Bis einer den Stecker zieht: Hofmannsthals „Jedermann“ in Hamburg

An den Glauben geglaubt

Dieser Tod kann ihn nicht schrecken: Jedermann (Philipp Hochmair) mit seinem Tanzgefährten. ·
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Dieser Tod kann ihn nicht schrecken: Jedermann (Philipp Hochmair) mit seinem Tanzgefährten. ·

Von Johannes BruggaierHAMBURG · Wer Hugo von Hofmannsthals Anmerkungen zu seinem „alten Spiel vom Jedermann“ liest, der mag sich nur wundern über die weitgehende Abstinenz dieses Stücks von deutschen Theaterspielplänen. Von einem Geldwesen ist darin die Rede, das sich als „allverfangendes Netz“ erweise, in welchem „ein jeder Reiche der Gläubige und Fronherr jedes Armen ist“: „Der Reiche meint, er rührt keinen Finger, und doch schickt er bei Tag und Nacht Hunderte in den Frondienst.“ Klingt auffallend aktuell, wie eine frühe Vision unserer spätkapitalistischen Weltwirtschaft.

Doch zum einen nervt Hofmannsthals Geschichte vom Kapitalisten, dem erst im Angesicht seines Todes die Nichtigkeit seines Reichtums zu dämmern beginnt, vielfach mit einer arg didaktischen Moralität. Und zum anderen haben Schickeria-Veranstaltungen wie die Salzburger Festspiele (wo „Jedermann“ als Promi-Spektakel alljährlich den Startschuss liefert) dafür gesorgt, dass dieser Text längst zu einem Museumsstück verkommen ist.

Doch es naht Rettung. Am Hamburger Thalia Theater nämlich hat sich Regisseur Bastian Kraft des vermeintlich zu Tode gekitschten Salzburg-Klassikers angenommen. Und hat dabei gleich mal mit all dem Klimbim und Tand aufgeräumt, der einer ehrlichen Textannäherung gemeinhin im Wege steht: die promi tauglichen Paraderollen nämlich, vom Tod bis zum Teufel, vom Erzengel bis zur Buhlschaft. Am Samstagabend war das Ergebnis dieser rabiaten Säuberung erstmals zu besichtigen. Es lautet: Philipp Hochmair.

Es ist alles andere als ein abwegiger Einfall, diesem Schauspieler kurzerhand das gesamte Rollenspektrum anzuvertrauen. Kaum ein anderer vermag Sünde und Selbstsucht so facettenreich und kraftvoll zu interpretieren. Und ganze Romane in Monodramen umzuwandeln, das ist ihm schon mehr als einmal gelungen.

So rockt Hochmair in Hamburg nun als Jedermann die Bühne, was durchaus wörtlich zu verstehen ist: ein kettenbehangener Rockstar in Leder kluft, das Sacko lässig über den nackten Oberkörper geworfen. Oben blinkt uns in großen Lettern „Live“ entgegen, links zählt eine digitale Uhr – Zeit ist Geld – Sekunden und Minuten, unten strahlt eine Armada von Scheinwerfern grell ins Publikum (Bühne: Peter Baur). Dazwischen, eine Bühne auf der Bühne, kräht Jedermann stolz sein Glamourleben ins Mikrofon: „Mein Haus hat gut Ansehn, das ist waaahr, steht stattlich daaa!“ Dazu wummernde Bässe und kreischende Gitarren. Performance-Künstlerin Simonne Jones haut am rechten Bühnenrand in Saiten und Tasten, dass es kracht: eine Rockröhre der Glamourkultur, irgendwo zwischen Lady Gaga und Madonna.

Noch jemand steht da auf der Bühne. Es ist der Tod. Nicht der wahrhaftige, Gott bewahre! Was Jedermann da in seinem Arm grinsend über die Bühne schleift, ist vielmehr ein Skelett aus dem Biologie-Unterricht: eine kokette Reminiszenz an das Unausweichliche, symbolisches Allmachtspiel. Der Tod, seht her, kann mich nicht schrecken!

Eine klappernde Puppe im Arm, das ist ein beruhigendes Ding. Sterben sieht darin so harmlos aus, geradezu lächerlich. Stattet man ihren Schädel noch mit einer Videokamera aus, deren Bilder – „live“ – auf der rückwärtige Leinwand erscheinen: So lässt sich im Angesicht des Knochengerüsts sogar das pralle Leben im Hier und Jetzt feiern. Jedermann in Übergröße, ein Sieg des medialen Selbst über das profane Nichts.

Auf der Bühne wie auf der Leinwand: Jedermann ist überall, und Jedermann ist buchstäblich jedermann. Er ist der arme Nachbar, den er in seiner Parodie bittend und bettelnd auf dem Boden rutschen lässt. Er ist seine eigene Mutter, deren Ermahnungen er zur Bestätigung ihrer Lebensferne durch das Klapperskelett verkündet. Und er ist seine eigene Buhlschaft, an deren Reizen er sich mit einem Bad im Goldlametta ergötzt.

Wenn er seinem Nachbarn mit erhobenen Händen die Gesetze des Wirtschaftens predigt, erklingt von rechts ein erhabener Orgelchoral. Wenn er seinem Gesellen vom Lustgarten erzählt, trieft chopinhafte Klavierromantik aus den Flügeltasten. Und wenn er sich von seiner Buhlschaft „küssen und herzen“ lässt, jault euphorisch die Gitarre auf: Stets der passende Sound zur rundum stimmigen Jedermann-Welt.

Plötzlich ist er da, der Tod. Der echte, nicht die Puppe. Oder besser: Er war schon immer da, nur nicht im Kleid des Klappergestells. Sondern unter all dem Glitzerkram der Dekadenz. Das Popsternchen von nebenan schleicht sich zum Beleuchtungsapparat – und zieht den Stecker. Aus.

Man mag die Idee eines gnädigen Todesaufschubs um eine Stunde als Produkt christlich mystischer Spinnerei abtun. Bei Kraft erinnert sie an Berichte aus Nahtod-Erfahrungen, wonach sich im Bewusstsein des Sterbenden die letzte Minute zur Stunde ausweitet, in welcher das eigene Leben noch einmal abläuft. Jedermanns zweite Chance zur Erlangung der Glückseligkeit erweist sich hier als Lebensbetrachtung aus einem anderen Blickwinkel.

Wie Hochmair seine Figur dabei an der notwendigen Neujustierung ihres Wertegefüges verzweifeln lässt, wie sein Jedermann aus purer Not zu einem höchst fragwürdigen Glauben findet und wie die digitale Sekundenzählerei plötzlich einen ganz anderen Charakter erhält, abseits aller Produktivitätsziele: Das spiegelt aufs Großartigste die quälenden Sinnfragen einer postreligiösen Kultur. Ist bei Hofmannsthal noch von einem Gott die Rede, klammert sich dieser einsam Sterbende bloß noch an die Idee einer Rettung durch Glauben selbst. „Ich glaube“, stammelt Jedermann: „dass ich gerettet werden kann. Ich glaube…, dass ich daran glaube!“

Das klingt nicht ermutigend für ein Publikum, das seine Jenseitshoffnungen in diesseitige Glücksverheißungen eingetauscht hat. So gibt es für den Tag, an dem der Tod vorbeischaut, an diesem Abend nur wenig Tröstliches zu erfahren. Fürs Diesseits bleibt immerhin: ein beglückendes Bühnenspektakel.

Die nächsten Vorstellungen: am 26. Oktober um 14 Uhr sowie am 8. und 10. November, jeweils um 20 Uhr im Thalia Theater, Hamburg.

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