Bremer Philharmoniker proben und zeichnen Konzerte auf

Glocke in voller Blüte

Auf Abstand: die Bremer Philharmoniker während ihrer Probe in der Bremer Glocke.
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Auf Abstand: die Bremer Philharmoniker während ihrer Probe in der Bremer Glocke.

Bremen – Stellen Sie sich vor, in der Bremer Glocke gibt es Orchesterkonzerte – und niemand geht hin. Was vor Corona undenkbar war, ist derzeit eine Notlösung. Musizieren nur für Kameras, die das Konzert mitschneiden, ist das Motto der Bremer Philharmoniker, die einige Tage lang ein adventliches Programm einstudiert und aufgezeichnet haben.

Auf den ersten Blick ist alles wie immer: Auf dem Podium der Glocke sitzen die Bremer Philharmoniker in traditioneller Konzertkleidung und musizieren. Doch etwas ist anders: Der Dirigent, Generalmusikdirektor Marko Letonja, trägt eine Schutzmaske, jeder Musiker spielt aus eigenen Noten, und der Abstand zueinander ist ungewohnt groß. Zumindest derzeit sind die Zeiten vorbei, in denen Musiker eng an eng sitzen, um sich so besser hören und gemeinsam mit der Musik atmen zu können.

Ganz neue Herausforderungen sind es, denen sich die Bremer Philharmoniker stellen. „Da wir nicht mit dem vollen Orchester, sondern nur mit einer großen Kammermusikbesetzung spielen, entstehen zudem neue Klippen und Hürden“, erklärt Marko Letonja in einer Probenpause. Erarbeitet wurde die Suite zur beliebten Oper „Hänsel und Gretel“ in einer Bearbeitung von Peter Stangel, in der die vorhandenen Holz- und Blechbläser zusätzlich die Stimmen der Instrumente übernehmen müssen, die gestrichen wurden. Dennoch sitzen an diesem Abend fast 50 Musiker auf der Bühne. Sie arbeiten an Details und nehmen einzelne Passagen immer wieder bis hin zur Perfektion auf. Marko Letonja lobt sein Team, das mit großer Freude die ausgewählten Stücke erarbeite und gekonnt die ungewohnte Abstimmung und Durchmischung der Instrumente realisiere.

Der exklusive Probenbesucher kann aber nicht nur die liebevolle Arbeit an den Details beobachten, sondern auch einen ungewohnten Klang erleben. Ohne Publikum ist die Glocke ein anderer Saal. Marko Letonja lässt die Philharmoniker immer wieder sanft und subtil spielen, sodass sich die vielen Solostimmen perfekt entfalten können. Ob die dunklen, klangvollen Kontrabässe oder das liebliche Klarinettensolo (bei „Ein Männlein steht im Walde“), jedes Instrument blüht noch schöner auf, als man es aus dem voll besetzten Auditorium her kennt. Sehr oft, etwa bei der Cellobegleitung und dem präsenten Fagott (beim Abschnitt „Hunger ist der beste Koch“), spürt man die Tiefe dieser Komposition und auch die Nähe etwa zu den Sinfonien eines Gustav Mahlers.

Marko Letonja beschäftigt sich derzeit übrigens ausführlich mit der kompletten Oper „Hänsel und Gretel“. Sie studiert er in Strasbourg als Chefdirigent des Orchestre philharmonique ein. „8 Corona-Tests in den letzten 14 Tagen“ ist seine persönliche Bilanz als Pendler zwischen zwei Einsatzorten.

Vier Tage lang konnten die Bremer Philharmoniker, unter Einhaltung entsprechender Hygienemaßnahmen, in der Glocke proben und für Youtube und andere Social Media-Kanäle Stücke aufnehmen. An den vier Adventssonntagen sollen die Ergebnisse im Internet der Öffentlichkeit vorgestellt werden – und so etwas vorweihnachtliche Stimmung verbreiten. Auf dem Programm stehen neben der „Hänsel und Gretel“-Suite noch Werke von Vivaldi, Pärt und Debussy. Marko Letonja betont, dass das gesamte Team sehr dankbar sei, dass man in diesen Tagen die Gelegenheit hatte, gemeinsam bei voller Konzentration zu arbeiten: Professionelles Musizieren in einem Orchester sei Leistungssport, der nur funktioniere, wenn die Teammitglieder ihre spieltechnischen Fähigkeiten und ihre Kondition behielten. „Von einem Fußball-Klub erwartet man ja auch nicht, dass die Spieler nach Wochen des individuellen Übens sofort Ligaspiele absolvieren“, meint Marko Letonja sehr zutreffend. „Musiker hören aufeinander, atmen gemeinsam und kommunizieren auf der zwischenmenschlichen Ebene – das kann man nur bei den Proben trainieren“. Zugleich betont er die Dankbarkeit, dass man überhaupt arbeiten könne, und hofft, dass die Bremer Philharmoniker die Phase mit der „Kurzarbeit 50“ überstehen werden. Bis zum Wiedersehen irgendwann in der Bremer Glocke!

Von Markus Wilks

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