Gemischtes Doppel

Blick Bassy und Aline Frazão kommen in die Bremer Glocke

+
Aline Frazão

Bremen - Von Rolf Stein. Es ist ein gelinde gesagt ein etwas bestürzendes Bild, das sich am Dienstagabend beim Betreten des großen Saales des Bremer Konzerthauses Glocke bietet: Gerade einmal zu einem Drittel sind die Stuhlreihen besetzt. Kurzerhand dürfen deshalb die Gäste von den hinteren Plätzen nach vorne aufrücken. Hier werden sie zunächst Zeugen eines höchst eindrücklichen Konzerts des kamerunischen Künstlers Blick Bassy, der mit seiner dreiköpfigen Band vor allem die Songs seines ganz neuen Albums „1958“ aufführt.

Das erst wenige Tage zuvor veröffentlichte Werk besticht durch seine musikalische Sprache, deren Eigenständigkeit sich nicht sofort erschließt. Oberflächlich betrachtet haben seine Songs konventionelles Pop-Format, haben ihre Wurzeln aber in traditioneller kamerunischer Musik, die Texte sind in Bassa geschrieben, Bassys Muttersprache. Sie sind rhythmisch komplex, ein Schlagzeug oder Ähnliches sucht man allerdings vergebens. Stattdessen: Cello, Trompete, Posaune. „1958“ ist aber nicht nur musikalisch spannend, sondern auch ein hoch politisches Album. Bassy gibt dem auch in der Glocke Raum.

Als Intro hören wir eine Rundfunkansprache, die ersten Songs spielt Bassy mit seiner Band ohne Unterbrechung, erst dann gibt es die wichtigsten Koordinaten zur Einordnung des Gehörten. Ein Kurzabriss der Geschichte Kameruns, dann die Sache mit dem Jahr 1958, dem Jahr, in dem der Freiheitskämpfer Ruben Um Nyobé von den Franzosen ermordet wurde. Und was danach kam: das postkoloniale Kamerun, das die Erinnerung an Um Nyobè aus politischen Gründen unterdrückte.

Blick Bassy

Zwar leidet Bassys Auftritt anfangs ein wenig an einer etwas unklaren und unausgewogenen Abmischung. Dennoch zieht er mit seinen exzellenten Begleitern Clément Petit (Cello und Gesang), Johan Blanc (Posaune, Keyboards und Gesang) sowie Arno de Casanove (Trompete, Keyboards und Gesang) das Publikum in seinen Bann, das die Vier nach ihrem rund einstündigen Auftritt für eine Zugabe zurück auf die Bühne klatscht, die Bassy allein bestreitet, wobei er noch einmal eindrucksvoll seinen beträchtlichen Stimmumfang beweist.

Aline Frazão, die nach der Pause auftritt, kommt aus Luanda, der Hauptstadt Angolas. Jahrhunderte lang war das Land Teil des portugiesischen Kolonialreichs, 1975 erst wurde Angola unabhängig. Diese Geschichte ist in Frazão Musik allerdings eher implizit zu hören. Viele ihrer Songs erinnern an brasilianische Musik, an Samba oder Bossa Nova – wobei es sich hier nicht einfach um einen Export aus der Neuen Welt handelt. Denn Samba geht vermutlich auf einen angolanischen Tanz namens Semba zurück, der mit Sklaven nach Brasilien kam. Der Weg dorthin führte wiederum über die Kapverden, deren Besiedlung sich einst dem portugiesischen Sklavenhandel verdankte. Auch kapverdische Einflüsse finden sich in Frazãos Liedern, die sie mit ebenfalls dreiköpfiger Band aufführt. Auf ihrem vierten Solo-Album hat sie diese Mixtur, in der auch Jazz--Elemente eine wichtige Rolle spielen, verfeinert. Live darf Bassist Mayo ab und an den Funk-Daumen knattern lassen, während der Schlagzeuger Ivan Campillo nicht viel Aufhebens um seine komplexen Rhythmen macht. Dazu kommt noch die Trompeterin Jéssica Pina, die immer wieder geschmackvolle Soli bläst und Frazão darüber hinaus mit luftigen Vokalharmonien unterstützt.

Die emotionale Intensität des Auftritts von Blick Bassy erreicht Frazão allerdings nur punktuell. Ein Kontrapunkt zu den jazzigen Bossa-Nummern ist „Poema em sol poente“, das die Musikerin, die sich ansonsten auf der akustischen Gitarre begleitet, zum Kisanji, einem Daumenklavier, singt.

Die Herzen Publikums gewinnt Frazão dennoch, sodass auch sie nach ihrem einstündigen Auftritt noch einmal für eine Zugabe auf die Bühne der Glocke zurückkommen darf.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Istanbul-Wahl wird zur krachende Ohrfeigen für Erdogan

Istanbul-Wahl wird zur krachende Ohrfeigen für Erdogan

CDU-Spitze: AfD indirekt mitverantwortlich für Lübckes Tod

CDU-Spitze: AfD indirekt mitverantwortlich für Lübckes Tod

Hitze in Deutschland bringt möglicherweise Temperaturrekord

Hitze in Deutschland bringt möglicherweise Temperaturrekord

Bund will gegen Österreichs Fahrverbote klagen

Bund will gegen Österreichs Fahrverbote klagen

Meistgelesene Artikel

Simon Zigah mit Hübner-Preis geehrt

Simon Zigah mit Hübner-Preis geehrt

Die Würde des Weltalls

Die Würde des Weltalls

Wieder auf die Spitze

Wieder auf die Spitze

Im Auge von Doris Day

Im Auge von Doris Day

Kommentare