Im Gespräch mit Will Self: Warum Literatur nicht ohne Schreibmaschine auskommt

Die Erforschung verzerrter Verknüpfungen

Will Self in seinem Arbeitszimmer.
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Will Self in seinem Arbeitszimmer.

London - Von Volker Gebhart. Joyce Beddoes reist mit ihrer Tochter nach Zürich, um ihrem Leben ein Ende zu setzen. Alles verläuft nach Plan. Bis sie sich in der Sterbeklinik anders entscheidet. Während sich ihr Krebsleiden in der Folge bessert, gerät ihr Leben aus den Fugen. Wilf Self erzählt Beddoes‘ Geschichte in seiner Novelle „Leberknödel“. Self ist einer der wichtigsten zeitgenössischen Schriftsteller Englands und hat für seine literarischen Werke zahlreiche Preise gewonnen. - Von Volker Gebhart.

Ihre Novelle „Leberknödel“ greift das Thema Beihilfe zum Selbstmord auf. Warum haben Sie dieses Thema gewählt?

Will Self: Ich denke, Beihilfe zum Selbstmord repräsentiert die extremste Form der Medikalisierung spiritueller Aspekte menschlichen Lebens. Ich war außerdem an der Idee interessiert, dass jeder einen bestimmten Zeitpunkt hat zu sterben. In Joyces Geschichte scheint es so, als wäre es noch nicht ihre Zeit, dabei ist das Gegenteil der Fall. Alles, was danach passiert, ist eine Art Albtraum. Sie hat eine merkwürdige Welt betreten, in der die herkömmlichen physikalischen und biologischen Gesetze außer Kraft erscheinen. Zur selben Zeit bildet sich ihre Krebserkrankung zurück. Sie erlebt auf diese Weise also eine Art Wunder, das sich aber als eine andere Form von Fegefeuer erweist.

Jetzt arbeiten Sie am dritten Teil einer Trilogie, die mit „Regenschirm“ begann?

Self: Ja, ich arbeite an dem dritten Band dieser umfassenden Erforschung verzerrter Verknüpfungen zwischen menschlicher Psychopathologie, technologischem Fortschritt, Kriegsführung und Gewalt.

Wie können Sie angesichts des Umfangs des Materials und der Spannweite der Themen sicher sein, dass am Ende eine Trilogie herauskommt und nicht eine Serie von zehn Büchern?

Self: Ein Freund von mir, der Philosoph John Gray, hat mir empfohlen, einfach immer weiter zu schreiben. Tatsächlich kann das aber nicht funktionieren, da sich eine Art Dialekt durch diese Arbeit zieht. Der erste Band thematisiert den Ersten Weltkrieg und den Beginn der Fließbandfertigung. Das zweite Buch, „Shark“, befasst sich mit den Bomben von Hiroshima und Nagasaki, der Technologie der Kernspaltung und dem Thema Psychose. Der dritte Band greift die Transformation von einer auf Druck basierten Technologie hin zu bidirektionalen digitalen Medien auf. Der Irakkrieg erscheint dabei als kongruent mit der Transformation der Technologie und unserem Verständnis mentaler Pathologie.

Schreiben Sie tatsächlich noch auf Schreibmaschine?

Self: Ja, sie steht dort. (Self zeigt unter eine Arbeitsplatte neben seinem Schreibtisch und holt eine grün lackierte Reisemaschine, produziert in der DDR, hervor). Das ist meine geliebte Groma Kolibri, auf der ich „Shark“ geschrieben habe. Als ich das Buch beendet hatte, dachte ich, nun höre ich auf, mit Schreibmaschine zu schreiben. Es ist schwer, sie instandzuhalten. Es ist eine Technologie, die verschwindet. Aber ich komme nicht ohne sie aus. Auf einer Schreibmaschine zu arbeiten, ist sehr viel zufriedenstellender als jede andere Methode. Das Schreiben ist manuell – haptisch. Du kannst es fühlen, und es ist merkwürdig leise. Die literarische Form des Romans ist zudem auf diesen Kodex angewiesen. Sie entstand durch das physische Buch und weil auf diese Art und Weise geschrieben wurde.

Was bedeutet das für die Zukunft der literarischen Form?

Self: Es ist vorbei. Romane werden zwar weiterhin gelesen und geschrieben werden – ich beziehe mich auf ernsthafte Romane, nicht auf Thriller. Es wird sich allerdings, und das ist jetzt schon der Fall, um das Interesse einer Minderheit handeln.

Ihr Freund, der 2009 verstorbene Schriftsteller J. G. Ballard, hat im Vorwort zu seinem Roman „Crash“ geschrieben, dass es in unserer Zeit weniger notwendig ist, für Schriftsteller, fiktionalen Inhalt für Romane zu erfinden. Die Fiktion sei bereits präsent. Aufgabe des Schriftstellers sei daher, die Realität zu erfinden? Teilen Sie diese Auffassung?

Self: Ich denke, durch das Internet – und Ballard hat sich damit nicht so sehr befasst – hat sich unsere Möglichkeit, Bilder zu schaffen, in eine Form von Kapazität verwandelt, die uns erlaubt, Formen von Realität zu kreieren. Dabei hat es schon in den vergangenen 100 oder 200 Jahren im Zuge der Medialisierung Instabilität in Bezug darauf gegeben, was wir als wahr betrachten. Inzwischen haben wir eine so umfangreiche und machtvolle Medialisierung, und ich denke, darauf hat sich Ballard bezogen, dass wir Realitäten konstruieren können. Ganz gleich, ob diese virtuell sind und Menschen darin Spiele oder ihr Leben führen. Es können auch politische Realitäten sein, so wie die enorme existenzielle Bedrohung durch die Organisation „Islamischer Staat“. Wenngleich es sich auch hier natürlich um Fiktion handelt, konditioniert diese Bedrohung zur selben Zeit aber alle möglichen Aspekte auf unserer Welt.

„Leberknödel“ von Will Self ist erschienen bei Hoffmann und Campe, 208 Seiten, 18 Euro.

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