SERIE: DIE NEUNTE KUNST Gou Tanabe nähert sich dem Werk von H.P. Lovecraft an

Globalisierte Gruselgeschichten

Syke - Von Jan-Paul Koopmann. Erstmal klingt das komisch: H.P. Lovecraft als Manga. Das alles scheint so weit weg von Japan zu sein: sein neuenglisches Gutsherrengehabe, die Pulp-Magazine der späten 20er- und 30er-Jahre und ein damals noch nicht globalisiertes Erzählen, das sich unmittelbar in der Tradition Edgar Allan Poes verstand und (bescheiden wie Lovecraft eben war) den Mythen der europäischen Antike. Komisch ist nun, dass japanische Zeichenkunst und der amerikanische Schriftsteller ausgerechnet über den gemeinsamen Europafimmel zusammenfinden. Der steckt in Lovecrafts konservativ-reaktionärem Großbürgertum nämlich genauso, wie in den Burg-und-Schlösschen-Fantasiewelten japanischen Zuschnitts.

Bei Mangaka (ein professionell für einen Verlag arbeitender Manga-Zeichner) Gou Tanabe merkt man‘s ein bisschen schon in der ersten Geschichte des gerade bei Carlsen erschienenen Sammelbands: In „Der Tempel“ gerät die Historie nämlich ein bisschen durcheinander, wo die Kaiserliche Marine unterm Hakenkreuz fährt. Das ist nicht weiter dramatisch, steht aber für eine Distanz zum Geschehen, die der Erzählung erstaunlicherweise gut tut. So spielt etwa auch die nächste Erzählung zwar irgendwie in England und in den Niederlanden, schert sich dabei aber kaum um historische Details. Stattdessen ruft sie literarische Ideen ab: von Altehrwürdigkeit vielleicht und von Tradition, die ein streng historisches Bild gar nicht einfangen könnte.

Den Realismus besorgt dann Tanabes Zeichenstil, der Dank seiner layouterischen Ordnung übrigens fast westlich daherkommt und trotz Leserichtung von rechts nach links sehr einsteigerfreundlich ist. Ausgeprägte Detailfreude trifft auf Gruselsymbolik, wodurch die Optik gewissermaßen auch Lovecrafts Schreibstil doppelt. Der hat ja auch vollends auf die Wucht seiner Inhalte gesetzt und die in meist eher dröge-nüchternem Ton aufgeschrieben – und der Fantastik durch ausdauernde pseudowissenschaftliche Reflexionen eine ganz eigene Schärfe verliehen. Thema waren die Grenzen des menschlichen Verstandes, überhaupt seine Bedeutungslosigkeit in einem Kosmos, den wir nicht annähernd unter Kontrolle haben.

In dem Carlsen-Comic geschieht das übrigens gänzlich ohne Tentakelmonster, für die ja eigentlich sowohl Manga als auch Lovecraft berüchtigt sind. Stattdessen gibt es versunkene Städte am Meeresboden oder in der Wüste – Grabräuber und Flüche. Tanabe hat sich hier auf Lovecrafts jüngere Texte gestürzt, die zwar bereits erste Motive des Cosmic Horror enthalten, aber doch noch weit von der in Tausenden von Pastiches, Filmen, Comics und Spielen weitergesponnenen Mythologie entfernt sind. Schon mit der Auswahl beweist Gou Tanabe ein ehrliches Interesse am literarischen Schaffen des lange als Schundautor abgetanen Lovecraft. Und vielleicht hilft die ungewohnte Perspektive ja auch dem ein oder anderen Leser, diese unter dem Spätwerk verschollenen klassischen Qualitäten nochmal neu zu entdecken.

Ansonsten kommt der Rest noch nach: Auf diese schauerromantisch geprägte Anthologie folgt im März kommenden Jahres „Die Farbe aus dem All“ – auch noch nicht die berühmteste, dafür aber die beste Erzählung aus H.P. Lovecrafts Mythos.

Selbst lesen

Gou Tanabe: H.P. Lovecrafts Der Hund und andere Geschichten, Carlsen, 176 Seiten Softcover, 12 Euro.

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