Die Bremer Shakespeare Company legt das Märchen vom Zinnsoldaten neu auf

Geteiltes Elend bleibt schlimm

Verklemmtes Staksen in der staubigen Stube: Zinnsoldat Michael Meyer und Tänzerin Katharina Hoffmann.
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Verklemmtes Staksen in der staubigen Stube: Zinnsoldat Michael Meyer und Tänzerin Katharina Hoffmann.

Bremen – Die schönste Passage im Märchen vom standhaften Zinnsoldaten steht kurz vor dem Feuertod: „Er sah sie an, und sie sah ihn an”, heißt es da in schlichter Zartheit, „aber sie sagten gar nichts.” So steht‘s seit rund 180 Jahren bei Hans Christian Andersen, und mit Blick auf die am Donnerstag gestartete Neufassung der Bremer Shakespeare Company muss man leider festhalten: Es wäre besser auch weiter still geblieben zwischen den beiden.

An der Idee lag‘s nicht – die war nicht nur gut, sondern geradezu überfällig: Jahre nach dem Märchen treffen sich Zinnsoldat und Tänzerin zufällig wieder, erinnern die alten Zeiten, versuchen es kurz miteinander und scheitern doch bald an ihren heute noch mehr als damals offensichtlichen Differenzen: ein verkorkstes Date als Kammerspiel, mit Musik noch dazu. Das könnte also madig machen, was als Romantik verpackt so Viele ins zwischenmenschliche Unglück stürzt – oder doch wenigstens einen Scherz darüber machen, der dann ja immer auch sich selbst gilt. Denken Sie etwa an den Animationsfilm-Oger „Shrek”. Und der wird auch schon bald 20.

Tatsächlich hat ja selbst die romantische TV-Komödie begriffen, dass Echtwelt-Probleme und metamäßige Genrereflexion der Unterhaltung gar nicht schaden müssen. Und wenn es schon die Kulturindustrie fertigbringt, beim Quatschmachen noch locker-kritisch über den Quatsch ins Plaudern zu kommen – dann sollte Theater das doch wohl erst recht irgendwie hinbekommen.

Tut es aber nicht, oder jedenfalls nicht hier. Zinnsoldat Michael Meyer und Tänzerin Katharina Hoffmann staksen verklemmt herum, während sich Manfred Schiffers Text in Nebenschauplätzen verirrt: Hier eine halbgar recherchierte Abrechnung mit dem Dichter Andersen und seiner vermeintlichen Grausamkeit gegenüber Kindern, dort ein historischer Zweizeiler über die Opiumkriege oder der Versuch, das paradoxe Verhältnis von Phantasie und Wirklichkeit im Wiedersehen der Märchenfiguren philosophisch schillern zu lassen. Achso, und lustig soll es sein, wie die Wortwitze über „anders” und Anderssen andeuten – und zumindest formal als Pointen verpackte Sprüche.

Musikalisch klappt es immerhin ganz kurz ein bisschen, als er am Kontrabass und sie übers Klavier ihre Weltsichten aufeinander jagen. Er spielt d-Moll, sie D-Dur und würde ihn doch gerne immerhin zum Cis motivieren. Das sei zwar immer noch nicht zum Lachen, aber grimassiert wenigstens hübsch frech. Doch auch dieser Gedanke bleibt unterentwickelt, schematisch umgesetzt und schlichtweg langweiliger Musikunterricht. „Noch einen, dass die Zeit schneller vergeht”, heißt es irgendwann – und auch daraus wird leider nichts.

Stattdessen schleppen sie sich durch ein chancenloses Stelldichein: beide unzufrieden mit der Gegenwart, einsam und mit dem Früher nicht im Reinen. Selbst als sie ihn aus Mitleid mal kurz heiraten will, knistert nichts, und er fährt‘s direkt wieder vor die Wand. Dabei hätte man den beiden ein bisschen Wolllust schon gegönnt – und dem Stück eine gegenwärtige Ebene, die den ganzen Aufwand des Weiterschreibens auch wert gewesen wäre. Es muss ja nicht gleich Sex ins Kindermärchen (auch wenn alles danach schreit), aber doch irgendein gerader Schritt weg vom Stoff, statt dieser zwölf halben nach nirgendwo.

Vielleicht ja was über die Zumutungen der spätkapitalistischen Realität, oder so: in einer Ikea-verseuchten Wohnung mit unterbezahlten Jobs, die das Private hier torpedieren. Stattdessen baumeln wir in dieser staubigen Stube voller Andersenporträts, Bücher und mit einem Grammophon. Darin hampelt der Soldat in einer abgewetzten Uniform wie vom Zirkusdirektor und die Tänzerin in ihrem vergilbten Hochzeitskleid. Versöhnlich könnte man sagen, dass die Inszenierung sich immerhin bemüht um diesen Zustand der Verletzten und im Damals Hängengebliebenen. Und es hat ja auch eine wirklich ernste Tragik, wenn zwei auch gemeinsam nicht wieder herausfinden aus diesem Loch. Nur hilft es eben auch absolut keinem weiter, wenn da wer 75 Minuten lang zugucken muss.

Von Jan-paul Koopmann

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