Zauberhaft und kunterbunt: „Das doppelte Lottchen“ 

Das Glück wartet im Ferienlager

Wird am Ende doch noch alles gut? Offenbar ja, zumindest wenn Schnee ein Zeichen für eine gelungene Familienzusammenführung ist. - Foto: Jörg Landsberg
+
Wird am Ende doch noch alles gut? Offenbar ja, zumindest wenn Schnee ein Zeichen für eine gelungene Familienzusammenführung ist. 

Bremen - Von Mareike Bannasch. Die Haarfarbe ist gleich, das Profil ebenfalls, und auch sonst sehen sich die beiden Mädchen ziemlich ähnlich. Und dass, obwohl sie eigentlich gar nichts gemeinsam haben. Lebt Luise Palfy doch bei ihrem Vater in Wien, während Lotte Körner für ihre Mutter in Bremen kocht, wäscht und putzt. Also einfach nur eine ganz normale Freundschaft, die ihren Anfang in einem Ferienlager genommen hat? Nicht ganz, denn Luise und Lotte sind Scheidungskinder. Scheidungszwillinge, um genau zu sein.

Dass Erich Kästners Roman „Das doppelte Lottchen“ aus dem Jahr 1949 bis heute aus kaum einem Kinderzimmer wegzudenken ist, verdankt das Buch vor allem seinem für damalige Zeiten recht ungewöhnlichen Thema. War Kästner doch einer der ersten, der sich im Nachkriegsdeutschland in einem Kinderbuch mit Scheidungen und ihren Folgen auseinandersetzte – und so seinen jungen Lesern vermittelte, dass Familie viele Gesichter haben kann. Eine Schlussfolgerung, die bis heute sehr aktuell ist. Vielleicht mit ein Grund für das Theater Bremen, „Das doppelte Lottchen“ zum diesjährigen Familienstück zu küren.

Ausgehend von jenem verhängnisvollen Treffen im Ferienlager inszeniert Theo Fransz ein liebevoll gestaltetes, kunterbuntes Stück, das sich zwar die meiste Zeit wortgetreu am Original entlanghangelt, aber trotzdem mit einigen charmanten Optimierungen aufwartet. So hat Fransz, der am Moks zuletzt „Wunderbrut“ und „Nachtgeknister“ inszenierte, gemeinsam mit Markus Reyhani moralisch durchsetzte Lieder geschrieben. Und auch wenn sich bei der Premiere noch der ein oder andere schiefe Ton in die Gesangspartien des siebenköpfigen Ensembles schleicht, sind diese Stücke eine durchaus gelungene Ergänzung, die besonders beim jungen Zielpublikum gut ankommt –  jedenfalls, wenn man die Mitsingrate als Maßstab nehmen möchte.

Doch zurück zu Lotte und Luise, deren Rollentausch und die nachfolgenden Konsequenzen hinlänglich bekannt sein dürften. Anna-Lena Doll gibt vor einer in mehrere Bereiche geteilten Bühne, an deren hinterer Wand sich die Silouetten von Wien und Bremen abwechseln (Bühne und Kostüme: Bettina Weller), die durchaus temperamentvolle Luise, die sich gar nicht gern an Regeln hält und im Leben ihres erfolgsverwöhnten und egoistischen Vaters Ludwig (Siegfried W. Maschek) eigentlich nur mitläuft. Ganz im Gegensatz zu Karin Enzler, die sich als Lotte mit sorgsam geflochtenen Zöpfen, akkuraten Kniestrümpfen und durchgestrecktem Rücken mit ihrer dauergestressten Mutter (Irene Kleinschmidt) durchs Leben kämpft – zumindest bis zum Rollentausch.

Obwohl Enzler und Doll als einzige Darsteller nur eine Rolle zugeteilt bekommen haben, bleiben ihre Interpretationen von Lotte und Luise leider ein wenig blass, besonders im direkten Vergleich zu den anderen Mitgliedern des Ensembles.

Hier sticht vor allem Matthieu Svetchine heraus, der in einer Doppelrolle sowohl als Freund der Familie Palfy, Hofrat Strobl, mit wunderbar betulichem Wiener-Schmäh und angeleintem Stoffhündchen durch die Gegend hastet, als auch die Lager-Leiterin Frau Muthesius gibt. Eine biedere Dame, jedenfalls steht es so auf dem Papier. Denn mit knalliger pinkfarbener Perücke und goldenen Stöckelschuhen hat sie als eine Arte Dame Edna nicht nur das Ferienlager im Griff, sondern betätigt sich zusätzlich als Erzählerin. Nicht zu vergessen ihr grandios schlechter Breakdance-Versuch, der schon am viel zu steifen Körper scheitert. Obwohl die Krone für die schlechteste Tänzerin des Nachmittags eigentlich einer anderen gebührt: Betty Freudenberg. Als uniformiertes Fräulein Ulrike stoppt ihre Version eines Backspins schon nach einer halben Drehung, was nicht nur Sechsjährige amüsiert. Kein Einzelfall. So besticht die Inszenierung immer wieder durch amüsante Einlagen und Anspielungen, die sich nur Erwachsenen erschließen.

Gepaart mit kindgerechten Illustrationen an der Bühnenwand, fantasievollen Kostümen und einem liebevollen Auge auch für kleinste Details bricht „Das doppelt Lottchen“ zwar mit klassischen Familienstrukturen, kommt allerdings trotzdem zu einem Schluss: Mit Mama und Papa ist es immer noch am schönsten.

Weitere Vorstellungen: 4. und 18. Dezember, jeweils 11 und 15 Uhr, Großes Haus, Theater Bremen.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

USA raten zum Tragen von Masken - Trump will nicht

USA raten zum Tragen von Masken - Trump will nicht

Politik appelliert: Anti-Corona-Maßnahmen einhalten

Politik appelliert: Anti-Corona-Maßnahmen einhalten

Erfolgsgeschichte: Mit dem Octavia begann Skodas Aufstieg

Erfolgsgeschichte: Mit dem Octavia begann Skodas Aufstieg

Der Blauregen hat viel Kraft

Der Blauregen hat viel Kraft

Meistgelesene Artikel

Theaterabend vor dem Computer: Online beim dritten Gong

Theaterabend vor dem Computer: Online beim dritten Gong

Ulrich Mokrusch über Schließung wegen Corona: „Eine traumatische Erfahrung“

Ulrich Mokrusch über Schließung wegen Corona: „Eine traumatische Erfahrung“

Yung Kafa und Kücük Efendi: Die neuen Sterne am deutschen Rap-Kosmos - So gut ist ihr Mixtape „Dickicht“

Yung Kafa und Kücük Efendi: Die neuen Sterne am deutschen Rap-Kosmos - So gut ist ihr Mixtape „Dickicht“

Antenne Bayern und Bayern 3 verlieren viele Hörer - anderer BR-Sender gewinnt

Antenne Bayern und Bayern 3 verlieren viele Hörer - anderer BR-Sender gewinnt

Kommentare