In Bremen eröffnet das Literaturfestival „Poetry on the Road“

Gelungener Poesie-Marathon

Wiglaf Droste - Foto: Axel Martens

Bremen - Von Jens Laloire. Am Ende, 20 Minuten vor Mitternacht, ist der Kopf voll mit Poesie, einfühlsamen Versen aus Schweden, schwermütigen Gedichten aus Österreich, musikalischer Lyrik aus Jamaika und filigranen Poemen aus Deutschland. Über dreieinhalb Stunden erstreckte sich die Eröffnungsveranstaltung des 17. Internationalen Literaturfestivals „Poetry on the Road“ am Freitag im ausverkauften Theater am Goetheplatz. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Veranstaltung bereits eine Dreiviertelstunde alt ist, als Moderatorin Silke Behl endlich den ersten Gast vorstellen darf. Zuvor gibt es den üblichen Vorlauf einschließlich der offiziellen Begrüßung durch die Staatsrätin für Kultur, Carmen Emigholz.

Doch gleich der erste Dichter entschädigt: Der 1978 auf Jamaika geborene und in England lebende Kei Miller kartografiert in seiner fein durchrhythmisierten Lyrik die Karibikinsel, die vielen als Paradies gelte, was jedoch „Bullshit“ sei. Mit warmem Timbre und brillanter Modulation unterstreicht er, wie die der mündliche Vortrag die Ausdruckskraft von Gedichten zu multiplizieren vermag. Ein negatives Gegenbeispiel bietet direkt danach der österreichische Universalliterat Raoul Schrott, der seine Lyrik in einer schwermütigen Lesung teilweise geradezu vernuschelt. Allein das letzte Gedicht des 52-Jährigen – über das Grab eines eritreischen Flüchtlings in Libyen – vermag zu berühren. Doch da sind die ihm zur Verfügung stehenden zwölf Minuten bereits um und mit Wiglaf Droste kehrt die Satire ein. Nach einem amüsanten Exkurs in seine Lyrik-Sozialisation und einer Hommage an Harry Rowohlt gibt Droste in Begleitung des Musikers Danny Dziuk zwei Bob-Dylan-Songs zum Besten. Da nach der Droste-Show eigentlich alles bereit ist für die Pause, geht die anspruchsvolle Poesie der schwedischen Dichterin Linda Boström Knausgård leider etwas unter.

Dass nach der Pause einige Plätze frei bleiben, ist angesichts der Uhrzeit (22.30 Uhr) verständlich, wenn auch bedauerlich – zumindest für die, die gegangen sind, denn mit Alfred Brendel gibt es nach der Pause einen der Höhepunkte des Abends. Der weltberühmte Pianist erweist sich als Sprachvirtuose und erntet für seine schwarzhumorigen Verse viele Lacher sowie den wohl größten Applaus des Abends. Mit Nora Bossong kehren wieder ruhigere Töne ein, bevor ein offenbar wegen der späten Uhrzeit leicht vergrätzter Georg Ringsgwandl auftritt. Nach einem grantigen Einstieg ist das Publikum vom absurden Humor der zwei dargebotenen Lieder derart begeistert, dass der bayerische Kabarettist gar zwei Zugaben spielen muss, was ihn mit dem Abend zu versöhnen scheint.

Wenn es nun neben den deutschen Übersetzungen – die bei allen fremdsprachigen Texten zum Mitlesen eingeblendet werden – auch noch englischsprachige Übersetzungen der deutschen Texte für die internationalen Gäste gäbe, wäre es ein vollauf gelungener Auftakt. Wäre doch schön, wenn alle die Möglichkeit hätten, alles zu verstehen – damit sie gemeinsam poesietrunken in die Bremer Nacht hinaustorkeln können.

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