Hannovers Oper streamt Film zu NSU-Mord

Gemütlich geht nicht

Corona unterbrach die Arbeit an der Oper „Der Mordfall Halit Yozgat.
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Corona unterbrach die Arbeit an der Oper „Der Mordfall Halit Yozgat.

Hannover – Was tun, wenn die Umsetzung eines ohnehin schon schwierigen Musiktheater-Projekts durch die Coronakrise noch wesentlich schwieriger wird? Die Staatsoper Hannover hat jedenfalls weder ausschließlich auf Zeit gespielt noch das Handtuch geworfen: „Der Mordfall Halit Yozgat“ ist sogar schon zu sehen – in Form eines Streams mit dem Untertitel „Eine Oper unter Quarantäne“.

Ursprünglich sollte die Uraufführung des Werks von Komponist Ben Frost, der auch Regie führt, am 17. April stattfinden. Am 3. März begannen die Proben, knapp zwei Wochen später waren sie schon wieder beendet, konnten erst ab dem 11. Mai mit den bekannten Einschränkungen fortgesetzt werden. Frost, in Australien geboren und in Reykjavík zuhause, holte daraufhin spontan Dokumentarfilmer und -fotograf Richard Mosse sowie Kameramann Trevor Tweeten an Bord – das Trio hat schon vorher erfolgreich zusammengearbeitet, etwa beim Projekt „The Enclave“, das den Bürgerkrieg im Kongo thematisiert und unter anderem auf der 55. Biennale in Venedig zu sehen war.

Diesmal dreht sich alles um den NSU-Mord an Halit Yozgat, der am 6. April 2006 in Kassel erschossen wurde. Der Fall erregte dadurch besonders Aufsehen, dass ein Mitarbeiter des hessischen Landesamts für Verfassungsschutz zum Zeitpunkt des Mordes am Tatort, einem Internetcafé, anwesend war, aber behauptete, nichts von dem Verbrechen mitbekommen zu haben.

Wie nähert man sich nun einem solchen Themenkomplex? Die Oper mit dem Libretto von Daniela Danz beruht auf der Video-Installation „77sqm_9:26min“ von „Forensic Architecture“ – die Londoner Kunst- und Rechercheagentur hat akribisch den vorliegenden Angaben zum Ablauf des Mordgeschehens nachgespürt und dabei mancherlei Fragen aufgeworfen. Frosts Stück, eine Koproduktion mit dem Holland-Festival, bindet neben Sängern und Musikern auch Schauspieler aus dem hannoverschen Ensemble ein. Der klassischen Rollenzuschreibung wird eine klare Absage erteilt, bei den wiederholten Abläufen des Geschehens stellen die Akteure stets andere Figuren dar. „Das gebietet alleine schon der Respekt“, sagt Dramaturgin Yvonne Gebauer, während Ben Frost selbst im Interview auf der Opern-Homepage betont: „Ich denke, der Rollenwechsel trägt dazu bei, den Punkt zu unterstreichen, dass jeder Halit sein könnte.“

Gebauer beschreibt den gegenwärtigen Stand der Dinge als „Mischung aus Dokumentation, Fiktion und Rekreation“. Die filmische Ästhetik bringt neue Facetten ins Spiel, von einer Beschränkung auf die Totale kann keine Rede sein. Kameramann Trevor Tweeten bleibt mit seiner schweren Kamera in Bewegung – „Er war hinterher völlig fertig“, merkt die Dramaturgin an –, wandert zu Beginn vom Opernplatz durch die Pforten auf die Bühne. Dort kommt es zu einem steten Bilderfluss, der eine schöne Balance zwischen Nähe und Distanz hält: Man sieht etwa deutlich, wie die Stagehands dafür sorgen, dass das Bühnenbild im Verlauf immer offener, aber auch immer kahler wird, auf der anderen Seite zoomt die Kamera nie gar zu plakativ in die Gesichter der Akteure hinein. Ab und an mehren sich die Bildebenen, sei es durch Split Screens, sei es dadurch, dass man etwa zugleich die Darstellung und auf einem Bühnenmonitor das Wirken von Dirigent Florian Groß verfolgen kann. Die Corona-Masken der Akteure und die Trennscheiben zwischen den Musikern machen das Geschehen noch unheimlicher, als es ohnehin schon ist.

„Die Musik ist am Anfang sehr affektgeladen“, sagt Gebauer, und Frost nennt als einen wichtigen Einfluss Schostakowitschs Streichquartette, bei denen er heftige Aggressionen mit einer „meditativen Drone-Qualität“ gekoppelt sieht. So schickt er im ersten Teil Schlagwerk und Streicher auf die Reise in eine Art Minimal Music, die aber nichts Entspannendes an sich hat, sondern irgendwann nachgerade nervt und dies im Sinne des Komponisten auch durchaus soll: „Ich widersetzte mich dann sechs Monate lang ständig dem Drang, diesen Sound zu mäßigen oder ihm eine Lösung oder Auflösung und Entlastung zu gestatten – das war eine große Herausforderung.“

Die Vermischung von Opern- und Schauspielensemble klappt tadellos. Die Textebenen auf Deutsch und Englisch schieben sich ineinander; manche Kernsätze bleiben hängen, loten auch schon mal die Grenzen dessen aus, was auf der Bühne überhaupt möglich ist: „Ich kann mir das nicht vorstellen“, heißt es dann beispielsweise. Irgendwann driftet die Grundstimmung in andere Gefilde, das Licht wird so diffus wie die Musik mit ihren zunehmenden elektronischen Effekten: „Diffus ist ja auch die Aufklärung des Mordes“, erläutert Gebauer. „Akten mit wichtigen Informationen sollten erst 120 Jahre lang gesperrt sein und sind es jetzt immer noch bis zum Jahr 2044.“ Ins gleiche Horn stößt auch Frost: „Die Musik endet in einem weitaus bedrohlicheren Zustand des Zerfalls. Musik ohne Struktur empfinde ich als äußerst unangenehm.“

Zum Schluss scheint ein kalter Wind über die Bühne zu wehen, etliche Minuten lang, und überhaupt ist das Betrachten des Films zweifellos anstrengend. Da diese Umsetzung, wie gesagt, ihre eigenen Gesetze hat, kann man daraus nur bedingt auf die Bühnen-Uraufführung schließen, die aktuell für das Frühjahr 2021 geplant ist. Womöglich ist die Oper live zugänglicher, womöglich noch anstrengender, was aber nicht unbedingt gegen sie spräche: Gemütlich darf es bei diesem Thema gar nicht werden.

Sehen

Morgen ab 20.30 Uhr bis übermorgen 8.30 Uhr unter staatstheater-hannover.de.

Von Jörg Worat

Zwischen Doku und Fiktion: „Der Mordfall Halit Yozgat – Eine Oper unter Quarantäne“. Fotos: Richard Mosse

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