„Giora ist Giora und ich bin ich“

David Orlowsky im Interview vor seinem Debüt in Bremen

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David Orlowsky (Mitte) spielt gemeinsam mit Kontrabassist Florian Dohmann (r.) und Gitarrist Jens Uwe Popp im David Orlowsky Trio. Er hat es mit 16 Jahren gegründet. 

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. Ein Leckerbissen für die Klezmerfreunde in Bremen: Zum ersten Mal besucht David Orlowsky mit seinem Trio die Hansestadt. Der 1981 in Tübingen geborene Klarinettist wurde von keinem Geringeren als Giora Feidman entdeckt. Umgekehrt war ein Konzert von Feidman für den damals 16-Jährigen, die Initialzündung für die Beschäftigung mit der Klezmer-Musik. Die Kompositionen des 1997 gegründeten David Orlowsky Trios speisen sich aber aus vielen Quellen: Der Kontrabassist Florian Dohmann hat seine Wurzeln im Jazz und der Gitarrist Jens Uwe Popp in der klassischen Musik. Wir sprachen mit Orlowsky über den Auftritt.

Herr Orlowsky, Giora Feidman hat Sie zu seinem Nachfolger erklärt. Ist das Auszeichnung oder Last?

David Orlowsky: Wenn einem das mit 16 Jahren gesagt wird, freut man sich natürlich. Aber im Grunde mag ich solche Etiketten nicht. Ich weiß auch nicht, was das genau heißen soll, ein Nachfolger zu sein. Ich habe mich ja um keinen Job beworben oder so. Giora Feidman war für mich eine sehr, sehr wichtige Inspiration, ohne die ich wahrscheinlich heute nicht Klarinette spielen würde. Aber Giora ist Giora und ich bin ich.

Sie sind in der Klassik genauso zu Hause wie in der Klezmer-Musik. Können Sie etwas zu Ihrer musikalischen Herkunft sagen und zu Ihrer Entscheidung, sich in beiden Welten zu bewegen?

Orlowsky: Das hat sich ziemlich organisch so ergeben. In meinem Elternhaus wurde viel klassische Musik gemacht, meine Mutter ist Geigenlehrerin und die anderen alle Hobbymusiker. Mich hat das aber zu Beginn überhaupt nicht interessiert und ich wollte nur Schlagzeug spielen. Zu meiner Liebe zur Klarinette kam ich dann erst über Giora Feidman, dessen Konzert mich absolut umgehauen hat. Von da an habe ich Klezmer gespielt. Die Klassik kam dann einige Jahre später dazu, als mich Gidon Kremer zu seinem Lockenhausfestival eingeladen hat. Dort habe ich mit Anfang zwanzig zum ersten Mal auf hohem Niveau Kammermusik gespielt und war total fasziniert. Da war mir klar, dass das ein Teil meines Lebens werden würde.

Die Klarinette ist ein Instrument, das wie kein anderes der menschlichen Stimme ähnlich ist. Mein Eindruck aber ist, dass in der Klezmer-Musik diese menschliche Stimme noch stärker zu hören ist. Stimmt das?

Orlowsky: Das kann man ein bisschen vergleichen mit dem Gesang in der Folklore und klassischem Operngesang. Dort klingt die menschliche Stimme ja auch weniger „natürlich“. Sie muss über ein ganzes Orchester strahlen und man muss jedes Wort auch in der letzten Reihe verstehen. Das geht mit einer unausgebildeten Stimme nicht. Im Klezmer imitiert die Klarinette oft den jiddischen Gesang und ahmt die üblichen Verzierungen nach. Das sind zum Teil sehr lautmalerische, „sprechende“ Effekte, die den Eindruck erwecken, dass man eine menschliche Stimme hört.

Wenn Sie Mozart und Brahms spielen, gibt es definierbare Anforderungen. Was sind die Forderungen für ein gutes Klezmer-Spiel?

Orlowsky: Puh. Ich glaube, ich würde die gleichen Anforderungen stellen, egal, um welche Musik es geht: Man muss etwas zu sagen haben. Gutes Klezmer-Spiel zeichnet sich nicht durch irgendwelche Effekte oder Spieltechniken aus, sondern dadurch, dass die Melodie zu einem spricht. Die kann man durch zu viel „Spielereien“ schnell verwässern, die musikalische Aussage wird unscharf und das Publikum staunt nur über die Virtuosität. Das ist es nicht, worum es mir beim Musikmachen geht.

Auch wenn die Klezmer-Musik sich aus ursprünglich religiösen Traditionen entwickelt hat, ist sie eine säkulare Festmusik geworden. Trotzdem oder vielleicht genau deswegen die Frage: Ist für den Geist dieser Musik eine Affinität zum Judentum Voraussetzung?

Orlowsky: Dazu gibt es unzählige Meinungen. Ich finde, man kann die Musik völlig losgelöst von ihrem historischen Hintergrund als Inspirationsquelle betrachten. Als ich Klezmer für mich entdeckt habe, wusste ich weder, wie diese Musik hieß, noch wo sie herkam. Sie hat mich ganz instinktiv angesprochen und berührt. Das Wissen darüber kam erst später.

Sind beide – klassische Musik und Klezmer – musikalische Heimat für Sie? Ist es ein Doppelleben?

Orlowsky: Es ist eher so, wie wenn man zwei verschiedene Sprachen spricht: Mit den einen Freunden spricht man englisch, mit den anderen deutsch oder so ähnlich. Da schaltet man ja auch ziemlich automatisch um. Ein Doppelleben würde ich es nicht nennen, dafür hat beides zu viel miteinander zu tun. Ich fühle mich in beiden Welten zu Hause und möchte keine missen. Außerdem habe ich das Gefühl, dass sie sich für mich gegenseitig befruchten und ergänzen.

Sie haben Ihr Trio schon vor 20 Jahren gegründet. Da waren Sie 16. Mit welcher Orientierung haben Sie damals angefangen und in welcher Richtung haben Sie sich entwickelt? Sie debütieren in Bremen, einer Stadt, in der viel Klezmer gepflegt wird. Was erwartet uns?

Orlowsky: Wir haben damals mit ganz traditionellen Stücken angefangen, die eigentlich alle Gruppen gespielt haben. Nach einer Weile sind wir dann aber dazu übergegangen, fast alles selbst zu schreiben. Das war gar nicht geplant, aber die Ideen kamen einfach. In Bremen werden wir unser neues Programm „Paris – Odessa“ vorstellen. Das sind zum einen zwei unserer absoluten Lieblingsstädte, und zum anderen bewegt sich unsere Musik zwischen diesen musikalischen „Polen“: Viele krumme Takte und Balkanklänge kommen eher aus Odessa und so mancher zarte Walzer ist klar von Paris inspiriert.

Das David Orlowski Trio spielt am Samstag um 20 Uhr im Theater Bremen.

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