Vor dem Opernsaisonauftakt in Bremen: GMD Markus Poschner über Strauss‘ „Rosenkavalier“

Gespür für die Bühne

Markus Poschner ist ein gewinnender Moderator klassischer Musik.

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze(Eig. Ber.) · Richard Strauss' 1911 uraufgeführter „Rosenkavalier“ behandelt als „Komödie in Musik“ den Zerfall des Adels. Der trampelige Wiener Baron Ochs stellt der schönen Marschallin ebenso nach wie der neureichen vierzehnjährigen Sophie. Der siebzehnjährige Graf Oktavian hat ein Verhältnis mit der Marschallin, wechselt dann aber zu Sophie. Die Oper hat am Wochenende in Bremen Premiere, über die Besonderheiten von Strauss' Musik sprachen wir mit dem Dirigenten Markus Poschner.

?Das Stück spielt 1745. Wo siedelt es die neue Bremer Inszenierung an?

!Auf keinen Fall ist das Stück einfach nur eine harmlose Rokokoidylle. Wir lassen die Oper in einem Kaufhaus in drei unterschiedlichen Epochen spielen und vergrößern somit auch den Deutungsradius der Figuren. Der erste Akt geschieht zur Zeit der Uraufführung 1911: Da gibt es Eitelkeiten, Wünsche und Sehnsüchte. Der zweite spielt in den fünfziger Jahren, heile Welt, die Karten werden neu gemischt, Aufbruchsstimmung. Und der dritte spielt heute: Ausverkauf, Schlussverkauf, Konsum, Abrisskaufhaus.

?Strauss lässt die ästhetische Provokation seiner Musiksprache von Elektra (1909) und Salome (1905) im Rosenkavalier hinter sich. Er will gefallen. Verstehen Sie das Werk, wie so viele es tun, auch als einen Opportunismus an den Publikumsgeschmack? Er wollte ja sogar Mozart wiederholen.

!Das kann ich so nicht stehen lassen. Für mich hat das Stück einen unglaublichen Fokus auf die handelnden Figuren inklusive dieser ständigen Melancholie, geradezu visionär, am Vorabend des ersten Weltkrieges. Mozart ähnlich ist die Art, aus welcher Distanz er seine Figuren auf der Bühne durchleuchtet, wie er im Orchester Kommentare – oft ironische – zu den Ereignissen einspeist, das macht derart kein Verdi und kein Wagner. Das als reines Gefallenwollen zu bezeichnen, wäre zu eindimensional.

?Immer wieder treffe ich bei Dirigenten auf diese Strauss Faszination. Beschreiben Sie, um was es sich da genau handelt?

!Ja, was ist das eigentlich. Da ist einmal dieses unglaubliche Niveau der Orchesterbehandlung, damit schlägt er alle. Er weiß wirklich, wie man etwas zum Klingen bringt, dazu noch die perfekte Notation. Und Strauss hatte die Gabe, das, was so fürchterlich schwer zu spielen und zu singen ist, so unverschämt leicht erscheinen zu lassen, so, als ob es da nicht die geringste Anstrengung bräuchte. Und dann natürlich seine Melodien.

?Fantasieren wir: Hätten Sie gerne gehabt, Strauss hätte in der Elekra/Salome Richtung weitergemacht?

!Strauss hat früh erkannt, er kann alles. Er musste 1911 nichts mehr beweisen. Und Neues zu machen, damit da bloß wieder etwas Neues ist, war eben nicht sein Ding. Der Rosenkavalier ist ja eigentlich gar nicht so anders als Salome. Strauss war ein Kind des 19. Jahrhunderts. Über weite Strecken ist das Stück ja sehr brutal, alle sind krankhaft defekt, jede Figur ist mit sich vollkommen unzufrieden. Dieser Zuckerguss, der den Rosenkavalier auf Schritt und Tritt begleitet, ist meine Sache nicht.

?Zu keiner Oper gibt es einen derart ausführlichen Briefwechsel zwischen Librettisten und Komponisten wie für den Rosenkavalier zwischen Hofmannsthal und Strauss. Hatte dieser Briefwechsel, durch den deutlich wird, dass Hofmannsthal vieles von Strauss für Vergröberungen seiner Arbeit hielt, Einfluss auf Ihren Ansatz? Harry Graf Kessler, der am Text mitarbeitete, sagte, Strauss habe die subtilen Texte „totkomponiert“.

!Strauss hatte ein untrügliches Gespür für die Bühne, er hatte das den zehn Jahre jüngeren Hofmannsthal auch spüren lassen. Er war der Virtuose des Systems Oper, keiner hat den Apparat zu seiner Zeit so beherrscht wie er. Und er hat den Sängern und Dirigenten, er selbst war ja ein begnadeter, eigentlich nur ungern vertraut. Deshalb ist alles so perfekt vorgeschrieben und notiert. So wie es jetzt dasteht, funktioniert das Stück einfach. Wenn Sie so wollen, gibt ihm der Erfolg doch Recht. Auch wenn ihn Hofmannsthal für die vielen Änderungs- und Straffungswünsche am liebsten verprügelt hätte.

?Ich möchte noch einmal aufnehmen, dass diese Musik sozusagen überdeutlich ist, dass sie jeden Schritt auf der Bühne illustriert. Dass sie auch in bestimmten Stellen eine geradezu hypnotische Wirkung hat, der Monolog der Marschallin zum Beispiel, Terzett und Duett im dritten Akt.

!Dieser „hypnotische“ Glanz thematisiert aber auch die falsche Fassade, ganz bewusst eben eine Oberfläche, heile Welt. Dagegen gibt es viele Ausschläge in andere Richtungen, die man nicht überspielen darf. Zum Beispiel wenn der Ochs der Zofe nachstellt – das ist ja so dermaßen unappetitlich und beinahe schon gewalttätig, nicht einfach nur tapsig tölpelhaft – das zeigt die Musik schon. Der große Monolog der Marschallin: Da geht es ja um viel mehr als um eine alternde Frau, es geht um den Tod, um das große Nichts. Ohne diese Dimensionen bleibt freilich nur die wunderschöne Musik, das wäre aber nicht genug. Oder denken Sie an den großen Schlusswalzer, eigentlich pervertierte Tanzmusik, die den grölenden und gewaltbereiten Mob noch weiter anstachelt.

Heute und morgen in der Bremer Glocke jeweils um 20 Uhr: Sinfoniekonzert mit Werken von Johannes Brahms und Richard Strauss. Sonntag, 26.9., 18.30 Uhr im Theater Bremen: „Der Rosenkavalier“ von Richard Strauss.

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