Thalia-Theater Hamburg zeigt „Maria“ von Simon Stephens

Gestorben wird noch analog

Aller Laster Anfang: Maria (Lisa Hagmeister) kann trotz Schwangerschaft nicht stillhalten. Fotos: Krafft Angerer

Hamburg - Von Rolf Stein. „Was gibt es denn in der realen Welt, was hier nicht geht?“, fragt Maria einen ihrer Kunden auf einer Online-Plattform. Maria ist die Hauptfigur des gleichnamigen jüngsten Dramas von Simon Stephens, dessen Uraufführung am Wochenende im Thalia-Theater in Hamburg die Lessingtage eröffnete.

Mit der eingangs formulierten Fragestelling sind wir natürlich auch schon mittendrin in einem zentralen Thema des Stücks: die Digitalisierung - nicht nur der Arbeitswelt. Schon der Lastwagen, der das zentrale Requisit auf der Bühne (Evi Bauer) bildet, trägt auf der Seitenplane das Logo eines bekannten Onlineversandhändlers, dessen Präsident heute der reichste Mensch der Welt ist - auch, weil er seine Mitarbeiter alles andere als fürstlich entlohnt. Im vergangenen Jahr ermittelte ein Marktforschungsunternehmen in den USA, dass jeder zehnte Amazon-Angestellte in Ohio berechtigt ist, Lebensmittelmarken zu beziehen. Auf der Plane steht übrigens auch: „Love is all you need“.

Der Vater von Maria arbeitet nicht für den Versandhändler, sondern an der Supermarktkasse. Sein Vorgesetzter schreckt nicht davor zurück, ihm seine paar Minuten Pause zu vergällen, indem er laut die restlichen Sekunden herunterzählt. Nun geht es in „Maria“ aber weniger um ihn als um, klar, Maria. Die indes als von einem nicht näher bekannten Vater schwangere Frau ein bisschen Unterstützung gut gebrauchen könnte, zumal die Mutter tot ist und der Bruder verschwunden. Und dann ist sie ja auch erst 18 Jahre alt.

Die Geburt verläuft immmerhin problemlos, und nachdem Maria den Billig-Job im Fitnessstudio los ist, nicht ohne vorher von ihrer Chefin für nachlässige Kleidung und Unpünktlichkeit gerügt worden zu sein, arbeitet sie von Zuhaus aus, steht Menschen per Webcam gegen Geld zur Verfügung, als Gesprächspartner, aber auch als eine Art Gefäß für allerlei Seelenmüll.

Moderner Beichstuhl: Maria Barbara Nüsse (Lisa Hagmeister auf der Leinwand).

Wenigstens das Sterben ist auch im 21. Jahrhundert, dessen Kind die im Jahr 2000 geborene junge Frau ist, noch nicht voll durchdigitalisiert. Davon handelt das dritte Bild dieses Triptychons von Simon Stephens. Die religiöse Konnotation des Formbegriffs führt uns schnurstracks auf die dem Stück eingeschriebene mythologische Ebene: Eine junge Mutter namens Maria, ein uneheliches Kind mit ungeklärter Vaterschaft, ziemlich genau zwei Jahrtausende nach Beginn unserer Zeitrechnung - Sie verstehen schon.

Stephens’ Maria bringt allerdings keinen Jungen zur Welt, der die Menschen - oder wenigstens einige von ihnen - retten soll. Es ist ein Mädchen namens Elisabeth. Und ob sie eines Tages etwa als Namensgeberin für eine Religion herhalten muss, muss uns heute verborgen sein. Entscheidend ist dann wohl doch, was diese Maria uns zu sagen hat.

Lisa Hagmeister spielt die Titelfigur nicht nur mit geradezu athletischer Körperlichkeit. Sondern auch mit einer gestigen Fluidität, die gelegentlich hart an der Grenze zur Geschwätzigkeit ist. Ihre aus Dokus im Internet gespeiste Sicht der Dinge lässt sie scheinbar ungefiltert auf uns niedergehen, verhaspelt, naiv, aber auch sehr weise auf ihre zappelige Art.

Was diese Maria als Figur nicht zuletzt so wertvoll macht, ist ihre glaubhafte Zugehörigkeit zum Prekariat, ohne dass sich Stephens oder Regisseur Sebastian Nübling sich über sie lustig machten. Das ist im Gegenwartstheater alles andere als üblich. Dabei erspart Nübling sich und uns allzu plakativen Realismus - der Laster, der sich die meiste Zeit des zweistündigen Abends (keine Pause) unermüdlich im Kreise dreht, genügt eigentlich schon als Schauplatz für das groteske Ballett des Dienstleistungsproletariats, ein paar Flachbildfernseher besorgen den Rest - das bisschen Freizeit eben.

Viel Trost ist da nicht. Zwar taucht der vermisste und durchaus verzweifelt gesuchte und selbst rastlos suchende Bruder mit punkigem Outfit (Kostüme: Pascale Martin) wieder auf - will oder kann jedoch seiner Schwester Hüter nicht sein. Der Vater bleibt eine traurige Figur, die Großmutter, von Barbara Nüsse mit geradezu betörend sprödem Charme gespielt, sie stirbt. Da helfen nicht einmal Geschichten, die, wie Maria, weiß, die Realität handhabbar machen, weil sie sie mit Sinn erfüllen. Was ihren Job vor der Kamera betrifft. Aber natürlich auch auf die metaphysische Ebene verweist, die Stephens diesem Stück eingeschrieben hat. Das ist zwar durch allerlei Details als Gegenwartsstück markiert. Seine eigentliche Gegenwart erhält „Maria“ aber im Grunde erst durch Lisa Hagmeisters Darstellung der Maria und deren Gegenbild in Form von Barbara Nüsses Großmutter.

Weitere Vorstellungen:

Mittwoch, 6. Februar, 20 Uhr, Sonnabend, 9. Februar, 14 und 20 Uhr, Donnerstag, 14. Februar, 20 Uhr, Thalia-Theater, Alstertor, Hamburg; www.thalia-theater.de

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