Generalintendant am Oldenburgischen Staatstheater

Christian Firmbach über neue und alte Opern: „Verfügbarkeit schmälert Neugier“

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Regelmäßig Stücke, die keiner kennt - wie „Maria“ von Roman Statkowski, hier eine Szene mit Britta Glaser (l., Pachole) und Arminia Friebe (Maria) Walzl.

Oldenburg - Von Rolf Stein. An der Wiener Staatsoper feierte 2018 eine Inszenierung von Giacomo Puccinis „Tosca“ 60. Geburtstag. Und überhaupt stehen in den meisten Städten die immergleichen Opern auf dem Programm. Währenddessen fristet das neuere Opernrepertoire ein Schattendasein. Wir haben uns umgehört, warum es neue Musik so schwer hat.

Im dritten und letzten Teil unserer Interview-Reihe steht uns Christian Firmbach, Generalintendant am Oldenburgischen Staatstheater, Rede und Antwort.

Was ist die älteste Opern-Inszenierung, die Sie im Programm haben?

„Hänsel und Gretel“ von Engelbert Humperdinck spielen wir seit vier Spielzeiten. Mittlerweile sind jedes Jahr im Dezember vier Termine angesetzt, die immer alle ausverkauft sind. Wir haben eine szenische Umsetzung dieses Klassikers geschaffen, die alle Generationen anspricht und hoffentlich über viele Jahre noch DER Oldenburger „Hänsel“ sein wird. Manche Häuser schaffen das über Jahrzehnte. Bei einem so bekannten Stück wie „Hänsel und Gretel“, das auch zum Bildungskanon gehört, war es uns wichtig, eine Erzählweise zu finden, die die Menschen abholt, indem sie die Geschichte einfach gekonnt auf die Bühne bringt.

Ist das ein Schwerpunkt bei der Spielplangestaltung?

Chirstian Firmbach

Natürlich bedienen auch wir den Kanon der beliebtesten Stücke, die weltweit alle immer wieder sehen wollen und die fast alle auch einfach gut sind. Aber darüber hinaus setzen wir jedes Jahr ein oder zwei Titel auf das Programm, die keiner kennt, das können ebenso modernere Stücke sein, die noch keine Chance hatten, sich auf den Spielplänen zu behaupten, oder ältere, in Vergessenheit geratene Stücke. Die Musikgeschichte steckt voller Überraschungen. Diese unbekannten Werke finden per se nicht in dem Maße Zuspruch wie „Hänsel“, weil sie eben keiner kennt. Aber ich hoffe, durch zugkräftige Produktionen bekannterer Werke das Vertrauen des Publikums so zu gewinnen, dass es auch auf Unbekanntes neugierig wird.

Bekommt man so neues Publikum in die Oper?

Neue Zuschauergruppen zu gewinnen, ist eine große Herausforderung. Dafür muss man sich erst einmal über die Zusammensetzung der vorhandenen Zuschauerschichten bewusst werden. Grundsätzlich gehen vor allem Menschen über 50 besonders gerne ins Theater. Wie sich aber bei einer Zuschauerbefragung herausstellte, gibt es in Oldenburg auch einen ungewöhnlich hohen prozentualen Anteil an jüngeren Zuschauern. Die finden sich vor allem in unserer Sparte Junges Staatstheater und in den Kinder- und Familienkonzerten, aber auch in ganz normalen Opern- und Schauspielproduktionen. In der Oper zieht man junge Leute weniger mit zeitgenössischer Musik an, sondern eher mit Klassikern oder so kultverdächtigen Stücken wie „Satyagraha“ von Philip Glass, bei dem sofort ein jüngeres Publikum im Saal saß.

Nehmen wir mal die Oper „Pelleas et Melisande“ von Claude Debussy. Diese Musik ist mehr als 100 Jahre alt, trotzdem hat das Publikum Schwierigkeiten damit. Wie kommt das?

Das ist mir unerklärlich. Debussy ist auch tonal nicht schwierig.

In den Bildenden Künsten scheint das Publikum weniger Probleme mit der Moderne zu haben.

Vielleicht liegt es daran, dass man sich Bilder oder Skulpturen bewusst anschaut, während wir akustisch den ganzen Tag mit Pop-Musik zugedröhnt werden, die auf der klassischen Dur-Moll-Harmonik basiert. Ich glaube auch, dass die ständige Verfügbarkeit sämtlicher klassischer Werke auf CD oder Spotify die Neugier auf Neues schmälert. Andererseits hatten es neue Klänge aber auch schon immer schwer. In der zeitgenössischen Oper gibt es grob gesagt zwei Richtungen: eine intellektuell-verkopfte, die um jeden Preis versucht, Vorhandenes zu meiden und neue Wege zu gehen, und eine sinnlich-theatrale Musiksprache, die im Kern vielleicht nicht durch und durch neuartig ist, aber mit individuellem Zugriff alle Register der vorhandenen Möglichkeiten zieht. Vor allem in England und in den USA gibt es viele Werke dieser Art, die gute Plots in packende, theaterwirksame Musik packen. Ein solches Werk ist „Dead Man Walking“ von Jake Heggie, einem der erfolgreichsten zeitgenössischen amerikanischen Komponisten. Er stellt seine Musiksprache äußerst gekonnt in den Dienst der Handlung, die dadurch besonders packend wird. Da Theater eine emotionale Kunstform ist, finde ich das völlig in Ordnung. Und es gehen eindeutig mehr Menschen in solche Opern als in experimentelles Musiktheater, wo sich nur ein ausgesuchter Kreis von Experten versammelt. Letzteres darf man zwar nicht aus den Augen verlieren, kann man sich aber nur bedingt leisten. Im Konzertbereich ist das Publikum für zeitgenössische Werke übrigens viel offener, und so konnten wir mit der Reihe „Artist in Residence“ eine regelmäßige Förderung für junge Komponisten in Gang setzen. Aber auch in einem Konzert hat sich schon eine Zuschauerin darüber empört, dass wir so etwas Modernes wie Schönbergs „Gurre-Lieder“ spielten - und die sind klanglich ein spätromantisches Juwel.

Wie ist die Minimal-Music-Oper „Satyagraha“ beim Publikum angekommen?

In Oldenburg war Glass noch nicht gespielt worden. Da sieht man wieder, wo wir hängengeblieben sind. Aber bei der Spielplangestaltung spielen viele Faktoren eine Rolle: Dazu gehört auch die Versorgung der Sänger mit passenden Rollen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist unser kompliziertes, starkes Abonnementsystem, mit dem wir gewagtere Produktionen absichern können. Doch zugleich müssen wir auch versuchen, die Abonnentenzahl zu halten. Das ist also immer wieder aufs Neue eine Gratwanderung. Das Wichtigste ist, die Menschen zu berühren und für das Theater zu begeistern - dann ist auch „modern“ kein Ausschlusskriterium mehr. Und: Es ist mir ein besonderes Anliegen, junge Gesangstalente zu entdecken und zu fördern, die in Oldenburg wertvolle Erfahrung sammeln und uns dafür mit ihren Stimmen beschenken, mit denen sie auch an viel größeren Opernhäusern Beifallsstürme ernten würden. In diesem Jahr treten gleich zwei unserer Ensemblemitglieder im Finale des berühmten Cardiff-Gesangswettbewerb an: So weit gekommen zu sein, ist wie ein Ritterschlag. Und dieses musikalische Niveau dankt das Oldenburger Publikum immer mehr.

Zum Selberhören:

„Dead Man Walking“ von Jake Heggie hat am 23. März, 19.30 Uhr, Premiere am Oldenburgischen Staatstheater.

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