Rafal Blechacz und die Deutsche Kammerphilharmonie in der Glocke

Glänzend grelle Fratze

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Als nutze er gar kein Pedal: Rafal Blechacz interpretiert Chopins Klavierkonzert in f-Moll mit auffälliger Transparenz. ·

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze2005 hat der heute 29-jährige Rafal Blechacz den 15. Warschauer Chopin Wettbewerb gewonnen. Das Gewinnen solch hochrangiger Preise provoziert jahrelang eine Übererwartung beim Publikum, dem die jungen Künstler oft nicht nachkommen können.

Anlässlich seines Konzertes beim vergangenen Musikfest waren seine Interpretationen von Frédéric Chopin die mit Abstand besten seines Programmes. Nun spielte der Pole mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen das Klavierkonzert in f-Moll von Chopin und überzeugte von seiner tiefen, sicher auch seelischen Kenntnis des damals 19-jährigen Komponisten: äußerst fein und flexibel waren die Übergänge. Auffällig war die Transparenz, manchmal, als nutze er gar kein Pedal. Man könnte sich allerdings ein Mehr an Klangfarben vorstellen und vor allem auch ein spontaner wirkendes Einsetzen. Etwas mehr von dem, was André Gide in Bezug auf die Musik von Chopin gesagt hat: „Schrift der Seele in Tönen“.

Das Orchester begleitete mit ebenso viel Anpassung wie auch Selbständigkeit. Der Pianist Mikhail Pletnev hat sich zwar als Dirigent international durchgesetzt, ist aber als solcher nicht allzu häufig zu erleben. Unvergessen sind seine Einspielungen von Haydn- und Mozart-Klavierkonzerten mit der Deutschen Kammerphilharmonie. So war man gespannt auf sein Bremer Debüt als Dirigent. Eingangs erklang „Prélude aus dem Mittelalter“ von Alexander Glasunow, Musik mit breiten Tableaus, die Pletnev unaufwändig, aber nachdrücklich entfaltete. Überhaupt scheint für seinen Dirigierstil eine Unauffälligkeit, ein Understatement typisch zu sein, er macht wenig her und erreicht sehr sehr viel. Davon profitierte die begeistert angenommene Wiedergabe der neunten Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch. Ohne Kenntnis von dessen biographischer Situation ist seine kaum zu hören und zu verstehen, seit dem Stalin-Verdikt verfolgten ihn immer wieder Verbots- und Vorschriftsmaßnahmen der Partei. Vor diesem Hintergrund ist auch die 1945 entstandene Neunte zu hören, die nun alles andere wurde als eine Sinfonie des Sieges. Die Gebrochenheit und die Ironie, die diese scheinbare neoklassizistische Heiterkeit permanent zerstört, der Gang von geradezu trivialen Momenten zur Verformung der Musik als einer grellen Fratze: Das spielte das Orchester mit glänzenden Soli, von denen dieses Werk so überreich ist.

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