Antonio Andrades „Compania Flamenca“ gastiert am 21. November im Bremer Musical Theater

Der Gesang ist heilig

Der Flamenco ist das Ergebnis eines über Jahrhunderte gewachsenen multikulturellen Alltags: Die „Compania Flamenca“ mit (v.l.) Cheito, Ursula Moreno und Antonio Andrade.

Bremen - Von Rainer Beßling(Eig. Ber.) · Als „Reise durch die unendliche Geschichte des Flamenco“ versteht Antonio Andrade seine neue Show „Vaya con Dios“. Wie im musikalischen Museum wird sich allerdings niemand fühlen müssen, der am 21. November das Gastspiel des Spaniers im Bremer Musical-Theater besucht. Nicht zuletzt Jazz-Saxofonist Sigi Finkel wird für die zeitgenössische Farbe sorgen. Wir sprachen mit dem Gitarristen Antonio Andrade.

?Kennzeichnet das Zusammenspiel von Musik und Tanz den Flamenco von Beginn an?

!Ganz am Anfang stand der Gesang. Die Menschen sangen auf den Feldern, bei der Arbeit.

?Gibt es eine Ursprungsregion?

!Man kann drei Orte nennen: Sevilla, Cardiz und Jerez. Dort ist der Cante Jondo, der tiefe Gesang entstanden, der die Basis für den Flamenco bildet. Auch Malaga hat eine Vielzahl folkloristischer Gesänge hervorgebracht. Oder Almeria, wo die Minenarbeiter sehr dramatische Gesänge schufen.

?Lässt sich der Ursprung des Flamenco auch zeitlich festlegen?

!Das ist schwierig, weil nichts aufgeschrieben ist. Spät, gegen Ende des 18. Jahrhunderts, treten die ersten „Flamenco“-Sänger in Erscheinung, wobei man erst zu Anfang des 19. Jahrhunderts den Begriff „Flamenco“ gebraucht. Vorher gab es eine reiche Folklore in Andalusien, die weit zurückreicht. Schon die Römer holten Tänzerinnen aus Cadiz an ihre Höfe. Diese galten als besonders exotisch und tanzten mit Kastagnetten ähnlichen Instrumenten.

Danach kamen die Araber, die 800 Jahre lang Andalusien besetzten, und die Juden. Zu dieser Zeit entstand eine Hochblüte der Kultur, weil Christen, Moslems und Juden, ein einmaliges Modell, weitgehend friedlich zusammenlebten.

?Sind aus all diesen Kulturen musikalische Momente in den Flamenco eingeflossen?

!Ja, wir haben uns mit diesem Programm die Aufgabe gestellt, diese Einflüsse herauszukristallisieren. Der Zuschauer wird denken: Das hört sich indisch an, das arabisch, das klingt wie Klezmer. Dies ist nicht didaktisch aufgebaut, sondern geht nahtlos ineinander über.

?Sie bekennen sich also ausdrücklich zur Tradition des Flamenco?

!Unsere Bühnenproduktion fußt auf den Säulen des Flamenco. Den Gesang tasten wir selbstverständlich nicht an. Der ist heilig. Im Gesang steckt die Essenz, die Seele des Flamenco.

?Das bezieht sich auf Text und Melodie gleichermaßen?

!Text, Melodie und die Art, wie man singt. Wie man den Gesang weint, heult. Da liegt viel Erbe auf den Schultern des Interpreten. Der Schmerz von Generationen.

?Sie sagten, vieles sei nicht aufgeschrieben. Das macht die Bewahrung des Erbes nicht leichter. Aber gibt es inzwischen nicht doch eine Schule mit entsprechendem Material, um den Flamenco an die kommenden Generationen weiterzugeben?

!Mittlerweile gibt es an der Musikhochschule in Cordoba das Fach Flamenco-Gitarre. Die Musik wird notiert. Wenn wir Gitarristen unterrichten, machen wir das mit Tabulaturen. Im Flamenco haben wir allerdings viele Techniken, die schwer zu notieren sind. Der Flamenco bleibt eine Musik, die man in erster Linie dadurch lernt, dass man sie hört, dass sie praktisch überliefert wird.

?Gibt es auch außerhalb Spaniens Flamenco-Zentren?

!Überall auf der Welt wird Flamenco getanzt. In Tokio gibt es wahrscheinlich mehr Flamenco-Schulen als in Sevilla und Madrid zusammen. Man kommt jedoch aus Japan nach Spanien, um Flamenco am Ursprungs ort zu studieren. Doch so ganz einfach ist der Transfer nicht. Der Flamenco ist nicht allein Musik, sondern eine ganze Kultur, die stark mit der Mentalität, der Lebensweise der Menschen zusammenhängt.

Wenn Sie Obst oder Fisch in Spanien kaufen, dann sehen und hören Sie im Laden angeregte Verkaufsgespräche, erleben, wie die Menschen gestikulieren, wie sie reden. Das ist der Ursprung von Musik und Tanz. Das finden Sie in Japan nicht. Dort bewegen sich die Menschen anders, dort reden sie anders.

?Zugleich wird auch der Flamenco weiterentwickelt. Ist es ähnlich wie beim Tango, der sich modernen musikalischen Einflüssen geöffnet hat, der stetig erneuert worden ist?

!In Spanien gibt es sowohl das Eine wie das Andere. Wenn ich zu Hause bin und meine Freunde in unserem Dorf treffe, dann machen wir einen Flamenco, den vielleicht schon Generationen vor uns so entwickelt haben. Wir versuchen dabei an unsere Vorfahren zu denken, wie sie gesungen, wie sie gefühlt, wie sie gedacht haben. So wird das Erbe konserviert. Das wird auch für professionelle Musiker und große Bühnenshows immer die Basis bleiben.

Natürlich empfangen wir heute auch viele zeitgenössische Einflüsse im Flamenco. Beispielsweise aus dem Jazz. Der Jazz spielt eine ganz wichtige Rolle in der Entwicklung des Flamenco. Wir haben zudem im Moment eine starke Einwanderung aus Afrika. Das alles spürt der Flamenco. Aber nur so kann er sich weiterentwickeln, nur so bleibt er lebendig.

Wenn wir den Flamenco abschotten wollten, würden wir ihn töten. Die Jugend könnte sich nicht mehr damit identifizieren.

(Compania Flamenca Antonio Andrade: Vaya con Dios. 21. November, 20 Uhr, Musical Theater Bremen, Richtweg)

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