Uraufführung im Schauspiel Hannover

„Hikikomori“: Gestörte Kommunikation

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Die Inzenierung setzt sich aus Szenenfetzen zusammen.

Hannover - Von Jörg Worat. Berührungsängste in Sachen freie Szene hat das Schauspiel Hannover in der Ära des scheidenden Intendanten Lars-Ole Walburg nie gehabt. Nun gibt es die zweite Kooperation mit der Tanztheater-Company von Felix Landerer, dessen Karriere internationale Bezugspunkte aufweist und der einst den renommierten internationalen Choreographenwettbewerb in Hannover gewann. Sein neues Stück „Hikikomori“ wurde bei der Uraufführung im Schauspielhaus heftig bejubelt, ist aber eher etwas für Spezialisten.

Der gewöhnungsbedürftige Titel ist der Begriff für die japanische Form des Cocooning: ein zunehmender Rückzug ins Privatleben mit der Tendenz, das Haus überhaupt nicht mehr verlassen zu wollen. In Japan scheint dieser Trend angesichts des beträchtlichen Drucks, mannigfachen Anforderungen zu genügen, besonders ausgeprägt zu sein. „Hikikomori“ bezeichnet dabei das allgemeine Phänomen ebenso wie die Betroffenen.

Zu Beginn wirkt das Thema recht gut nachvollziehbar. Eine Tänzerin erscheint in einem halbrunden Vielzweck-Bühnenbild, dem später bei Bedarf Möbel wie Stühle oder Tische entnommen werden können. Sie bewegt sich teils wunderbar organisch, teils etwas abgehackt, derweil eine nicht immer gut verständliche Roboterstimme behauptet unter anderem, alle Fragen zu beantworten und sehr unterhaltsam sein zu können – auf dieses Selbstlob folgt ein blechernes „LOL“ und ruft im Publikum einige Belustigung hervor. Die Tatsache, dass man sich heutzutage künstliche Kommunikationspartner auf Knopfdruck ins Haus holen kann, mag ja auch etwas Trauriges und Amüsantes zugleich haben.

Irgendwann setzt sich die Drehbühne dauerhaft in Bewegung, und zugleich schwindet die Klarheit der Choreographie. Es sind eher Szenenfetzen, die das insgesamt fünfköpfige Ensemble jetzt vorführt – zwar mal mehr, mal weniger einleuchtend. Gestörte Kommunikation in der einen oder anderen Form wird zuweilen schon deutlich, so fungiert eine mechanisch wirkende Abschiedsszene als eine Art Leitmotiv. Teils scheinen die Akteure transparente Masken zu tragen, und die „böse“ Außenwelt wird ab und an, durchaus geschickt ausgeleuchtet, durch ein nicht genau definierbares Zottelmonster symbolisiert.

Die Bewegungsformen schwanken zwischen sehr eigenwilligen Figuren und bewusst auf Fröhlichkeit getrimmtem Gehopse, wobei diese Munterkeit meist ein abruptes Ende nimmt. Wie fast alles in diesem Hauptteil des Abends, der dadurch zunehmend anstrengend wirkt, gespiegelt durch einen häufig wechselnden Soundtrack zwischen Geräuschhaftem und schönen Klavierklängen.

Erst gegen Ende kommt das Kreiseln zum Stillstand, und alsbald wird das Geschehen wieder deutlich berührender. Ein Mann und eine Frau wollen sich offenbar der Isolation entziehen und müssen festzustellen, dass dieses Unterfangen so leicht nicht ist: Da gibt es unbeholfene Sprünge in die Freiheit, und die gegenseitige Annäherung entpuppt sich als heikle Angelegenheit – im Schlussbild schauen sich die beiden bei langsam verlöschendem Licht einfach nur an und lassen damit offen, wie es weitergehen könnte.

Sicherlich ist „Hikikomori“ kein verlorener Abend, aber über weite Strecken ein arg artifizieller – dieses spannende Thema hätte man deutlich kompakter gestalten können.

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