Gemälde und Hitze: Landesmuseum Hannover zeigt „Brandbilder“

Rot hält am längsten

Unfreiwillige Collage: Auch der „Württembergische Dragoneroffizier zu Pferde“ von Slevogt hat einiges abbekommen.
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Unfreiwillige Collage: Auch der „Württembergische Dragoneroffizier zu Pferde“ von Slevogt hat einiges abbekommen.

Hannover - Von Jörg Worat. Was ist denn das für eine Ausstellung? Alle Gemälde sind beschädigt, weisen Schwärzungen, Fehlstellen, Risse auf; auf manchen erkennt man so gut wie gar nichts mehr. Gerade das ist hier der Knackpunkt: Wir befinden uns im Niedersächsischen Landesmuseum Hannover, und diese Arbeiten gehören zur sehr speziellen Schau „Brandbilder“ – als Beitrag zum Ende des Zweiten Weltkriegs vor 70 Jahren.

Denn die Kunstwerke haben die verheerende Bombennacht vom 8. auf den 9. Oktober, als Hannover zu Großteilen in Schutt und Asche fiel, zwar überlebt, aufbewahrt in einer Stahlkammer des Lohnamts an der Friedrichstraße. Doch als man sie endlich aus den Trümmern des völlig zerstörten Gebäudes bergen konnte, hatten die höllischen Temperaturen ihre Spuren hinterlassen. Im Tresor dürften tagelang mehrere 100 Grad auf die Bilder eingewirkt haben.

„Einzelne Arbeiten sind schon in anderen Zusammenhängen gezeigt worden, zum Beispiel bei einer Stadtarchiv-Ausstellung über die Sammlung des jüdischen Kaufmanns Gustav Rüdenberg aus Hannover“, sagt Kuratorin Claudia Andratschke. „Aber nun nehmen wir das historische Datum zum Anlass, um erstmals eine Auswahl der Brandbilder zu zeigen, eben weil es Brandbilder sind.“ 19 Gemälde aus der Zeit vom Spätmittelalter bis zum Impressionismus sind vertreten und große Namen wie Hodler, Corinth, Lenbach oder Slevogt. Von Letztgenanntem stammt das vielleicht spektakulärste Werk der Schau, der „Württembergische Dragoneroffizier zu Pferde“ aus dem Jahre 1902.

Die restauratorische Feinarbeit ist neben der historischen Bedeutung ein zentrales Thema der Schau. Unter Umständen könnten gut gemeinte Rettungsversuche sogar eher Schaden anrichten: „Zumal wir den Ursprungszustand oft nicht kennen“, betont Andratschke. In manchen Fällen sind Schwarzweißfotos aus der Zeit vor der Zerstörung beigefügt, die zwar Aufschluss über die einstigen Strukturen, nicht aber über die eigentliche Farbgestaltung geben können. Immer wieder sollen Defekte bewusst belassen werden. So weist etwa ein arg ramponiertes, wahrscheinlich im Spanien des 17. Jahrhunderts entstandenes Damenbildnis Fremdfarben auf, die durch Verschmelzungen mit einem anderen Gemälde entstanden sind: „Die könnte man natürlich entfernen“, sagt Andratschke, „aber das würde dem Ansatz dieser Ausstellung nicht gerecht werden.“

Beim Rundgang fällt auf, wie unterschiedlich der Grad der Zerstörung ist. Erstaunlich gut erhalten wirken oft Rottöne, „weil diese Farbe hitzebeständiger ist“, wie die Kuratorin weiß. Ein Stillleben mit Enten aus der Hand des exzentrischen prämodernen Malers Carl Schuch hat sich dagegen in eine reinschwarze Textur verwandelt, die fast schon wieder so etwas wie eine eigene Ästhetik aufweist. Zum Vergleich ist ein unbeschädigtes Bild dieses Künstlers zu sehen, ebenso bei Franz von Lenbach, dessen kräftiges Weiß in einem besonders scharfen Kontrast zu den verbrannten Bildern steht.

Auf manche regelmäßigen Besucher des Landesmuseums wartet dann vielleicht sogar eine große Überraschung, finden sie doch Lovis Corinths Gemälde „Nacktheit“ aus dem Jahre 1908 fast an vertrauter Stelle wieder: „Es wirkt auf den ersten Blick völlig unbeschädigt“, sagt Claudia Andratschke, „nicht zuletzt, weil in der Nachkriegszeit einige Stellen retuschiert worden sind. Ob das dem Bild wirklich gut getan hat, muss allerdings jeder für sich selbst entscheiden.“

Die Kuratorin ist übrigens Expertin für Provenienzforschung, sodass die Ausstellung auch Informationen zu diesem Aspekt bietet. Fazit: Die Schau, die bis zum 6. September läuft, umfasst zwar nur einen einzigen Raum – aber zu entdecken gibt es hier wahrlich jede Menge.

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