Der Germanist Torsten Unger hat vernichtende Kritiken auf den vermeintlich Unkritisierbaren gesammelt

Goethe als Verursacher des Ersten Weltkriegs

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Kreiszeitung Syke

Syke - Von Johannes Bruggaier. Die Lektüre fängt schon mal gut an. In einem nachträglich eingelegten „Korrekturhinweis“ muss der Verlag einräumen, dass der Literaturwissenschaftler Daniel Wilson „anders, als auf Seite 218 dargestellt“ niemals Goethe als Antisemiten bezeichnet habe.

Wer die Kritiker des größten Dichters deutscher Sprache zu Wort kommen lassen will, der begibt sich offenkundig auf vermintes Gelände. Weil das Wagnis einer Goethe-Kritik schnell peinlich werden kann, stehen Zitate unter besonderer Beobachtung ihrer Urheber.

Praktischer Weise sind nur noch die wenigsten von ihnen noch am Leben, was für Torsten Unger die Gefahr etwaiger juristischer Auseinandersetzungen erheblich reduziert. Der Erfurter Germanist und Journalist hat sich eine chronologischen Aufzählung der relevantesten Verrisse vorgenommen – und um den Goethe-Verehrern gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen, dieses als erheiternde Selbstentlarvung der Kritiker verkauft. Dabei war Goethe keineswegs ein Heiliger, als Dichter nicht und als Person erst recht nicht: Manche Spitze gegen das Weimarer Idol offenbart durchaus Substanz.

So sind vor dem Hintergrund des grassierenden Empfindsamkeits-Wahns im ausgehenden 18. Jahrhundert Georg Christoph Lichtenbergs trockenen „Werther“-Kommentare von erheiternder Konsequenz. Die schönste Stelle im „Werther“, ätzte der Göttinger Gelehrte, sei jene, „wo er den Hasenfuß erschießt“.

Der Romantiker Novalis muss aus seinem der Weimarer Klassik gänzlich entgegengesetztem Literaturverständnis heraus „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ geradezu zwangsläufig als „fatales und albernes Buch“ halten. An dessen Schluss, bemerkt er, bleibe nicht als eine „in vollem Maße“ empfundene Freude: darüber, „dass es nun aus ist“.

Es ist wohlfeil, im Rückblick und mit Hilfe einer kulturhistorischen Einordnung solche Aussagen zu zerpflücken. Und doch sind auch Kritiken überliefert, deren Verfasser man auch im besten Bemühen um Verständnis nicht anders als naiv bezeichnen mag. Der Vormärz-Kritiker Wolfgang Menzel sieht im Dramatiker Goethe einen „Dichter ohne Belang“, seine Stücke ließen sich „schön lesen“, aber „schlecht darstellen“. Und Jules Barbey d‘Aurevilly, ein urkonservativer Sittenwächter, glaubte in Goethe nichts weiter als einen „Übersetzer und Bearbeiter“ bereits vorhandener Literatur vor sich zu haben. Der Dichter wärme sich den Rücken am Feuer der anderen: ein „armseliger Sultan des Intellekts“. Rekordverdächtig schließlich muten die Tiraden Jakob Haringers an, ein schräger Vogel der deutschen Literaturszene in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Goethe war für ihn nicht allein ein Dichter, sondern Symbol für die Oberschicht schlechthin, verantwortlich für den Ersten Weltkrieg, die Missstände der Weimarer Republik und was sich noch alles denken ließ. Ein „Idiotenreptil“ sei dieser Goethe gewesen, ein „Judas“, „Ersatzsatan“ und eine „Kehrichttonne“, ja ein „Massenmörder“ gar, wenngleich ein „vertrottelter“. 

Es ist eine seltsame Erfahrung, all diese gehässigen Worte zu lesen. Als ginge es um einen Dichter von bemerkenswerter Mittelmäßigkeit. Unterhaltsam ist diese Lektüre immer dann, wenn der Kritik eine über bloßen Neid hinausgehende Intention innewohnt. Was die Menzels und Haringers dagegen angeht, so lässt sich ihnen wenigstens diese eine Erkenntnis abgewinnen: den Grund dafür, dass sie heute vergessen sind.

Torsten Unger: „Fürstenknecht und Idiotenreptil: Goethes Kritiker“, Sutton Verlag: Erfurt 2012; 251 Seiten; 12,95 Euro.

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