Bremer Improvisationstheater-Duo „Die beiden“ startet im Schlachthof seine Tournee durch Norddeutschland

Vom Giftmischer trennt den Papst nur eine Pose

Aus dem Stegreif: „Die beiden“ in Aktion. ·
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Aus dem Stegreif: „Die beiden“ in Aktion. ·

Bremen - Von Jens LaloireDer Raum der Theaterwerkstatt ist gut gefüllt, alle sechzig Plätze sind belegt. Der eine oder andere versucht, durch die Fenster einen Blick aus dem Schlachthofturm heraus auf den Freimarkt zu erhaschen.

Während draußen auf der Bürgerweide die bunten Lichter blinken, Karussellgondeln Salti schlagen und die Fahrgäste laustark kreischen, bietet die spartanisch eingerichtete Bühne in dem gemütlichen Veranstaltungsraum geradezu einen Gegenentwurf. Es gibt kein Bühnenbild, keine Requisiten. Allein zwei Stühle stehen auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Dieser Minimalismus verrät bereits einiges über das, was die Zuschauer an diesem Abend erwartet: Theater ohne Drehbuch, ohne vorgegebenen Text, ohne Regie, Requisiten oder Kostüme.

Das Ganze nennt sich Improvisationstheater, denn alle Szenen des Abends entwickeln sich spontan aus der Improvisation der Darsteller. Die Darsteller, das sind Michel Büch und Tobias Sailer, die als Duo unter dem Namen „die beiden“ auftreten und im Schlachthof ihre Tour durch Norddeutschland starten. Die zwei Bremer spielen bereits seit drei Jahren zusammen, haben viele Auftritte in Bremen, Berlin und deutschlandweit auf Festivals hinter sich, jedoch ist es ihre erste Tour dieser Art. Elf Tage mit zehn Auftritten. Ein Abenteuer, das sogar bei den beiden bühnenerfahrenen Performern für eine gute Portion Nervosität sorgt. Zumindest behaupten sie das bei ihrer Begrüßung des Publikums; doch sobald sie zu spielen beginnen, ist davon nichts mehr zu spüren. Das könnte unter anderem daran liegen, dass sie zwar nur zu zweit auf der Bühne stehen, aber dennoch nicht allein sind. Denn die beiden Schauspieler werden von Gerke Handelmann am Lichtpult und von Daniel Meyer an der Gitarre unterstützt. Musik und Licht schaffen Atmosphäre, können von außen Impulse setzen und für Szenen- oder Tempowechsel sorgen. Licht, Musik und Schauspieler agieren tatsächlich miteinander – nahezu gleichberechtigt. Vor allem der studierte Jazz-Gitarrist Meyer setzt mit seiner E-Gitarre sowie einer Vielzahl von Effektgeräten durchgehend kraftvolle Akzente. Sailer und Büch greifen diese Impulse auf, entwickeln aus dem Stegreif Charaktere und Storys, brechen diese wieder ab und spinnen den Handlungsfaden an anderer Stelle fort.

Über eine Stunde lang servieren die beiden ein Tableau mannigfaltiger Figuren, Konstellationen und Stimmungen. Manchmal genügt eine Pose, ein Stichwort, ein Licht- oder Musikwechsel, und schon gleitet eine Szene spontan in eine andere über. Da geht zum Beispiel die Verteidigungserklärung eines Giftmischers nahtlos über in eine Sonntagsrede des Papstes. Solche Wendungen sorgen beim Publikum natürlich für Erheiterung, und doch sind die leichten Lacher nicht – wie sonst so oft beim populären Improtheater – das Ziel dieser improvisierten Langform.

Der 28-jährige Büch, der momentan an einer Dissertation über Improtheater schreibt, betont daher im Gespräch, dass es ihm und Sailer darauf ankomme, zu zeigen, wie vielseitig die theatrale Improvisation sein kann. Beim Tourauftakt mit ihrem selbst entwickelten Format „aka nichts muss“ gelingt das den beiden ausgezeichnet. Tragische Momente wechseln sich ab mit skurrilen Sequenzen oder schwarzhumorigen Disputen. Und so ist das Publikum am Ende begeistert von dem farbenfrohen, spontan gebundenen Szenenstrauß, der ihnen präsentiert wurde und so ganz anders leuchtet als jenes bunte Spektakel draußen auf dem Freimarkt.

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