200 Jahre Georg Büchner

Schaum auf der Welle

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Eugène Delacroix: „Die Freiheit führt das Volk“ (1830). Nur: wohin? Der Revolutionär Georg Büchner glaubte noch an die menschliche Fähigkeit zur moralischen Besserung. Der Dichter Georg Büchner dagegen entwickelte gegenüber politischen Heilsversprechen eine tiefe Skepsis.

Von Johannes Bruggaier. Er war 21 Jahre alt, da trat er als steckbrieflich gesuchter Rebell die Flucht ins Ausland an. Im Alter von 22 Jahren erlangte er mit einer Arbeit über das Nervensystem bei Fischen seinen Doktortitel. Mit 23 Jahren war er tot.

Die Karriere des Politikers und Wissenschaftlers Georg Büchner würde allein schon genügen, um ins Staunen zu geraten: ins Staunen über den Reichtum dieses ebenso kurzen wie intensiven Lebens. In die Geschichte eingegangen ist er aber keineswegs als Politiker oder Forscher. Sondern als Dichter.

Georg Büchner (Stahlstich von Adolf Hoffmann, 1833).

Das Leben des Georg Büchner, der am 17. Oktober 1813 auf die Welt kam, ist die Geschichte einer Tragödie: seiner eigenen und damit auch jener des modernen Menschen. Seine eigene findet ihren Ausgang im Haushalt des angesehenen Darmstädter Arztes und Anatomen Ernst Büchner. Der erklärt seinem Sohn mit der nüchternen Diktion eines Wissenschaftlers, wie der Mensch funktioniert. Als natürliche Maschine nämlich. Ihr Motor: der Verstand. Wer diesen füttert, stärkt den ganzen Apparat, dann wird aus einem gewöhnlichen ein guter Mensch. Der ganze Optimismus der Aufklärung zeigt sich darin: eine Haltung, die an die Lernfähigkeit des Menschen glaubt und in einer humanistischen Bildung den sicheren Weg zum Weltfrieden sieht.

Doch dann versagt der Praxistest. Georg Büchner, erfolgreicher Absolvent eines neuhumanistischen Gymnasiums, appelliert an den Verstand der Bürger. „Der Hessische Landbote“ heißt seine Streitschrift, ein Flugblatt, das den Hütten den Frieden erklärt, Krieg aber „den Palästen“. Gemeint sind die Prachtbauten des hessischen Großherzogs, Zeugnisse einer Adelsdiktatur.

Macht durch Sprache

Doch die Landbevölkerung hat keine Lust auf Revolution. Statt des Umsturzes geraten Büchners Mitstreiter in Haft, er selbst kann sich im letzten Moment nach Straßburg absetzen.

Mit der politischen Pleite gerät ein ganzes Menschenbild ins Wanken. Wie mag ein erklärter Humanist seine Flucht ins Ausland rechtfertigen, während in der Heimat die Freunde zu Tode gefoltert werden? Kann der Mensch sich wirklich bessern, oder ist er nicht vielmehr eine Geisel verborgener Kräfte?

Büchner braucht die Auseinandersetzung mit der Geschichte, um diese Frage zu durchdringen. Und: Er braucht die Dichtkunst als intellektuelles Spielfeld.

So schreibt er sein erstes von insgesamt drei Dramen und ruft dazu das Personal der Französischen Revolution auf die Bühne. Mit dem Tugendfetischisten Maximilien de Robespierre und seinem sinnenfreudigen Gegenspieler George Danton, den die Frage nach der Abhängigkeit des Menschen von dunklen Trieben umtreibt: „Was ist das, was in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet?“ Am Ende muss Danton im Namen der Vernunft sterben, einer Tugend, die sich längst in einen Terror gegen das Menschliche gewandelt hat.

„Dantons Tod“, diese Tragödie über die Macht, ist in Wahrheit eine Tragödie über die Ohnmacht: über die Illusion des Menschen, die Welt oder wenigstens sein eigenes Leben beherrschen zu können. Vermeintlich unverbrüchliche Werte wie „Moral“ oder „Revolution“ entpuppen sich darin als bloße Trugbilder, als Instrumente zur Selbsttäuschung. „Erst beweist ihr Gott aus der Moral und dann die Moral aus Gott!“, lautet eine solche Erkenntnis. Oder auch: „Wir haben nicht die Revolution, sondern die Revolution hat uns gemacht.“

Gegenüber seiner Verlobten, Wilhelmine Jaeglé, offenbart Büchner 1834, wie radikal er sich vom Optimismus der Aufklärung entfernt hat. Der Einzelne, heißt es in diesem berühmten Fatalismus-Brief, sei bloß „Schaum auf der Welle, die Größe ein bloßer Zufall, die Herrschaft des Genies ein Puppenspiel, ein lächerliches Ringen gegen ein ehernes Gesetz.“

In seiner Erzählung „Lenz“ entlarvt er am Beispiel des Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz die Sprache als Ausflucht aus dieser bitteren Ahnung. Indem wir die Dinge mit Namen versehen, indem wir sie also in sprachliche Schubladen packen, wiegen wir uns im Glauben, Macht über sie zu erlangt zu haben. Doch manchmal schlägt die Wirklichkeit zurück, erhebt sie sich in unserer Wahrnehmung zu einer Größe, die alle Bezeichnungen übersteigt. Dann versagen die Worte, der Mensch stürzt ins Chaos. Und wieder ist es ein Wort, das für Ordnung sorgen soll, eine Diagnose als Beruhigungspille für das verstörte Umfeld: „Wahnsinn.“

Lenz muss diesem Wahnsinn verfallen, als er an die Grenzen der Sprache stößt, weil ein todkrankes Kind einfach nicht genesen will: trotz all seiner sprachlichen Beschwörungen, seiner Gebete, seiner Erzählungen. Selbst als es gestorben ist, mag der Dichter noch nicht fassen, dass seine Worte umsonst gewesen sein sollen. „Stehe auf und wandle!“, lässt Büchner ihn rufen. Doch „die Wände hallten ihm nüchtern den Ton nach, daß es zu spotten schien, und die Leiche blieb kalt“. Worte sind mächtig, aber nur in unserem Kopf: Der Welt sind unsere Bezeichnungen ziemlich gleichgültig.

Die Wirklichkeit lässt sich nur scheinbar mit Worten beherrschen – andere Menschen dagegen ganz real. Denn in ihrer Sprache geben sie sich zu erkennen, die Adligen wie die Bauern, die Soldaten wie die Diplomaten, die Finanzmanager wie die Spitzenpolitiker.

Wie ein Schutzwall wirkt etwa der hohe Sprachstil am Hof des Königs Peter vom Reiche Popo in Büchners Lustspiel „Leonce und Lena“: eine unsichtbare Wand, die den erlesenen Zirkel vom Dialekt sprechenden Bürger trennt. Die Bemühungen um einen Abriss dieser Mauer lässt Büchner auf traurig ironische Weise scheitern.

Büchner ist deswegen lange von der politischen Linken vereinnahmt worden. Nicht zuletzt der Umstand, dass er als erster Autor von Rang einen Mann der Unterschicht zur Hauptfigur der Fragment gebliebenen Tragödie „Woyzeck“ erkoren hat, galt manchen Interpreten als Ausweis frühsozialistischen Klassenkampfs.

Die Wahrheit ist, dass dieser einfache Soldat Franz Woyzeck ganz und gar nicht zum politischen Helden taugt. Vielmehr führt er vor, wie sich das Machtinstrument Sprache auch von unten einsetzen lässt. So erklärt er seinem Hauptmann, warum dieser von ihm so etwas Hehres wie Anstand und Moral nicht erwarten darf: „Wenn ich ein Herr wär‘ und […] könnt vornehm reden, ich wollt schon tugendhaft seyn.“ So spricht keiner, der nach oben will, sondern einer, der seine Situation der Rechtlosigkeit raffiniert zu einem Recht zur Pflichtlosigkeit umdeutet. „Es muß was Schöns seyn um die Tugend, Herr Hauptmann“, kokettiert Woyzeck: „Aber ich bin ein armer Kerl.“

Büchner beschreibt soziales Elend und die Dekadenz der Obrigkeit. Er reflektiert an grotesken Menschenversuchen („Hat Er schon seine Erbsen gegessen, Woyzeck? Nichts als Erbsen, cruciferae, merk Er sich‘s!“) einen Wissenschaftsbetrieb, der in seinem Rationalitätswahn jede Menschlichkeit verloren hat. Und er zeigt Machthaber, die Minuten benötigen, bis ihnen endlich einfällt, an was sie denn nochmal der „Knopf im Schnupftuch“ erinnern sollte: „Ja, das ist‘s: Ich wollte mich an mein Volk erinnern!“

Aber immer, wenn man glaubt, es lasse sich daraus eine Anklage formulieren und damit eine Hoffnung auf Veränderung, zeigt sich plötzlich die andere Seite: wie sich Menschen im Selbstmitleid einzurichten verstehen. Und wie Gerechtigkeitsfanatiker im Stil eines George Danton alle Fünfe gerade sein lassen, sobald sie sich selbst zur Oberschicht zählen dürfen. Die Welt zeigt sich bei Büchner als unverbesserlich, der Mensch als bloßer Schaum auf der Welle ihrer Geschichte.

In Straßburg und Zürich hat der Mediziner Georg Büchner hart an seiner wissenschaftlichen Laufbahn gearbeitet. Der Dichter Georg Büchner verwies derweil jeglichen Fortschrittsgedanken ins Reich der Illusion: Es war ein Doppelleben, das mit einer Typhuserkrankung im Jahr 1837 ein jähes Ende fand. Der fleißige Anatom hatte sich wahrscheinlich bei der Arbeit mit toten Fischen infiziert.

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