Es gibt dieser Tage vieles, was Farin Urlaub im Bremer Pier 2 kritisieren muss

Das Zaudern der Idioten

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Geballt gegen die Spießer: Das Farin Urlaub Racing Team ruft zum musikalischen Widerstand auf.

Bremen - Von Mareike Bannasch. Das mit der totalen Stille ist so eine Sache. In der Stadt schon kaum zu finden, gibt es sie erst recht nicht im ausverkauften Pier 2. Farin Urlaub wagt am Dienstagabend dennoch den Versuch, die lärmenden Musikfans zum Leisesein zu verdonnern. Vergeblich. Mehr oder weniger verhaltenes Murmeln muss als Erfolgserlebnis reichen. Macht aber nichts, diesen kleinen Rückschlag verschmerzt der Musiker schnell. Immerhin bekommen die schwer erziehbaren Massen zumindest Blitz und Donner ganz gut hin.

Es hat ein bisschen was von einer Hörspielproduktion, die Farin Urlaub und sein Bremer Publikum da einstudieren. Mit unendlicher Geduld gibt der Gitarrist der Ärzte, der bereits seit 2001 solo unterwegs ist, immer wieder Einsätze vor, ahmt gemeinsam mit den Rängen kreischendes Lachen nach oder zeigt, wie man mit zwei Händen den Flug einer Krähe imitieren kann. Offenbar ein Musiker, der weiß, wonach es der Menge verlangt, nach jahrelanger Tourneeerfahrung gibt es auf beiden Seiten kaum noch Überraschungen.

Und was ist nun so besonders daran? Schließlich zeichnet sich jeder drittklassige Barde durch „Bremen, I love you“-Rufe und Ansprachen ans Publikum aus? Stimmt, und auch Farin Urlaub bedient über weite Teile des Abends alle gängigen Klischees des Popzirkus‘. Und doch, etwas ist anders: Was auf anderen Bühnen bitterer Ernst ist, hat im Pier 2 auch immer ironische Züge. Statt falsche Zuneigung zu heucheln, macht sich Urlaub über das orgastische Kreischen einer jungen Frau direkt vor der Bühne lustig oder geht der Frage nach, warum Männer zum Jubeln eigentlich immer die geschlossene Faust in die Luft strecken müssen. Kurze Ausflüge in die Küchenpsychologie, vom Publikum enthusiastisch bejubelt, das sich in dieser Kritik offensichtlich nicht wiedererkennt.

Dafür aber in den Liedern, von denen es in der gut zweineinhalb stündigen Show einige zu hören gibt. In einer thematisch bunten Mischung arbeitet sich das Farin Urlaub Racing Team, kurz Furt, durch bislang vier Studioalben, die letzten drei auch mit aktiver Bandbeteiligung. Dabei fallen zunächst vor allem die bisweilen ziemlich bissigen Texte auf. Da wird zu harten Gitarrenklägen mit den neugierigen Rentnern von nebenan abgerechnet: Menschen, die den ganzen Tag am Fenster sitzen und nur darauf warten, dass jemand falsch parkt, oder die Party in der Wohnung nebenan zu laut ist. Klar, dass bei soviel Unverschämtheit flugs die Polizei gerufen wird. Ein lästiger Umstand, den der Song aus dem Jahr 2002 da beschreibt, aktuell wie eh und je. Ein Blick auf die Debatte um die Bremer Kneipen- und Kulturszene genügt. Obwohl es hier zugegebenermaßen nicht die Nachkriegsgeneration ist, die allen mit ihrer Spießigkeit auf den Geist geht.

Solche Ärgernisse sind nicht das Einzige, was Urlaub dieser Tage kritisieren muss. Die Regierung, ja selbst die Menschen auf der Straße geben ihm viel Material. So auch für den Song „iDisco“ vom aktuellen Album „Faszination Weltraum“, dem ersten seit sechs Jahren. Hier nimmt sich der Musiker eine Gesellschaft vor, die von ewigen Zauderern geprägt und wo Abwarten erste Bürgerpflicht ist. Eine Einstellung, die sich aus dem tief verwurzelten Wunsch nach Ruhe speist und die schon mit dem Tourtitel „Es besteht keine Gefahr für die Öffentlichkeit“ ihr Fett wegkriegt.

Umgeben von antriebslosen „Idioten“ bleibt dem gestressten Kritiker schlicht nur noch eins: zur Gitarre zu greifen. Apropos Gitarre, von der gibt es an diesem Abend einiges zu hören. Mit schnellen Riffs untermalt Urlaub die Gesänge auf seine – offenbar zahlreichen – Feindbilder, immer begleitet von einer klassischen Rockformation aus Bass, zweiter Gitarre und Schlagzeug. Langhaarige, bärtige Männer sucht man jedoch vergeblich: Furt ist ganz eindeutig in Frauenhand, nur die vier Bläser stärken Farin Urlaub den Rücken. Vor einer Frauenquote für die Bühne braucht sich der Berliner wirklich nicht zu fürchten.

Im Zusammenspiel mit Urlaub machen dabei besonders die vier Sängerinnen auf sich aufmerksam. In oftmals fein herausgearbeiteten Harmonien unterstützen sie die tragenden Melodien der Songs und kreieren häufig eine zweite klangliche Ebene. So auch in dem Lied „Die Leiche“, das mit einem akkuraten A-Capella-Intro aufwartet.

Dass alles ist sehr überzeugend und wäre doch nichts ohne die vier Bläser, zum Teil aus den Reihen der Band „The Busters“. Im rechten hinteren Teil der Bühne positioniert, treiben sie das Tempo voran, sorgen für Dissonanzen oder bringen völlig andere Musikstile in die Lieder mit hinein. Klar, dass da auch ein Ska-Stück, in diesem Fall „Heute tanzen“, mit sich abwechselnden ruhigen Posaunenpassagen und lauten Gitarrenakkorden nicht fehlen darf. So ein Bläserquartett muss sich schließlich lohnen und sei es nur, um auf kongeniale Weise den Mit-Hüpf-Hit „Zehn“ einzuläuten. Ein Song, der die Massen nicht nur zum Springen, sondern auch zum Tanzen animiert und eher auf eine Open-Air-Bühne gepasst hätte.

Die Lösung für dieses Problem gibt es in nicht mal vier Wochen. Dann steht das Farin Urlaub Racing Team beim Hurricane-Festival in Scheeßel auf der Bühne und geht mit seiner Kritik in eine neue Runde. Ein Auftritt, den man nicht verpassen sollte.

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