Georges Bizets „Meisterwerk der Grausamkeit“: Anna Sophie Mahler über ihre „Carmen“-Inszenierung in Bremen

„Diese Musik hat etwas Fratzenhaftes“

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Das freie Leben als Utopie: Anna Sophie Mahler inszeniert am Theater Bremen „Carmen“.

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. So berühmt der französische Komponist Georges Bizet ist, so wenig kennt man den damals Erfolglosen wirklich. Da ist nur die Oper „Carmen“ (1875), deren Erfolg, den der Komponist nicht mehr erlebt hat, alle anderen Werke nachhaltig in den Hintergrund gedrängt hat. Und: „Carmen“ ist die meist gespielte Oper der Welt, schon 1905 spielte die Pariser Opéra Comique die tausendste Aufführung.

Die Oper – Bizet selbst war nie in Spanien –, wird gerne als Prototyp des Genres gesehen, sie sei „die Oper schlechthin“ (René Leibowitz), ein „Meisterwerk der Grausamkeit“ (Henry de Montherlant). Die viel beachtete Uraufführung am 3. März 1875 war ein Fiasko: „Das ist Kotschinchinamusik, davon versteht man nichts“, war in der Presse zu lesen. Wir sprachen mit der Regisseurin Anna Sophie Mahler, die in Bremen unter anderem einen unvergesslichen „Orlando furioso“ von Antonio Vivaldi inszeniert hat, über das Werk und ihre Arbeit.

Carmen, ein Freiheitssymbol für Feminstinnen, ein Sinnbild für die Frau als Opfer der Gesellschaft: Wer ist Carmen für Sie? Ist sie, was wir von ihr glauben?

Anna Sophie Mahler: Der Schlüssel für mich war, dass es eigentlich gar nicht um Carmen, sondern um Don José geht. Carmen ist eine, ist seine Projektion. Sie spiegelt etwas von seinem Inneren. Carmen ist mit ihrer Kompromisslosigkeit eines der extremsten Prinzipien. In der Novelle von Prosper Merimée begegnet sie uns als Erinnerung Josés, bei uns in seinem Traum. Das bedeutet, dass alle Figuren zu inneren Figuren werden. Wir spielen das Stück in einem bürgerlichen Haus, in dem verschiedene Mächte, verschiedene Instanzen hausen. Ich finde es uninteressant, Carmen als Milieustudie des „lustigen Zigeunerlebens“ anzulegen. Es ist für mich wesentlich, die Geschichte vom oberflächlichen Kolorit wegzubringen, von diesem Fantasie-Spanien, von Schwarz und Rot, vom Flamenco. Denn dann wird viel klarer, dass es um große Gefühle und Emotionen geht, auch um Ohnmacht. Und vor allem um die Frage, wie man mit seiner eigenen Sexualität, seinen Trieben umgeht.

Wie begründen Sie das musikalisch?

Mahler: Die Habanera, die Sequidilla, das sind Show-Auftritte von Carmen. Es ist nicht realistisch, die Musik hat was Fratzenhaftes, Verzerrtes, sogar etwas Operettenhaftes.

Die allgemeine Meinung ist ja: Carmen braucht und verbraucht Männer. Ist das so?

Mahler: Wie gesagt: Ich nähere mich Carmen über Don José. In ihrem Freiheitsdrang, immer nur im Moment zu leben, liegt für die anderen eine tödliche Gefahr. Zum Beispiel am Ende vom zweiten Akt, wenn sie da vom freien Leben in den Bergen schwärmt: Das ist eine nicht lebbare Utopie. Spätestens da verliert José jegliche Kontrolle. Ich versuche, herauszubekommen, was Carmen bei ihm auslöst. José birgt ja ein kräftiges Gewaltpotential in sich und versucht, in dieser Gesellschaft seinen Platz zu finden. Carmen ist eine Gefährdung für ihn, aber auch für uns, für alle. Sigmund Freud hat in „Das Unbehagen in der Kultur“ beschrieben, dass umso mehr Kultur wir haben, wir uns auch desto mehr unter Kontrolle bringen müssen. José ist für mich also Vertreter von uns allen.

Was ist denn für sie in der Begegnung mit José anders? Immerhin geht er für sie ins Gefängnis, eine solche Zuneigung hat sie noch nie erfahren. Löst das ihre Liebe, ihren Versuch zur Liebe aus?

Mahler: Ja, José ist eine Art Hoffnung, vielleicht auch ein Versprechen. Sie will da raus aus ihrem Leben, sie will keine Kunstfrau sein. Aber ich glaube nicht, dass Carmen auf die Rettung durch einen Mann wartet. Was sie an José interessiert, ist etwas anderes. Es ist die Idee, ihn zum Verlassen seines Ordnungssystems zu bewegen.

Carmen lebt in einer vorindustriellen Gesellschaft, einer Tabakfabrik, in einem rigiden gesellschaftlichen Frauen- und Männerbild. Was kann daran für den heutigen Besucher aktuell oder berührend sein?

Mahler: Genau deswegen ist es wichtig, sich von allem Äußeren zu entfernen. Was ist denn das Bedrohliche? Das Zeitlose sind die inneren Konflikte von José, das Aufgeben von Regeln und Sich-darin-verlieren. Diese Konflikte bleiben aktuell wie auch die überdimensionale Rolle der Mutter.

Ein Dirigent sagte einmal, José könne keiner Fliege etwas zuleide tun. Er tötet aber Carmen und hat – zumindest nach der Novelle von Merimée – schon einen Mord hinter sich?

Mahler: Eben. José ist ein gefährdeter Charakter, der sich zwar innerhalb einer Ordnung bewegt, aber alles andere als gefestigt ist. Bei uns befindet er sich in diesem bürgerlichen Haus. Er kennt den Ort, aber er weiß nicht, wo er ist. Er kennt die Figuren nicht, außer Michaela. Ein grausames Spiel mit seinen eigenen Gefühlen beginnt, seinem Trieb, seinen Aggressionen und seinen Schuldgefühlen. Und gleichzeitig auch mit seiner Sehnsucht nach der Freiheit. Genau das kann er nicht aushalten.

Welche Metapher oder welches Symbol bedeutet die Verquickung mit dem Stierkampf?

Mahler: Der Stierkampf ist vor allem ein Ritual des Übergangs, der Klärung von Ambivalenzen. Und natürlich geht es auch um den Tod. Escamillo ist eine Art Übervater. Er steht in einer engen Verbindung mit dem Tod. Und er begegnet dem Tod mit einer Souveränität, an die José niemals herankommen wird.

Glauben Sie, dass Ihre Inszenierung die Handschrift einer Frau trägt und was würde das bedeuten?

Mahler: Vielleicht insofern, als dass ich Carmen nicht idealisiere. Es ist klar, dass Carmen von einem Mann erdacht wurde, erst von Bizet und dann von José.

Premiere heute um 19.30 Uhr im Theater am Goetheplatz.

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