Gertrud Schleising lässt in Bremen-Gröpelingen die Puppen der Kunstgeschichte tanzen: Eine Annäherung an Gerhard Marcks‘ „Silvanus“

Zum Hanteltraining mit Wattestäbchen spielt kein Streichquartett

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Spielbein vors Standbein: Gertrud Schleising bittet Gerhard Marcks zum Tanz.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Das Gerhard-Marcks-Haus ist zwecks Sanierung geschlossen, weg ist es deshalb aber noch lange nicht. In einem Gröpelinger Atelierhaus überbrückt das Bremer Bildhauermuseum die Umbauzeit mit kleinen Ausstellungsprojekten. Künstler reagieren auf eine Skulptur von Gerhard Marcks: So lautet das Konzept. Zuletzt hatte sich das eher hilflos ausgenommen, als Studenten des Studiengangs Kulturvermittlung mit kindlicher Pappfigur und noch kindlicherer Schnitzeljagd die Ursache für Orpheus‘ melancholische Anwandlung zu ergründen versuchten. - Von Johannes Bruggaier.

Jetzt hat sich die ehemalige Tänzerin und heutige bildende Künstlerin Gertrud Schleising eine andere Gestalt der antiken Mythologie vorgenommen. Silvanus, im alten Rom ein bocksfüßiger, grobschlächtiger Gott der Hirten und Wälder, ist bei Marcks ein schmalbrüstiges Kerlchen mit unbeholfen schlenkernden Armen. Auffällig jedoch sind vor allem seine Beine: Wie bei einer Ballerina schiebt sich das Spiel- vors Standbein, er könnte glatt im Ballett auftreten.

Und für alle, die es ihm gleichtun möchten, hat Schleising gleich eine Probeecke eingerichtet. Mit Ballettstange, Tutu-Kleidchen und allem was dazugehört. Lehrbilder zeigen dem bewegungsfreudigen Ausstellungsbesucher die Grundpositionen des klassischen Balletts an. Position vier führt zur Haltung des schmächtigen Waldgottes: „Achte darauf, dass beide Beine gleich belastet sind. Verlagere dein Körpergewicht auf das vordere Bein.“

Wer eine Verlagerung seines Körpergewichts nicht riskieren möchte, kann sich Marcks‘ Figur auch rein betrachtend nähern. In einem Wandgemälde vergleicht Schleising den stummen Tänzer mal mit schlanken Frauenkörpern, mal mit Sumoringern, hier baumelt ihm wie einem Rockstar eine Gitarre am Hals, dort hakt sich Cranachs berühmte Venus ein.

Überhaupt: Mit der barocken Liebesgöttin verbindet ihn eine engere Beziehung. Schleising lässt die beiden durch reich möblierte Styroporhäuser flanieren. Das Mauerwerk besteht aus Verpackungsmüll, die Möbel aus Elektroschrott, in Gestalt von Rohrisolierungen ragen Schornsteine empor. Wir sehen Venus mit schicker Uhr um die hyperschlanke Hüfte und Silvanus mit coolem T-Shirt: „Ultimate Boyfriend.“ Und woanders übt sich Silvanus mit seinen Schlenker-Armen im Gewichtheben, wobei die Hantel aus einem Wattestäbchen besteht.

Das ist freilich nicht viel reifer als der Papp-Orpheus der Kunststudenten. Weil es aber im Gegenteil den Dilettantismus so hemmungslos ironisch zur Schau stellt und die kunsthistorischen Anspielungen und Bezüge zum Tanz als akademische Bildungshuberei markiert, ist es zumindest unterhaltsam.

Die Kunst, der Tanz und die Wissenschaft: Bei Schleising wird alles zu einem großen Spiel, zu einem Zeitvertreib für große Kinder. Das gilt auch für den vermeintlichen Kammermusikabend im Atelierhaus Roter Hahn. „Enjoy the Silvanus Quartett“, heißt es auf dessen Ankündigung. Doch gemeint ist gar nicht ein hochklassiges Streichquartett. Sondern nur ein Kartenspiel.

Bis 29. Januar im Atelierhaus Roter Hahn, Gröpelinger Heerstraße 226, Bremen. Öffnungszeiten: Mo.-Fr. 9-18 Uhr.

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