Gemüse an die Macht

Deutsche Erstaufführung von Jacques Offenbach „König Karotte“ in Hannover

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Auch in der Welt der Gemüse gibt es Neid, Missgunst und Liebeleien.

Hannover - Von Ute Schalz-Laurenze. Die Uraufführung von Jacques Offenbachs „Roi Carotte“ ist mit heute unfassbaren Zahlen belegt: 1 .150 Kostüme, 193 Bilder in vier Akten, innerhalb von sechs Monaten 193 Aufführungen und einer sechsstündigen Uraufführung. Und doch verschwand das Werk in der Versenkung, bis es 2015 rekonstruiert und in einer dreistündigen Fassung in Lyon aufgeführt werden konnte. Und nun gab es in Hannover von dieser Fassung eine viel bejubelte, glänzende deutsche Erstaufführung, die der Musical-Fachmann Matthias Davids verantwortet.

Er hat in dem fantasiereichen Bühnenbildner Mathias Fischer-Dieskau und dem forschen Dirigenten Valtteri Rauhalammi kongeniale Kollegen für die kurzweilige Aufführung der „opéra-bouffe-féerie“, so der Untertitel des übermütigen Werkes mit dem Text von Victorien Sardou. Das heißt, er verbindet die Offenbachsche „Opéra Bouffe“ mit der beliebten Gattung „Opéra féerie“. Offenbachs Werke halten dem ganzen hohlen Treiben der Weltstadt Paris einen einzigartigen, von allen Schichten akzeptierten und bejubelten Spiegel vor.

König Karotte übernimmt mit seinen Gemüsekollegen (herrliche Kostüme für Lauch, Kartoffel, Rote Bete von Susanne Hubrich) die Herrschaft in Krokodyne, weil der verschwenderische und vergnügungssüchtige Regent Prinz Fridolin XXIV charakterlich auf der ganzen Linie versagt. Aber er, der Vertreter des Ancièn Régime, wird von seinen Freunden in die Lehre geschickt, um Toleranz und vielleicht auch Demokratie zu lernen. Zwischenzeitlich hat sich der Karottenkönig, der mit Hilfe der Hexe die Macht übernommen hat, als unfähig und korrupt erwiesen. Dies bringt das Volk zur entschiedenen Revolution: Um Rente, Mietpreise und bezahlbare Lebensmittel geht es da. Fridolin kommt zurück und heiratet nun seine große Liebe Rosée-du-Soir. Davids verzichtet wohltuend auf moralisierende Aktualisierungen, wie sie im Programmheft sehr wohl angedeutet werden. Zumal man von selbst an Nordkorea, Polen oder auch Lateinamerika, aber auch Herrn Trump denkt.

Lustvoll, witzig und riesengroß werden die Tablaus erstellt, wenn Fridolin auf Zeitreise geht: nach Pompei, um den Ring des Salomo zu finden, ins Reich der Ameisen, auf eine Affeninsel. Alles ist unwahrscheinlich und wird von Davids mit einer perfekten Mischung aus Parodie, Wirklichkeit (besonders die Liebesgeschichte mit der sich für Fridolin aufopfernden Rosée), Skurrilität, Absurdität und unerhörter Lust an bühnentechnischen Effekten wie dem Abreißen von Armen und Beinen erzählt. Einer der Höhepunkte: wie die Truppe um Fridolin die Pompejaner von der gerade erst erfundenen Eisenbahn überzeugen will.

Große Leistungen im Ensemble

Und das Stück bringt, wie alle Bühnenwerke Offenbachs – den Karl Kraus zu recht den „größten Satiriker aller Zeiten“ nannte – eine unfassbare Fülle guter Musik. Es gibt Ensemble-Szenen, die schon nach „Hoffmanns Erzählungen“ klingen – so das Quintett „Der Anblick lässt uns erschauern“ angesichts des rauchenden Vesuvs. Es gibt Lieder, Tänze, großartige Chöre (toll und kraftvoll gesungen) und ungemein einfallsreiche Instrumentierungen wie das Gewusel der Ameisen.

Der gute Offenbach-Interpret muss viel können: Wie ein Schauspieler sprechen, parlandoartig singen und vor allem auch noch richtig singen. Alle Darsteller des Ensembles bewältigten diese Aufgaben fabelhaft. Eric Laporte als Fridolin, Athanasia Zöhrer als Rosée-du-Soir, Mareike Morr als Robin, Stella Morina als Kunigunde und Sung-Keun Park als Karotte seien hier stellvertretend für alle großen Leistungen dieses Abends genannt. Andere Theater werden sich die Wiederentdeckung dieses grandiosen Stückes nicht entgehen lassen.

Die nächsten Aufführungen an der Staatsoper Hannover sind am 11., 14., und 23. November

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