weißen Wänden eingefasste Bühne (Ausstattung: Inga Timm) schickt. Eine „wunderbare Heiterkeit“ habe seine Seele eingenommen, jubelt das schmächtige Bürschchen (Maximilian Pekrul) zum markanten Gitarrenriff und beginnt vor lauter Freude über das Leben, die Welt und die Natur mit Gartenarbeiten auf einem kleinen Haufen Torf: „Ich unterliege der Gewalt der Herrlichkeit der Erscheinungen!“

Die „Erscheinungen“, das sind natürlich der Himmel und die Erde, aber auch eine junge Frau namens Charlotte (Magdalena Höfner). Leicht wie eine Feder schwebt sie durch diese Welt, frohsinnig und unbefleckt von allem Trübsinn vergangener Tage. In ihr, so scheint es, ist das „Gegenwärtige“ Fleisch geworden.

Doch die Vergangenheit ist da, und sie ist ernst: Albert, der Ehemann in spe (Klaas Schramm), traut seinen Augen nicht, als er bei seiner Rückkehr von einer Reise das Turtelpärchen überrascht. Ein kurzer Flirt ist schön und gut, aber jetzt darf sich der Nebenbuhler mal vom Acker machen, denn für den harten Ehealltag braucht das Engelchen einen Mann mit Realitätssinn statt eines schwärmenden Yuppies.

Es hat schon viele Versuche gegeben, Goethes Briefroman auf die Bühne zu bringen. Bis heute unerreicht ist Philipp Hochmair in Nicolas Stemanns Inszenierung als Einpersonenstück, viel gelobt auch Jan Bosses Adaption am Berliner Gorki-Theater vor einigen Jahren. Die meisten Produktionen jedoch scheiterten am Rätsel der Liebe. Denn wer hier wen oder was begehrt, ist keineswegs so klar, wie unzählige Deutschlehrer und Reclam-Lektürehilfen behaupten.

In Oldenburg richtet sich Werthers Liebe weniger auf einen Menschen mit eigener Geschichte und Persönlichkeit als vielmehr auf die Gegenwart, auf Charlotte als Sinnbild des totalen Jetzt. Charlotte dagegen liebt am meisten sich selbst, weshalb sie sich die Sicherheit des braven Ernährers Albert gönnt, von der Erotik des schwärmenden Liebhabers Werther aber nicht lassen will. Albert schließlich liebt vor allem die Kontrolle, die Gewissheit über die Zukunft und das eigene Leben. Und wer von ihnen liebt jetzt am Besten?

Als erstes streckt Albert die Waffen, wenn er bekundet, dass er selbst gerne so schwärmen könnte wie sein Konkurrent. All die Kontrolle, das viele Geld, die schöne Sicherheit: Das ist wenig wert, wenn jeder Morgen im gleichen tristen Grau erscheint. Beginnt der brave Ehemann erst einmal an seinem Glück zu zweifeln, gerät bald auch das Haus seiner narzisstischen Gattin ins Wanken. „Ich bin noch dieselbe!“, ruft Charlotte verzweifelt, als sie Alberts Entfremdung spürt. Doch das stimmt schon längst nicht mehr. Die Gegenwart lässt sich nämlich schwerlich aufs ganze Leben ausdehnen, irgendwann kommt die Vergangenheit mit Macht. Wer sich rechtzeitig darauf einrichtet, der kann auf Reife hoffen. Allen anderen droht Ernüchterung.

So endet dieser poppige Rausch der „Generation now“ in einer atmosphärischen Ausnüchterungszelle. Albert schleicht sich fort, Charlotte bleibt einsam zurück, und Werther trinkt mit vier Flaschen Bier gegen den Kater an. Er hat erkannt, dass er nur ein Instrument war für Charlottes Selbstsucht, angelockt vom Giftbecher ihrer Reize, den er „mit Wollust ausschlürfte“. Da sorgt keine Band mehr für gute Laune, das einzige, was hallt, ist ein Revolverschuss: der einzige Weg in eine Welt von ewiger Gegenwart.

Karsten Dahlems Bühnenstück beschreibt eine Liebesgeschichte, in der niemand geliebt wird, eine Gesellschaft, die von Liebe spricht und Narzissmus meint. Das ist in der Form manchmal etwas bemüht jugendlich und plakativ, insbesondere was die Entwicklung von der kollektiven Rock‘n‘Roll-Sause hin zum einsamen Suizid betrifft. Im Kern aber wird das Stück der komplexen Gefühlsstruktur, die dieser Dreiecksbeziehung zugrunde liegt, in befriedigender Weise gerecht.

Das darstellerische Niveau ist solide. Maximilian Pekrul gibt einen Werther, der trickreich an seinem Ideal der reinen gegenwärtigen Unschuld festzuhalten versteht. Und Klaas Schramm gewinnt Alberts sprödem Realismus so manchen Witz ab. Am überzeugendsten ist vielleicht Magdalena Höfner, die in ihrer anfangs so selbstsicher autonom handelnden Charlotte zusehends seelische Abhängigkeiten sichtbar werden lässt.

In Essen, wo das Stück bereits vor einem Jahr gezeigt wurde, soll es eine begeisterte Aufnahme erfahren haben. Dem muss man sich nicht unbedingt anschließen. Für einen kritischen Blick auf das, was wir „Liebe“ nennen, eignet sie sich allemal.

Kommende Vorstellungen: am 6. und 7. Juli, jeweils um 11 Uhr sowie am 12. Juli um 18.30 Uhr.

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