Marco Storman zeigt Elfriede Jelineks „Das schweigende Mädchen“

Gesellschaftsporträt mit Katze

Nur das Gesamtbild zählt. „Das schweigende Mädchen“ wirft Fragen auf.

Bremen - Von Tim Schomacker. Und dann ist da die Katze. Sie steckt in einem unfassbar unschönen Katzentragekörbchen. Naja, sagen wir, die Stimme der Katze steckt im Katzentragekörbchen. Miau. Auch nicht richtig. Das Katzentragekörbchen ist im Raum. Es wird herumgetragen, auch mal jemandem aus dem Publikum in die Hand gedrückt. Und die Katzenstimme ist, miau, auch im Raum. Mal hier, mal da. Leise, immer wieder. Mit großer Beharrlichkeit. Mau! Die Beharrlichkeit des gelegentlichen Maunzens ist so groß, dass man nicht umhinkommt, zu denken: Wir haben, Miau, es hier nicht mit einem Bild zu tun, sondern mit einem Bauprinzip. Denn irgendwie funktioniert dieser ganze Abend wie das Katzentragekörbchen. Man schaut drauf, aber man durchschaut es nicht.

Marco Storman hat sich Elfriede Jelineks NSU-Paraphrase „Das schweigende Mädchen“ angenommen. Ein schwieriger Text. Lang, immer wieder undurchdringlich, immer wieder lässt man sich von Jelineks bittersüßen Wortspielketten ins Bockshorn jagen. Oder auf den Holzweg führen. Klar, es geht um das Zwickauer Trio um die später im Münchner Landgericht so lange auf der Anklagebank schweigende Beate Zschäpe. Es geht um Mundlos und Böhnhart, die beiden rechtsterroristischen Uwes, in deren Mitte, in deren Zentrum Jelinek Zschäpe als mariengleiche Jungfrau platziert. Es geht um Juristen, Medien und V-Leute.

Die „Geschichte des nationalsozialistischen Untergrunds zu erzählen“, schrieb Georg Seeßlen in einem Versuch über das Nach-Rechts-Rücken der politischen Kultur, „dazu ist die Gesellschaft, in der er entstand, vollkommen unfähig“. Und genau an den Bruchkanten dieser Unfähigkeit, sich selber eine konsistente Geschichte zu schreiben, häuft sich Jelineks Text auf, von bizarrer Sprachschönheit und zeitgenossenschaftlicher Größe. Und wie getrieben von der Satz um Satz immer noch nicht ganz eingestandenen Unfähigkeit, sich selber einen Reim drauf zu machen. Auf diesen blinden Gegenwarts-Fleck, der unschärfer wird, je fokussierter man hinschaut.

Das Tolle an Elfriede Jelinek: Was bei vielen anderen scheitern würde im Text-Bergwerk, gerinnt ihr, mal wieder, zur praktischen Theorie von künstlerischer Gegenwartsdiagnostik. Das Tolle an Stormans In-den-Raum-Übersetzung: Er setzt noch einen drauf. Melde sich, wer nach diesen sogartigen knapp zwei Stunden den NSU und die Gesellschaft, in der er entstand, präziser verstanden hat! Nein. Genau darum geht es nicht. Auch nicht um eine Rekonstruktion des Verfahrens gegen Tschäpe. Es geht in hier wie unmerklich ineinander fließenden, dort scharf gegeneinander abgekanteten Bildern um den blinden Fleck selbst. Um die Gesellschaft, die Entstehensbedingung und Zuschauerin zugleich ist. Es geht um eine kritische Unfähigkeit.

Und all dem begegnet Storman mit einer unglaublichen Dynamik. Miau. Stimmen und Themen kommen wie aus dem Nichts hereingebrochen. Selbst der notorische Chor, mit dem spätestens seit Schleefs „Sportstück“ so viel Jelinek-Text über deutschsprachige Bühnen geschaufelt wird, erscheint hier nur noch als Andeutung. Als ob die Möglichkeit zur frontalen Textfläche abhanden gekommen wäre angesichts des ultrafragmentarischen Gegenstands.

Sie erwarten als Leser mit Recht an dieser Stelle eine Aneinanderreihung ausgewählter Bild- und Szenenbeschreibungen. Kommt gleich. Doch im Grunde besteht die kongeniale Größe dieses Abends genau darin, Bilder so bockig ineinander zu verzahnen, dass nur das Gesamtbild zählt. Atmosphäre. Beklemmend. Die Summe, die sich eben nicht in Einzelteile vollständig auflösen lässt. Dieser Abend funktioniert wie einer dieser Songs, die so toll sind, und wenn man versucht, jemandem zu erzählen, warum eigentlich, stellt man fest – man kann das eben nicht festmachen an einer Basslinie, einem Schlag auf die Snare, einem Wummerwuppen.

Einige Szenenfotos aber doch: Nadine Geyersbach fast unsichtbar hinter einem winzig kleinen Guckkästlein mit Vorhang, zwei Kartoffeln handpuppenspielend, derweil Siegfried Maschek, geradezu geschlagen mit einem schweren graublonden Seitenscheitel in einem überfledderigen Aktenordner herumfuhrwerkend, Sätze über Fremdheit mit- und ineinander verschraubt. Matthieu Svetchine, der die ersten fünf Viertelstunden kartoffelsalatmachend stumm auf einem Gartenstühlchen saß – um dann seinen nur mit Unterbüx bekleideten schweren Körper erst quasi in den Salat zu rühren und dann aufzuächzen in die Mitte der Arena für den Schlussmonolog. Die Verteilung simpelst kopierter Uwe-Masken, die einerseits das Publikum ins Ornament rücken, die andererseits aber, schaut man durch die Augenlöcher aufs Geschehen exakt fragmentiert-fokussiertes Sehen ermöglichen. Von der Decke herabbaumelnde Metallgestänge (Bühne: Jil Bertermann), die sich irgendwann als neonbeleuchtete Handfeuerwaffe entpuppen, die sich nahtlos in ein lebensgroßes Wohnmobil einfügen.

Dieser Kritiker war selten so froh, aufgeschmissen zu sein. Weil kein Bild, kein Satz sich trefflich rausgreifen lässt aus dem Sog. Und weil so der Sog selbst das Geschehen bestimmt. Was soll ich sagen: Setzen Sie sich rein. Überherzlicher Beifall – und das vollkommen zu Recht.

Die nächsten Termine:

Mittwoch und Freitag, 20 Uhr, außerdem: Donnerstag, 27. Juni, 20 Uhr, Sonntag, 30. Juni, 18.30 Uhr, Mittwoch, 3. Juli, 20 Uhr, Theater Bremen, Kleines Haus.

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