„George“, Elena Kats-Chernin neue Oper, feiert am 25. September Premiere

Casting bei Königs

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Für „George“ beschäftigte sich Elena Kats-Chernin erstmals genauer mit Händel.

Hannover - Von Jörg Worat. Geboren ist sie in Taschkent, begann mit 14 ein Musikstudium in Moskau, zog dann nach Australien, wo sie auch heute lebt. Zwischendurch war sie 13 Jahre lang in Deutschland zugange, davon die meiste Zeit in Hannover, und nun komponiert sie eine Oper über ein englisches Thema: Wer Elena Kats-Chernin als Kosmopolitin bezeichnet, liegt sicherlich nicht verkehrt.

Am 25. September soll das neue Werk in der Orangerie seine Uraufführung erleben, quasi als spektakulärer Nachklapp der diesjährigen „Kunstfestspiele Herrenhausen“. Einmal mehr ist die Verbindung zum 300. Jubiläum der königlichen Personalunion offensichtlich, und der Titel „George“ ist doppeldeutig: Georg I. erteilt in dieser fiktiven Geschichte Georg Friedrich Händel den Auftrag für ein Bühnenwerk. Es kommt zu einer Art Casting mit allerlei Irrungen und Wirrungen.

Die Idee stammt von der hannoverschen Musikerin und Produzentin Danya Segal. „Wir haben uns damals an der Musikhochschule in Hannover kennengelernt“, erläutert Elena Kats-Chernin. „Diese Oper ist ihr Baby, sie wollte gern etwas mit Händel machen.“ Auf der Besetzungsliste stehen mit Jochen Kowalski und Denis Lakey gleich zwei Countertenöre, und das Libretto besorgt der Berliner Axel Ranisch, der auch die Regie übernimmt und von dem die Komponistin in höchsten Tönen schwärmt. „Seine Texte sind sehr musikalisch, haben viel Witz.“

Denn gar zu tragisch ist die Sache nicht angelegt: „Es soll leicht werden“, sagt Elena Kats-Chernin, „aber nicht leichtfertig. Zum Beispiel bringt eine Figur, ein treuer Sänger, auch eine melancholische Stimmung hinein.“ Das gar zu Kopflastige ist ohnehin nicht das Metier der Komponistin – es hat schon seine Gründe, dass ihre Werke etwa bei der Eröffnungsfeier der 2000er Olympiade in Sydney und drei Jahre später beim Rugby-Weltcup aufgeführt wurden. Ihr Stück „Eliza Aria“ fand in einer Reihe von TV-Werbespots Verwendung und erreichte in einer Pop-Version von DJ Mark Brown und Sarah Cracknell unter dem Titel „The Journey Continues“ sogar die Charts.

Überhaupt besticht die Vielfalt im Werk der 56-Jährigen. Es gibt Film- und Bühnenmusiken, Orchesterstücke, Kammermusik, Ragtimes – und „George“ ist schon die fünfte Oper. Mit Händel hatte sich Elena Kats-Chernin übrigens vordem noch nicht allzu intensiv beschäftigt: „Ich kannte natürlich die üblichen Stücke wie die Wasser- und die Feuerwerksmusik. Aber als ich sein Werk jetzt näher studiert habe, war ich überrascht, wie viele originelle Einfälle darin stecken. Für mich war das eine echte Neuentdeckung.“ Ohne dass der frischgebackene Fan nun zur Nachahmungstäterin mutieren würde: „Es geht beim Entwurf der Oper nicht darum, im Stil von Händel zu schreiben. Aber die Beschäftigung mit ihm hat ihre Spuren in der Musik hinterlassen.“

Wie wird man eigentlich Komponistin? Genau genommen, ist die ältere Schwester an allem Schuld: „Wenn sie Klavierunterricht hatte, musste ich immer mitkommen, das war ein bisschen wie Babysitten. Und zu Hause habe ich dann alles nachgespielt, was ich nach dem Gehör aufgeschnappt hatte.“ Zudem war die Mutter zwar als Medizinerin tätig, hatte aber auch Musik studiert, weshalb massenhaft Noten verfügbar waren: „An diese Sammlung erinnere ich mich noch ganz genau. Da waren unter anderem Beethoven-Sonaten, Schuberts ,Winterreise‘, aus irgendwelchen Gründen auch der ,Faust‘ von Gounod.“

Der nächste Schritt war die Aufnahme an der Moskauer Schule, eine Art Gymnasium mit musikalischer Ausrichtung: „Ich glaube, es gab ungefähr 600 Bewerbungen für 15 Plätze. Alle in meiner Klasse hatten das absolute Gehör.“

Über ein DAAD-Stipendium kam der Kontakt mit Hannover zustande, wo Elena Kats-Chernin bei Helmut Lachenmann studierte. Dessen Kompositionen können zwar einen gewissen Humor entwickeln, die einstige Studentin hat ihn allerdings doch als „sehr intellektuell“ in Erinnerung: „Das war auch gut so. Ich habe bei ihm viel analytisches Denken gelernt.“ Mit allem, was dazugehört, inklusive Zwölftonmusik und anderen Anstrengungen: „Nützliche Erfahrungen, aber im Rückblick kann ich sagen, dass ich früher doch experimenteller geschrieben habe als heute.“ So sind inzwischen einige Aspekte der Minimal Music zu einem wichtigen Einfluss geworden: „Mich interessieren die rhythmischen Ostinato-Figuren und auch das lakonische Denken – aus nur wenigen Tönen etwas mit Substanz zu schaffen.“ Gab es irgendwann mal eine Zeit der Komponier-Blockade? „Nein, aber ich habe eine Pause bei der Konzertmusik eingelegt, nachdem ich mit einem meiner Stücke nicht zufrieden war. Da habe ich einige Jahre nur für die Bühne gearbeitet.“

Denn gearbeitet werden muss auf jeden Fall: „Manchmal möchte ich auch lieber im Bett bleiben und ein Buch lesen. Aber dann setze ich mich doch ans Klavier, und wenn auch nicht immer gleich etwas dabei herauskommt, sind die Ideen vielleicht später noch zu gebrauchen.“ Beneidenswerterweise kann Elena Kats-Chernin immer loslegen, wenn ihr danach zumute ist: „Auch nachts. Ich habe ein wunderschönes Haus in der Nähe des Strands, und man hört mich nur auf der Straße, aber nicht bei den Nachbarn.“ Zum perfekten Glück trägt zudem Assistentin Di bei: „Ich schicke ihr um ein Uhr morgens einen handgeschriebenen Entwurf zu, und eine Stunde später habe ich die computergesetzten Noten. Sie kann meine Schrift lesen und sie schläft nie. Sehr praktisch.“

Ein angenehmes Gespräch nähert sich dem Ende. Eine Frage noch an die so bodenständig wirkende Komponistin: Gibt es eigentlich irgendeine Musik, die sie grundsätzlich ablehnt? „Heavy Metal ist nicht meine Welt. Aber als es bei einem Theaterprojekt inhaltlich um Heavy Metal ging, habe ich mich natürlich mit den Strukturen dieser Musik beschäftigt.“

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