Kunstverein Hannover zeigt „Beyond The Black Atlantic“

Gibt es „schwarzes Bewusstsein“?

Heruntergekommene Fahnen: Paulo Nazareths „Banderas Rotas (Broken Flags)“ . Fotos: Nazareth, Mendes Wood DM, Meyer Riegger, Karlsruhe/Berlin
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Heruntergekommene Fahnen: Paulo Nazareths „Banderas Rotas (Broken Flags)“ .

Hannover - Von Jörg Worat. Gibt es so etwas wie ein „schwarzes Bewusstsein“? Der britische Soziologe Paul Gilroy prägte einst den Begriff des „Black Atlantic“, um das Zusammentreffen und -wirken von Elementen der afrikanischen, amerikanischen, britischen und karibischen Kulturen zu beschreiben. Und wenn der Kunstverein Hannover seine neue Ausstellung „Beyond The Black Atlantic“ nennt, geht er im Wortsinne noch einen Schritt darüber hinaus: Zu sehen sind vier jüngere Positionen, die um das Thema kreisen, ob und wie Selbst- und Fremdwahrnehmung von „Blackness“ heutzutage zu definieren seien.

Ein Anspruch auf Vollständigkeit besteht dabei erklärtermaßen nicht, wiewohl die gezeigten Arbeiten eine große Bandbreite aufweisen. Im Einzelfall sind sie ohne spezielles Hintergrundwissen kaum zu entschlüsseln: Wenn etwa Kemang Wa Lehulere, geboren 1984 in Kapstadt, eine Wandarbeit namens „Gladiolus“ zeigt, werden nur Insider die hier dargestellte Gebärdensprache lesen können, und selbst wer daraus das Datum des 11. August 1976 ableitet, dürfte ratlos reagieren – kein Wunder, denn es ist weitgehend in Vergessenheit geraten, dass an diesem Tag in Kapstadt ein Protestzug blutig niedergeknüppelt wurde und Schulkinder dabei zu Tode kamen.

Um Schule, die ja eigentlich einen Schutzraum darstellen sollte, und den selektiven Zugang zum Wissen kreisen auch andere Arbeiten des Künstlers. Da sind etwa Flaschen mit Schriftrollen aufgebaut, deren Inhalt indes nicht jeder zu Gesicht bekommen darf – sie werden von tönernen Schäferhunde unterschiedlicher Größe bewacht.

Nebenan bedient sich Sandra Mujinga anderer Mittel. Die Künstlerin ist zwar in der Demokratischen Republik Kongo geboren, jedoch in Norwegen aufgewachsen – naheliegend, dass gerade für sie die Frage der Identität eine besondere Rolle spielt. So wanken auf den Besucher gesichtslose Gestalten mit überlangen Armen zu, die sich in einem Science-Fiction-Film gut machen würden, während hinten Ink-Jet-Drucke auf Kunststoff Körperformen zeigen, die ebenfalls nicht recht zuzuordnen sind. Zudem ist der Raum in grünes Licht getaucht – beim Film wird die Greenscreen-Technik zum schnellen Austausch von Bildhintergründen verwendet.

Echte Totenschädel: Standbild aus Paulo Nazareths „Anthropology of the Black II“.

Der Brasilianer Paulo Nazareth zeigt ein Video, in dem er sein Gesicht mit echten Totenschädeln bedeckt. Das erinnert an eine Performance von Marina Abramovic, hat aber einen anderen Hintergrund: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden in der brasilianischen Stadt Barbacena Tausende Menschen, viele davon afrikanischer oder indigener Herkunft, zwangsweise in der Psychiatrie festgehalten, misshandelt oder ermordet. Auch Nazareths eigene Großmutter gehörte zu den Opfern.

Der Künstler präsentiert zudem eine eindrucksvolle Installation mit 34 Röhrenmonitoren auf Holzpaletten: Bei einer Wanderung quer durch Amerika hat Nazareth Flaggen aufgenommen. Im Einzelfall kann man die Banner von Panama oder Argentinien erkennen, auch die US-Fahne in absurder Kombination mit dem McDonalds-Logo, oft aber sind die heruntergekommenen Flaggen nicht mehr identifizierbar – ein starker Kommentar zum fragwürdigen Brauch, mit derartigen Fahnen Besitzansprüche anzumelden.

Am leichtesten zugänglich, wenngleich nicht minder hintergründig sind vielleicht die Arbeiten der New Yorkerin Tschabalala Self: Ihre großformatigen Multi-Media-Collagen mit ausgeprägt textilem Einschlag zeigen schwarze Figuren in absichtlich klischeehafter Überzeichnung mit betont breiten Hüften und auch schon mal einem Nasenring. Es gibt noch mehr zu sehen in dieser facettenreichen Ausstellung, für deren Besuch man Zeit mitbringen sollte. Wer sich für das Thema interessiert, mag außerdem das umfangreiche Begleitprogramm mit Führungen, Gesprächen, Filmen und sogar einer öffentlichen Konferenz beachten.

Im Internet:

kunstverein-hannover.de

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