„Crusoe“ in der Exerzierhalle:

Glück mit Haken

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Trägheit der Seele im Angesicht der Alltagseinsamkeit: Crusoe (Denis Larisch) mag nicht glauben, dass das engelsgleiche Wesen etwas anderes ist als das Produkt seiner Fantasie.

Oldenburg - Von Johannes Bruggaier. Jahrelang in der Wildnis umherirren, abgeschnitten von jeglicher Zivilisation, unauffindbar für Küstenwache und Bergungsteams: Das war einmal.

Heute bräuchte Robinson Crusoe keine zwei Tage bis zur nächsten Siedlung. Den Weg weist ihm das GPS-System, zur Not bleibt noch der Handy-Empfang.

Und doch, so glaubt die Regisseurin Julia Hölscher, gibt es gegenwärtig wohl so viele Robinsons wie nie zuvor. Sie findet sie in den Single-Haushalten der Großstädte, in einem Familienbegriff, der in nicht einmal einem Jahrhundert vom Drei-Generationen-Verbund über die Kleinfamilie zum Alleinerziehenden-Dasein degeneriert ist.

Einsame Menschen wohnen darin, Individuen, die ihre Einsamkeit vielfach gar nicht als Leid begreifen, sondern als Glücksversprechen. Ein Glück allerdings mit Haken. Denn es bedarf eines Gegenübers, dem wir die Segnungen der selbst erwählten Einsamkeit mitteilen können. Was für Daniel Defoes Inselbewohner die Weiten des Meeres, das ist für den modernen Robinson sein widersprüchliches Bewusstsein: ein Gefängnis aus Selbstsucht einerseits, dem Wunsch nach Bestätigung von außen andererseits.

In der Oldenburger Exerzierhalle soll Denis Larisch diesen Widerspruch szenisch offenlegen, gewissermaßen als Durchschnitts-Robinson unserer Tage. Auf dem großflächig ausgebreiteten weißen Teppich lässt er das sehr gemächlich angehen. Minutenlang liegt die personifizierte Einsamkeit in Jeans und weißem T-Shirt bäuchlings am Bühnenrand: als habe sie das Meer eben erst ans rettende Ufer gespült.

Doch anders als beim einst tatsächlich schiffbrüchigen Abenteurer, verbirgt sich hinter dieser Lethargie nicht etwa die Müdigkeit des beinahe Ertrunkenen. Als sich irgendwann doch einmal die rechte Hand dazu bequemt, fühlend, tastend, die Fasern des Wohnzimmerteppichs zu erkunden, so zeigt sich: Es ist vielmehr die Mattigkeit der Langeweile, die Trägheit der Seele im Angesicht einer von jeder Überraschung befreiten Alltagseinsamkeit.

Das Strandgut unserer Zivilisation erhebt sich erst nach einer guten Viertelstunde, zögernd, zaudernd, schlendert auf dem Teppich zwischen dem Gerümpel umher – Stühle, Ventilator, altes Fahrrad (Ausstattung: Susanne Scheerer) –, klettert irgendwann auf die Leiter und hält Ausschau. Irgendwo dahinten müssen sie schließlich sein, die anderen Menschen, von denen sich so etwas wie ein Widerhall auf dieses triste Leben erhoffen ließe.

Doch das einzige Gegenüber ist ein alter Kassettenrekorder, des Gestrandeten akustisches Tagebuch. Ihm vertraut er seine Besorgnis an: darüber, in der Einsamkeit womöglich noch die Sprache zu verlieren. Eine wohlbegründete Sorge ist das, traut er sich doch nicht einmal, die feengleich vorbeischwebende Mädchengestalt anzusprechen – eine Erscheinung, die der Einsame schon von selbst bloß seiner eigenen Fantasie zuschreibt.

Nur einmal brechen die so lange verdrängten Worte aus ihm heraus: als es ihm gelingt, mit dem alten Fahrrad einen Staubsauger anzutreiben. „Ja!“, brüllt er dann. „Es funktioniert!“ Und spricht einen euphorischen „Tagebucheintrag Nummer 370“ aufs Band: „Heute hat ein neuer Zeitabschnitt begonnen!“

Es sind bemerkenswert kleine Triumphe, die dem Oldenburger Robinson seinen Alltag versüßen. Und es ist ein dementsprechend zähes Vergnügen, ihn durch diesen Alltag zu begleiten. Das liegt vor allem daran, dass Hölscher bei ihrer an sich ja durchaus hellsichtigen Einsamkeitsdiagnose unserer Zeit wesentliche Aspekte des Problems ausklammert. Wie etwa die allerorts zu beobachtende Vereinzelung sich mit der grassierenden Sucht nach Kommunikation verträgt und wie diese Kommunikation das Gespräch als Kulturtechnik ablösen konnte: Diese drängenden Fragen finden in Hölschers Robinsonade keinen Resonanzboden. Und weil Denis Larisch es nicht recht gelingen mag, diese Leerstelle mit spielerischen Mitteln zu füllen, bleibt die Parabel auf unsere Sprachlosigkeit ihrerseits seltsam sprachlos.

Irgendwann sendet das gestrandete Individuum endlich seinen Hilferuf gen Himmel. „Help!“ krächzt es und fährt mit dem gleichnamigen Beatles-Klassiker fort. Es geht darin um die Jugend und ihren Glauben daran, das Leben ganz alleine führen zu können. Und um die späte Einsicht, dass es ohne die Hilfe einer Gemeinschaft doch nicht geht. Vom tausendfachen Echo dieses Hilferufs zeugen abseits der Bühne die überfüllten Wartezimmer der Psychotherapeuten. So glückt immerhin mit dieser Anleihe an der jüngeren Musikgeschichte eine erhellende Spiegelung unserer Wirklichkeit.

Weitere Vorstellungen: am 24. und 26. Januar, jeweils um 20 Uhr in der Exerzierhalle.

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