Acht Männer im Tunnel: Das Staatstheater Hannover erforscht mit Henrik Ibsens „Peer Gynt“ unsere Identität

Gesucht: Ich selbst

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Wo könnte es sich nur versteckt haben? Sechs „Peer Gynts“ auf der Suche nach ihrem eigenen Ich.

Hannover - Von Johannes Bruggaier. Schwierig sei das, sagt eine Besucherin im Foyer: „Wenn man’s vorher nicht gelesen hat.“

In der Tat. „Peer Gynt“ zählt zu jenen Dramen, deren Lektüre sich vor einem Theaterbesuch empfiehlt. Weil man sonst zwischen all den Trollen, Hexen, Wüsten, Schiffen und Irrenhäusern erst das Verständnis und bald auch den Verstand zu verlieren droht.

In Hannover hatte am Samstagabend Henrik Ibsens großes Drama über den kleinen Träumer in einer Inszenierung von Thomas Dannemann Premiere. Und wer hier den Durchblick behalten wollte, dem war mit Ibsen allein noch lange nicht geholfen.

Vielmehr war der Blick ins Programmheft – sonst gerne als lässliche Übung verschmäht – diesmal dringend angeraten. Sonst wäre man kaum auf die Idee gekommen, was es mit dem sich nach hinten verjüngenden schwarzen Tunnel auf sich hat (Bühne: Katrin Nottrodt): Dass sich etwa seine 20 Nahtstellen wie Bewusstseinsschichten verstehen lassen, die unsere äußeren Sinneseindrücke so lange filtern, bis wir so etwas wie eine Wahrheit zu erkennen glauben. Und dass die alberne Transvestitenschau des ausschließlich männlichen Bühnenpersonals gleich zu Beginn des Abends nicht etwa Peer Gynts Mutter Aase selbst gilt. Sondern dass sich darin spezifisch männliche Mutter-Wahrnehmungen offenbaren.

Es ist also eine Menge Deutungsarbeit, die Dannemann dem Publikum abverlangt. Mit einer Grundintention, die seine Produktion keineswegs auf dem Servierteller präsentiert. Wer diese nicht erkennt, mithin auf dem falschen Dampfer durch den Abend schippert, der dürfte allerdings schon bald kein Land mehr sehen.

Dabei blickt Dannemann aus einer durchaus interessanten Perspektive auf das Stück. Weil er Peer Gynts Lebensauftrag, sich selbst treu zu sein, letztlich auf die Frage reduziert, was das überhaupt ist: „ich selbst.“

So begegnen wir statt eines Peer Gynt gleich derer acht (verkörpert von Henning Hartmann, Florian Hertweck, Janko Kahle, Tomek Kolczynski, Dominik Maringer, Oskar Olivo, Sebastian Schindegger, Andreas Schlager und Aljoscha Stadelmann). Und obgleich so viel an Masse eine besonders intensive Präsenz vermuten ließe, so will sich doch ein echter „Peer Gynt“ nicht finden. Stattdessen lauter verunsicherte Gestalten in Norweger-Pullovern, orientierungslos im Tunnel ihres eigenen Bewusstseins umhertapsend, ständig auf der Suche nach einer Wahrheit. Nicht irgendeiner: sondern jener des eigenen Ichs.

Da ist zunächst der Stubenhocker, der sich seine Identität als Abenteurer zusammenfantasiert (Florian Hertweck). Während die anderen Sieben ihm als Aase-Karikaturen ein Publikum bieten. Dann versucht Aljoscha Stadelmanns Peer sein Glück: Identitätsfindung als Partylöwe, Frauenver- und schließlich auch -entführer. Peer Gynt Nummer drei (Dominik Maringer) dagegen verlässt sich bei der Suche nach seinem Ich auf seine Triebe. Gleich drei willigen Sennerinnen besorgt er es im nebelverhüllten hinteren Tunnelbereich: Ich kopuliere, also bin ich.

Wie all diese Peer Gynts um ihre Lebensbestimmung ringen, wie sich im Fantastischen, im Angeberischen und in der Wollust die Sehnsucht nach Individualität und damit zugleich Identität offenbart, das wirft ein erhellendes Licht auf die Motivation menschlichen Handelns. Dass die Wahrnehmung dieses Lichtes sehr von der Rezeption eines theoretischen Kommentars abhängt, ist freilich nur einer von zwei Schwachpunkten dieser ersten drei Akte. Der andere besteht in Regietheater-Klischees, deren Bedeutung entweder gar nicht (in Ketchup suhlende Darsteller) oder allzu deutlich sichtbar wird: Auch ohne Präsentation seines Geschlechtsteils wäre Peer Gynt Nummer drei Sexmonster genug.

Licht und Schatten prägen auch den zweiten Teil des Abends. Zunächst mit einer wunderbaren Lösung des als unspielbar geltenden vierten Akts. Der Abenteurer im Geiste wird zum realen Glücksritter. Ibsens Text fliegt über Zeit und Raum hinweg, trägt seinen Leser nach Marokko und Ägypten: zu viel für eine Theaterbühne, jedenfalls, wenn sie nicht zur drolligen Puppenkiste verkommen soll. In Hannover lernen wir ganz heutige Peer Gynts kennen. Und zwar in einem noch heutigeren Format: der Talkshow. Nacheinander lümmeln sie sich in den Sessel, die Stars und Sternchen. Peer Gynt, als Self-Made-Millionär. Peer Gynt, als Gesundheitsguru. Peer Gynt als Hollywoodstar. Allesamt Wirklichkeit gewordene Kopfgeburten. Ruhm als vermeintliche Antwort auf die Frage nach dem Ich: Was von diesem Lebensziel zu halten ist, lässt sich spätestens erahnen, als ein Peer Gynt in Anders-Breivik-Habitus Platz nimmt.

Klar und mutig erscheint diese Setzung, umso zerfaserter das Finale. Ibsens Greise tragen Windeln und schieben Rollatoren, gleichfalls die „welken Blätter“ und „Tautropfen“: aus Peers Selbsterkenntnis, die in Wahrheit eine Erkenntnis des Nichts ist, wird ein eigentümlicher Karneval im Seniorenheim. Und Solveig, im ersten Teil noch überzeugend als geschlechtslos luftiges Mysterium interpretiert, sitzt nun als arg männlich, dabei eigentlich weiblich sein sollendes Wesen an der Rampe.

Darstellerisch wird dieser ambitionierte Zugriff auf den Klassiker insgesamt gleichwohl überzeugend realisiert: ein geglückter Widerspruch aus unterschiedlichen Figurenzeichnungen einerseits und einer deckungsgleichen Identitätssehnsucht andererseits. Dass Dannemanns Männer-Oktett nicht über jeden Graben dieses Abends eine Brücke zu schlagen vermag, ist einem denkbar gewagten Konzept geschuldet. Halb so schlimm: Theater ohne Wagnis wäre auch langweilig.

Weitere Vorstellungen: am 13., 24. und 29. März, jeweils um 19.30 Uhr im Schauspielhaus Hannover.

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