Neue Töne im „sozialen Brennpunkt“:

Des Ghettos andere Saite

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Hohe Töne vor hohen Häusern: Ahmad Öncel, neun Jahre alt, steht für den kulturellen Aufschwung seines Stadtteils. Üben darf er nur in der Schule. Für den Kauf eines eigenen Instruments fehlt der Familie das Geld – wie vielen in Bremen-Tenever.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. An einem trüben Montagmorgen, der Nebel hängt noch zwischen den Wohnblöcken von Tenever, beginnt Ahmad Öncel mit der Pflege deutscher Barockmusik.

Seine Eltern waren einst vor dem libanesischen Bürgerkrieg geflohen, hatten in der Fremde ein neues, schwieriges Leben begonnen. Doch das zählt jetzt alles nicht für den Viertklässler.

Was zählt, ist allein dieses Jahrhunderte alte Stück: ein Kanon des barocken Tonkünstlers Johann Christoph Pachelbel. „Aufpassen!“, ruft Geigenlehrerin Anika Simonis. „Wer weiß, wie es los geht?“ Eifrig hebt Ahmad den Bogen in die Höhe: „Mit dem dritten Finger auf der A-Saite!“ Schon legen sie ihre Geigen ans Kinn, Ahmad, Davis, Ali und die anderen. Mittelfinger suchen A-Saiten, Bögen schieben sich über Instrumente. Der Pachelbel-Kanon, er lässt sich erahnen.

Tenever, das ist immer noch Bremens Problemstadtteil. Rund zehntausend Menschen aus 90 Nationen auf engstem Raum, jeder Vierte ohne Arbeit. Vielen droht überdies die Abschiebung, ein Alltag zwischen Arbeitsagentur und Ausländerbehörde. Mittendrin Pachelbel spielen, auf diese Idee muss man erst mal kommen.

Mit Sack und Frack nach Tenever gezogen: Auf Stadtbesichtigung mit Kammerphilharmonie-Dirigent Alexander Shelley.

Doch seit 2007 tut sich Erstaunliches in dem vermeintlich hoffnungslos abgehängten Quartier. Die Deutsche Kammerphilharmonie – ein Orchester von internationalem Rang und das, was man in Bremen als „musikalisches Aushängeschild“ der Stadt bezeichnet – hatte sich damals auf die Suche nach einer neuen Bleibe begeben. Da verblüffte die Kulturbehörde mit einem geradezu unverschämten Angebot. In Tenever sei noch ein Plätzchen frei, an der Gesamtschule Ost: vorausgesetzt, die Musiker beteiligen sich an Musikunterricht und Schulkonzerten.

Mehr noch als das Angebot überraschte die Antwort: Das Orchester nahm an. Und löste schon bald eine Klassik-Euphorie aus. Erst an der Gesamtschule Ost, dann nach und nach in ganz Tenever. Auch in der Grundschule an der Andernacher Straße, wo nicht nur Ahmad Öncel Geige spielt. Sondern gleich die ganze Klasse.

Energisch, kraftvoll, lauter als die anderen

Er spielt energisch, kraftvoll, lauter als die anderen. Simonis unterbricht ihn, zeigt in seine Noten: „p“ steht dort zu lesen. „Na, Ahmad? Was heißt das?“ Ahmad denkt nach. Dann ruft er fröhlich: „Pinocchio!“ Stille. Staunende Augen. Davis und Ali lassen die Geige sinken. Plötzlich schlägt er sich an die Stirn: „Piano! Das verwechsle ich immer!“

In seinem Klassenraum hängen Schilder an der Wand. „Stephan Schrader: Violoncello“, „Anja Manthey: Viola“ – Namen von Musikern der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen. Irgendwann, hofft Ahmad, wird auch sein Name auf dieser Wand erscheinen: „Ahmad Öncel: Violine“. Denn dass er Profi-Musiker werden will, steht für ihn fest, seit er das erste Mal eine Geige in seinen Händen hielt.

Erst habe er damals noch Cello und Kontrabass ausprobiert, erzählt Ahmad und legt das Instrument vorsichtig zurück in seinen Kasten. „Aber dann hat Frau Dauth gefragt, ob ich mal auf der Geige spielen will. Das hat mir plötzlich gefallen: sehr sogar!“

Das ist Tenever - Drohenflug by Koala Filmz:

Der kulturelle Aufschwung Tenevers, das ist einerseits die selten genug erzählte Geschichte einer mutigen Politik und eines ebenso mutigen Orchesters. Es ist aber auch die Geschichte von Menschen wie Birgit Dauth. Ahmads Klassenlehrerin war es, die nur ein Jahr nach dem aufsehenerregenden Kammerphilharmonie-Umzug musikinteressierte Bremer Bürger auf eine Lücke aufmerksam machte. Fünf Schülerinnen wollten unbedingt Geige spielen. Was bringt eine Gesamtschule mit Spitzenorchester, wenn in der Grundschule die Violinen fehlen?

41 Streichinstrumente stehen der Pädagogin heute zur Verfügung, die meisten davon hat der „Bremer Notenschlüssel e.V.“ bezahlt, ein inzwischen gegründeter Förderverein für „Musikerziehung“ in „sozialen Brennpunkten“. Auch das Honorar für den Instrumentalunterricht übernehmen die Spender: Wer bei Frau Dauth zur Schule geht, hat zweimal in der Woche zu geigen, ob er will oder nicht.

Für eine eigene Geige fehlt Geld

Ahmad will. Und ist traurig, wenn er nach der Schule ohne Geige den Heimweg antreten muss. Ein eigenes Instrument: Dafür fehlt seiner Familie das Geld.

Sein Zuhause, das ist nicht die Gegend, in der man klassische Hausmusik erwartet, mit Flügel im Wohnzimmer und Bach-Kantaten im CD-Regal. Gemeinsam mit seinen Eltern und vier Geschwistern wohnt er in einer kleinen Wohnung: irgendwo in irgendeinem der riesigen Türme Tenevers.

Die Stadt hat die Hochhäuser vor wenigen Jahren saniert. Heute sind die Wohnblöcke zwar blendend weiß und am Eingang vornehm verglast. Über den „Wandel eines Ghettos“ jubelte kürzlich die „taz“. In Wahrheit sieht Tenever jetzt aus wie ein Ghetto, das nicht wie ein Ghetto aussehen soll.

Schon im Treppenhaus hinter der blendenden Fassade offenbart sich das Ende der Sanierungsbemühungen. Fragt sich, wie eigentlich andere Kinder in diesem Wohnblock Ahmads Pläne finden. Geige statt Gangsta-Rap, Bach statt Bushido? Das sei ganz leicht, erklärt Ahmad. „David aus Ghana spielt auch Geige, genauso wie Sarusan aus Indien. Gehen doch alle in die Grundschule an der Andernacher Straße!“ Und dann zählt er weiter auf, wer hier alles welches Instrument spielt und welcher Komponist wem am besten gefällt. Nirgendwo in Bremen, so scheint es, erfreut sich deutsches Kulturgut so vieler Anhänger wie in diesem trostlosen Treppenhaus.

Herr und Frau Öncels zögerndes Willkommen

Der Flur ist finster, die Klingel defekt. Doch drinnen am Wohnzimmertisch servieren Herr und Frau Öncel in zartem Porzellanservice Tee, Gebäck und Obst. Sie haben lange gezögert, einen Journalisten in die Wohnung zu lassen. Der Grund dafür lässt sich im Gespräch über Frau Dauth und Frau Simonis erahnen. Die Lehrerinnen an der Grundschule, das seien außergewöhnliche Menschen, sagt Herr Öncel. Und fügt vielsagend hinzu: „weil sie andere nicht verletzen wollen.“

Dann erzählt er von seiner Zeit in Deutschland, von damals, als er aus dem Libanon flüchtete, in der Zeit des großen Bürgerkriegs. Von seinem festen Willen, hier heimisch zu werden und dem Traum, einen deutschen Pass zu erhalten. Es ist eine sehr deutsche Geschichte: eine über Behörden und Paragrafen, über Duldungspapiere und Aufenthaltsrichtlinien. Er will ihre Details nicht in der Zeitung lesen, obwohl sie vor wenigen Wochen ein glückliches Ende gefunden hat. Familie Öncel nämlich ist jetzt deutsch: mit Personalausweis und allem drum und dran.

Ahmad und die Geige also. Von ihm, sagt Herr Öncel, habe er das Interesse an der Musik ganz bestimmt nicht geerbt. Erstens: weil er sich aus Musik noch nie viel gemacht habe. Zweitens: weil dieses Instrument in der arabischen Kultur ohnehin keine Rolle spiele. Drittens: weil eine Geige viel zu teuer ist. Und Klassik? Die habe er erst in Deutschland kennengelernt. Öncel erinnert sich: „Irgendwann gab es eine Veranstaltung unter freiem Himmel. Mit Orchester.“ Eine seltsame Erfahrung, weil es „anstrengend“ und „interessant“ zugleich gewesen sei. Dass sein Sohn einmal so etwas machen würde – ein abwegiger Gedanke.

„Kannst du eigentlich wirklich so gut spielen?“

„Jetzt spiele ich aber Geige“, wirft Ahmad aufgeregt ein: „Und nächstes Jahr gehe ich auf die GSO, weil die berühmt ist dafür, dass man da Musik macht!“ Und weiß er auch, warum die berühmt dafür ist? Ahmad und sein Vater blicken einander verständnislos an. Weil dort ein großes Orchester residiert? Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen? Nein, sagt Herr Öncel zögernd. „Kammerphilharmonie“, das kenne er nicht. Dass ihr Sohn dort mit Profis zu tun haben wird, die sonst in Tokio und New York auftreten: So haben die Öncels das mit der Gesamtschule Ost noch nicht gesehen. Nachdenklich blickt der Vater auf seinen Sohn, ein Anflug von Skepsis zeigt sich in seiner Miene. Dann fragt er: „Kannst du eigentlich wirklich so gut spielen?“

Da zählt Ahmad auf, was er schon alles kann, welche Finger an welcher Stelle auf welche Seite – „sogar Vibrato üben wir schon! Und über Mozart haben wir was gelernt!“. Wenn er so weiter mache wie bisher, sagt er, dann werde er es schaffen. Was, fragt der Vater: „schaffen“? „Na, Berufsmusiker! Im Orchester!“

Beim Verabschieden sagt Herr Öncel, in Ahmad erkenne er manchmal sein Leben in Deutschland wieder. „Ich hatte von Anfang an den Traum, Deutscher zu werden. Es hat 20 Jahre gedauert. Aber: Ich habe es erreicht. Ahmad hat den Traum, Berufsmusiker zu werden. Es ist ein langer Weg. Aber: Er wird das Ziel erreichen.“

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