Theaterlabor überzeugt mit Schimmelpfennig

Gewaltsam normal

Schicksal? Oder höherer Plan? Szene aus „Auf der Greifswalder Straße“. ·
+
Schicksal? Oder höherer Plan? Szene aus „Auf der Greifswalder Straße“.

Bremen - Von Andreas Schnell. Nachdem das Theaterlabor Bremen in vergangenen Spielzeiten immer wieder hochpolitische Stoffe und selten gespielte Autoren präsentierte, setzte es am Donnerstag in der Generatorenhalle der Energieleitzentrale nun dramatische Gegenwart in surrealer Form von einem der meistgespielten deutschen Gegenwartsdramatiker.

Dass auch das durchaus gesellschaftliche Relevanz haben kann, arbeitet Regisseur Maik Priebe mit einem siebenköpfigen Ensemble in einer analytischen Laborsituation heraus. „Auf der Greifswalder Straße“ von Roland Schimmelpfennig konfrontiert uns mit wahrhaft eigenartigen Episoden, die einerseits komplex ineinander verschlungen sind, andererseits sich regelrecht naiv überkreuzen.

Denn ist es nicht geradezu märchenhaft, dass ein silberner Löffel, einst einer noch gar nicht geborenen Enkelin oder Urenkelin zugedacht, bei eben jener landet, obwohl er (der Löffel) jahrzehntelang vergessen in einer Mauer vor sich hin existierte? Während sich Ahn und Nachfahre nie begegneten? Oder dass ein Mann in seinen Träumen von drei Frauen heimgesucht wird, von denen ihn eine vor einer dünnen Frau warnt, die hernach tatsächlich sein Schicksal wird? Und das ist noch nicht alles: Ein verloren gegangener Hund namens Biene ist in Wirklichkeit ein Wolf, der eine junge Frau beißt, die sich später in eine Art Werwolf verwandeln und von einem Lynchmob erschlagen wird. Eine andere junge Frau stirbt gar, ohne es zu merken – und dann bleibt auch noch die Sonne stehen, bis ein Mann sie vom Himmel schießt.

Nein, das scheint alles andere zu sein als Realismus. Aber das ist ja auch nur eine Ebene dieses Stücks. Die gewaltsame Herstellung von Normalität, die gegenseitige Gleichgültigkeit, die Suche nach dem großen Glück, das oft doch so klein ist, das alles verkörpern Schimmelpfennigs Figuren eben auch. Und dass das kleine, ganz groß erscheinende Glück möglich ist, aber eigentlich auch nur, weil diese Figuren wie von unsichtbarer Hand ihrem Geschick zugeführt zu werden scheinen.

Darin verbirgt sich dann eben doch eine auch politische Ebene, die Maik Priebe in der Generatorenhalle in der Bremer Überseestadt in einem statischen, kalten Laborlicht herausseziert. Die Textcollage choreographiert er dafür in ein weiß gerahmtes Spielfeld, auf dem das siebenköpfige Ensemble mit minimaler Requisite, die einzelnen Figuren nur durch schlichte Zeichen markiert, in knapp zwei eindringlichen Stunden seine Spuren hinterlässt: An der Bühnenrückwand sitzen die drei Schauspielerinnen und vier Schauspieler aufgereiht, die Füße in Kreide. Und es scheint beinahe, als spielte der Text eher sie als umgekehrt. Szenenanweisungen kommen ihnen wie Eingebungen, denen sie nachkommen. Schicksal? Ein höherer Plan? Oder doch die notwendigen Konsequenzen ihrer Entscheidungen – bloß dass sie unkalkulierbar bleiben? Es scheint beinahe dasselbe zu sein.

Weitere Vorstellung: Heute um 20 Uhr, Generatorenhalle, Energieleitzentrale, Bremen, http://www.theaterlabor-bremen.de

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Fast 850 Corona-Tote in 24 Stunden in Spanien

Fast 850 Corona-Tote in 24 Stunden in Spanien

Fahrradkauf in Zeiten von Corona

Fahrradkauf in Zeiten von Corona

So kaufen Sie Neuwagen online

So kaufen Sie Neuwagen online

Im "Sterngebirge" das alte Portugal entdecken

Im "Sterngebirge" das alte Portugal entdecken

Meistgelesene Artikel

Rammstein-Video feierte spektakuläre Premiere - Jetzt ist der komplette Clip online zu sehen

Rammstein-Video feierte spektakuläre Premiere - Jetzt ist der komplette Clip online zu sehen

Dynamisches Brodeln

Dynamisches Brodeln

Seuche oder Tyrannei

Seuche oder Tyrannei

Christian Firmbach vom Staatstheater Oldenburg zur Corona-Krise

Christian Firmbach vom Staatstheater Oldenburg zur Corona-Krise

Kommentare